Esthy 12.12.2009, 12:23 Uhr 4 1

Nabend

Wie das Grüßen eines Fremden auf der Straße mich völlig aus der Bahn wirft, ich in der U-Bahn aber wieder zu mir selbst finde.

„Nabend“. Ein Mann hat mich auf der Straße gegrüßt. Ein unbekannter Mann, an dessen Gesicht ich mich schon gar nicht mehr erinnere. Dabei ist er gerade eben an mir vorbeigegangen. Bis dahin war mein Weg zu U-Bahn ruhig verlaufen, eher in mich gekehrt. Sein Gruß riss mich quasi aus meiner Alltagstrance. Erst jetzt, wo ich endlich realisiert habe, dass sein „Nabend“ wohl mir gegolten haben muss – und nicht etwa einem Gesprächspartner am Ende der Leitung eines kaum sichtbaren, neumodischen Handy–Headsets – drehe ich mich nach ihm um. Ich brumme etwas Unverständliches, doch er ist bereits in der Dunkelheit verschwunden.

Seine freundliche Begrüßung ruft Skepsis in mir hervor. Mein Kopf rattert. Diverse Vermutungen über den Grund seiner Begrüßung schießen mir wie Pilze aus den Tiefen meines verkalkten Bewusstseins. Vielleicht. Bestimmt. Wahrscheinlich.
Bestimmt wieder so ein Irrer, der doch nur Selbstgespräche führt. Oder er wollte mich einfach nur anmachen. Klar, das ist es. Billige Nummer.
Vielleicht kannten wir uns ja auch und ich hab ihn jetzt nicht erkannt. Peinlich. Vielleicht hat er mich aber auch mit jemandem verwechselt. Es ist ja schließlich dunkel. Was auch sein könnte ist, dass er mich ablenken wollte. Der Gruß hat mich so perplex gemacht, dass er mich in Windeseile bestohlen hat, der Trickdieb. Ein schneller Griff in meine Jackentaschen versichert mir jedoch, das Handy, Portmonee, i-pod und Schlüssel sich noch an Ort und Stelle befinden.

Horrorfilmszenarien fallen mir ein. Er könnte ein Psychopath sein, der seine Opfer erst freundlich grüßt, sie dann verfolgt, betäubt und zu Tode quält. Automatisch werde ich einen Schritt schneller und drehe mich nervös um. Bloß nicht zu auffällig. Der Verfolger soll nicht merken, dass ich bereits Wind von seinem perversen Plan bekommen habe. Hinter mir verlässt gerade eine ältere Frau die Apotheke. Sie zieht einen Einkaufsroller hinter sich her. Im Licht der Straßenlaternen erkenne ich auf der anderen Straßenseite ein händchenhaltendes Paar. Ein Mann, der mich verfolgen könnte, ist weit und breit nicht zu sehen. Ich verlangsame meinen Gang wieder. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass irgendetwas an seiner Begrüßung faul zu sein scheint. Vielleicht wurde er ja auch verflucht und kann sich nur von dem Fluch befreien, in dem er die verrücktesten Sachen anstellt. Um mal beim Thema Horror zu bleiben. Zu den verrückten Sachen gehört dann auch eindeutig das Grüßen wildfremder Menschen auf der Straße. Oder hat er den Horrorfluch jetzt sogar auf mich übertragen? Ein bösartiger Zigeunerfluch weitergegeben an mich durch ein simples „Nabend“. Und ich hab auch noch zur Übertragung beigetragen, den Fluch nicht abgewehrt, in dem ich seine Begrüßung nicht aufrichtig erwidert habe. Ich Pechvogel. Nein. Es muss eine Anmache gewesen sein. Und ab heute höre ich wirklich auf, mir Horrorfilme anzusehen. Aber was ist wenn da doch was dran ist?

