Feodor 30.11.-0001, 00:00 Uhr 18 33

Nach dem Tag

Komm, Nacht!

Die Ambulante geht, wann sie will, auch, wenn sie es nicht will. Sie fliegt mit Schmerzen im Bein und weint heimlich unter ihrem Umhang. Sie verwickelt sich in ihm, verwickelt sich in Nachtluftströme, in Gespräche mit dem Wetterhahn auf der Kirchturmspitze, hofft, dass er ihr die Richtung angibt, nur um sie nicht einzuschlagen. Sie grübelt über Glaubende, sucht Obdach zwischen Obdachsuchenden. Unter Gleichgesinnten fühlt sie sich wohl, teilt alles, entdeckt sich wieder im löchrigen Schlafsack eines unterbergigen Soziuses, wenn der Umhang doch mal zu klein ist, fegt den nächsten Tag in die eine Ecke, um dann in der anderen zu schmollen. Haben die alten Penner von gestern doch nicht ihre leeren Versprechen gehalten und die von morgen kennt sie schon.

Sie hat alles gesehen, jedoch nicht genug. Drum raus aus dem toten Winkel, bevor man sie übersieht. Das würde sie nicht dulden. So viele kreuzten noch nicht ihren Weg, denen sie mitteilen muss, dass der Fluss des Lebens seinen Quell erst entdeckt hat und sie einen Gutschein dafür geschenkt bekam. Für sich plus eins, durch ein nettes Geplänkel sicher auch plus drei. Deshalb fliegt die Ambulante immer weiter, denn wer solch ein Wissen mit sich trägt, muss seine Schwingen nutzen, den Umhang als Taschentuch und Ort der Zuflucht, als Stück Schokolade, wenn das Brot nicht mehr schmeckt, einfach glauben, dass alle Stricke reißen können, das Gefühl der Sicherheit würde kommen. So ist sie, so war sie immer. Eigensinnig, modern, den Abschiedsgruß stets auf den Lippen.

Plötzlich klopft es. Dabei wusste sie noch nicht mal von einer Tür. Es ist der innere Frieden. Erschöpft sackt die Ambulante in sich zusammen, als hätte sie die Sehnsucht auf ihren Befreiungsschlag Jahre gekostet. Und so war es.

Einmal dreht sie sich noch um: „Opa, lass nicht so lang auf dich warten!“

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18 Antworten

Kommentare

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    • 0

      Danke, Hauptsache, 's stinkt nicht?!

      09.12.2014, 17:51 von Feodor
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  • 1

    Sehr einfühlsamer Text, doch bevorzug ich lieber ein wenig Obst anstatt Schokolade, denn dann ist der Abschied nicht so traurig, obwohl das auch wiederum Subjektiv ist, gefällt mir dein Schreibstil und wünsche der Ambulante aufrichtiges und lang wirkendes Stehvermögen in Situationen, wo nicht immer Ihr "Ready to Go" gefragt ist und die Farbe auf "Grün" zeigt, sondern in so welchen, wo Sie halt macht und rückblickend sich umdreht, um des Herzenswillen nichts vergessen zu haben, so sieht man doch lieber "Rot als Tod" ..;)

    06.12.2014, 14:44 von mr.notice
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    • 1

      Ich hab es auch noch nicht verstanden. : /

      07.12.2014, 22:16 von Feodor
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  • 1

    ich stell mir grad nen krankenwagen mit flügeln vor, der wild durch die gegend flattert. ich brauch mehr kaffee.

    ach ja, beim inneren frieden hat sich ein n zu viel eingeschlichen.

    06.12.2014, 11:57 von IceIceFriedhelm
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      : |   

      06.12.2014, 18:24 von Feodor
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  • 1

    Gänsehaut :)

    05.12.2014, 11:53 von Frl-Czernatzke
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