Immer tiefer verstricke ich mich in wirre Gedanken. Die Begrüßung will mir einfach nicht richtig vorkommen. Ganz im Gegenteil, sie kommt mir sehr falsch vor. Ungewöhnlich. Nabend. Guten Abend. Und das von einer fremden Person. Er kennt mich doch gar nicht. Ich könnte es doch gar nicht verdient haben, einen guten Abend gewünscht zu bekommen. Ich hätte einer kurzsichtigen Kassiererin beim Wechselgeld betrogen haben oder das letzte Eis aus dem WG-Kühlschrank geklaut und die Schuld einem anderen zugewiesen haben können. Aber nein. Der „Begrüßer“ geht ganz vorurteilsfrei an die ganze Sache ran und wünscht Gott und der Welt einen schönen guten Abend. Einer von der Sorte immernett. Eine Frohnatur. Das Grüßen aus Nettigkeit. Ein kleiner Kommunikationsansatz und ein Ausbrechen aus der Anonymität. Doch das verstört die meisten Menschen. Mich eingeschlossen. Gleich bin ich an der Bahnstation angekommen und denke immer noch an den Mann, mache ihm Vorwürfe für seine nette Absicht.
Das ist doch traurig! Wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Eine grauenvolle Welt in der wir leben und ich schwimme mitten im Strom. Der Mann hat sich doch lediglich auf alte, gute Werte berufen, die sich in unserer heutigen Welt kaum noch wiederfinden. War es früher denn nicht normal, sich auf der Straße zu grüßen? Heute lässt das „Nabend“ eines Fremden auf der Straße Alarmglocken läuten, anstatt das Herz zu erwärmen und den Kontakt zu den Mitmenschen entstehen zu lassen. Mitglied einer solchen Gesellschaft möchte ich doch gar nicht sein. Wie die anderen wollte ich doch gar nicht sein. Nie. Ich schäme mich zutiefst. Meine Reaktion ärgert mich immens. Das kann ich doch besser. Ich breche aus! Ab heute werde ich mich öffnen und der Anonymität entfliehen. Wenn mir das nächste Mal ein Mitmensch ein Zeichen des sozialen Austauschs macht, werde ich dem nicht ausweichen. Und wenn es nur ein nettes Grüßen an einem Novemberabend ist. Ich werde zurückgrüßen, laut und deutlich und mit einem Lächeln im Gesicht. Alle Zweifel werfe ich ab heute über Bord. Ich glaube wieder an das Gute im Menschen. Mir liegt doch was an meiner Umwelt und den Anderen, die sie mit mir teilen. Das gegenseitige Interesse muss einfach wieder hergestellt werden. Danke. Danke unbekannter Grüßer, dass du mir die Augen geöffnet hast. Du hast mich von einem wegsehenden, pessimistischen Skeptiker zum Optimisten gemacht. Ich habe gerade sehr viel gelernt. Ich danke dir.

Als ich in die Bahn steige steht mir der Schweiß auf der Stirn. Und das bei Minusgraden in der Stadt. Erschöpft vom Denken lasse ich mich auf einen Fensterplatz in einem leeren Viererabteil sinken. Ich atme durch und komme wieder zur Ruhe. Stolz über meine neue Erkenntnis und meinen Mut zur Veränderung lehne ich mich zurück.
Im Gang trippelt ein älterer, grauhaariger Mann mit Gehstock auf mich zu. Er setzt sich direkt vor mich hin. Mein Blick streift sein Gesicht. Grauweiße Härchen ragen ihm aus der großporigen Nase. Seine Augen scheinen etwas Gelbliches zu haben. Und die vielen Falten. Unsere Blicke kreuzen sich. Augenkontakt, wenn auch nur kurz. Der Mann lächelt mich freundlich an. Er holt Luft, als wolle er etwas sagen.

Doch da mache ich ihm einen Strich durch die Rechnung. Demonstrativ krame ich meinen i-pod aus der Jackentasche. Mit zwei gekonnt, flinken Bewegungen lasse ich die In-Ear-Kopfhöher in meinen Ohrmuscheln verschwinden und drehe die Lautstärke auf. Geschafft. Nicht, dass der Opa noch anfängt mir die ganze Fahrt über seine Lebensgeschichte zu erzählen. Ich hab schließlich noch vier Stationen vor mir.

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4 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Jap this is it! Ganz cool so ähnliche gedankengänge hat jedermal. Toll geschrieben

    14.12.2009, 22:39 von SoulMamo
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  • 0

    Mir ist das mit dem Grüßen auch schon öfter passiert... Komische Gesellschaft. Ich hab mich auf's Lächeln verlegt, das ist irgendwie unverfänglicher und wirkt auch ganz gut... :)

    14.12.2009, 13:32 von mixtapeape
    • 0

      @mixtapeape Dein Lächeln ist eh das beste, Mr. Charming
      ;-)

      14.12.2009, 13:40 von Surecamp
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    Zigeunerfluch

    Scheisswort

    12.12.2009, 22:36 von Surecamp
    • 0

      @Surecamp Jaja...da würde ich dir auch direkt zustimmen. Der Begriff ist so nicht korrekt... Es sind jedoch nun mal die Gedankengänge des Ich-Erzählers, von denen ich ich mich persönlich distanzieren muss...

      13.12.2009, 15:55 von Esthy
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  • 0

    nuja..gute vorsätze..
    die nur das bleiben..vorsätze
    und im nächsten moment schon wieder vergessen sind^^
    schön geschrieben

    12.12.2009, 12:48 von IIR
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