Mut zum Hungern.
Um 0.00Uhr heute Nacht endete ein mir selbst auferlegter eintägiger Hungerstreik. Die Idee dazu erhielt ich von den Vereinten Nationen.
Zuerst gehört hatte ich davon Tags zuvor im Radio, ich dachte mir im Stillen, dass das eventuell auch was für mich wäre. Der Generalsekretär der FAO (Food and Agriculture Organization – UN), Jaques Diouf rief angesichts des am Montag, dem gestrigen Tag, beginnenden Welternährungsgipfels dazu auf, gemeinsam mit ihm als Zeichen der Solidarität mit über einer Milliarde hungernden Menschen auf Erden für einen Tag in den Hungerstreik zu treten. Ziel sei es, auf das Schicksal der Menschen aufmerksam zu machen, die an Hunger leiden oder sterben. Wenn nicht jetzt etwas geschehe, wenn nicht jetzt die Weichen richtig gestellt würden, wäre das Versprechen, die sogenannten Milleniumsziele, nicht mehr einzuhalten.
Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte daraufhin am Freitag vergangener Woche, er wolle sich am Hungerstreik, der datiert war auf den Sonntag vergangener Woche, beteiligen. Für 24 Stunden stellte er das Essen ein, genauso wie Diouf, der bereits von Freitag auf Samstag auf jegliche feste Nahrung verzichtete.
Ich hatte von Anfang an große Sympathien für diese Aktion, hinterfragte ich auch kurz die Zweckmäßigkeit und Erfolgschancen. Es ist natürlich kaum zu tadeln, wenn so mächtige Männer wie es die Beiden oben genannten sind so klar Partei für die Schwächsten und Ärmsten ergreifen, doch hat man im Verlauf der Geschehnisse mittlerweile gelernt, stets mit Misstrauen an die ehrenwerten Vorhaben der mächtigen Männer und Frauen auf der Welt heranzutreten. Bestes Beispiel dafür ist der, auch von mir, mit Vorschusslorbeeren bestückte amerikanische Präsident, der seinen hohen Versprechen nur laue Kompromisse folgen lassen konnte oder wollte.
Ebenfalls fraglich ist, ob ein eintägiger Hungerstreik auch nur Nuancen einer nötigen Aufmerksamkeit für das Thema extremen Hungers erreichen kann. Es ist ja auch kaum eine Leistung, einen Tag nichts zu essen und dann zur Tagesordnung überzugehen, eine gute PR ist es dafür allemal. Noch besser wäre es jedoch, wenn bei Popstars gehungert wird, das würde jedenfalls mehr Menschen erreichen, als wenn so unbekannte Gestalten wie der römische Bürgermeister einen Tag nichts essen.
Nun, ich war etwas skeptisch, und doch imponierte mir diese Idee so sehr, wollte auch ich ein Zeichen, wenn auch ein noch so kleines, setzen, nicht nur als Ausdruck der hungernden Mitmenschen, sondern auch als Protest gegen das vorherzusehende desaströse Scheitern des Weltklimagipfels in Kopenhagen in drei Wochen. Darum entschloss ich mich, wenn auch erst Sonntag Abend um halb zwölf, am folgenden Tag, also gestern, ebenfalls in den Hungerstreik zu treten.
Das Ganze war, in Anbetracht meines prall gefüllten Bauchs, am Abend waren wir beim Griechen gewesen, in der Nacht noch kein Problem, Ich schlief bis zum nächsten Mittag und wachte nichtmal hungrig auf, höchstens mit Appetit, den ich allerdings leicht beiseite schob. Als meine Freundin dann anfing, sich Toasts zu machen und dazu Würstchen und den ganzen Kram zu essen, war der erste kleine Machtkampf innerhalb meines Körpers auszutragen. So langsam beobachtete ich wachsendes Interesse am Kühlschrank und am einfachen Griff hinein, Mund auf und rein damit, und da kam mir so etwas wie die Erleuchtung. Worum es hier eigentlich ging, war nicht das Signal setzen oder so, das war zweitrangig. Ich fühlte mich, und das war die Kern-Erkenntnis, hungrig, und statt mich dieses Gefühls so schnell es geht zu entledigen, wie es fast jeder Bürger der westlichen Industriestaaten täglich zu tun pflegt, war ich nun in der Situation, Nein sagen zu müssen, zu mir, zu meinem Körper, genauso wie Jemand Nein zu seinem Magen sagen muss, der nichts im Kühlschrank hat, nichtmal einen Kühlschrank besitzt, der schlicht und ergreifend hungern muss. Ich lernte das Gefühl kennen, wie es ist, ein hungernder Junge zu sein, ich lernte den Schmerz, das Verlangen, das Kribbeln im Bauch, das Knurren.
Es war furchtbar, ich fühlte mich elend, und noch viel elender fühlte ich mich mit dem Gedanken, morgen wieder zur normalen Tagesordnung überzugehen, den Kühlschrank auf, die Mikrowelle an, und dann wird verschlungen, was nicht bei drei auf den Bäumen sitzt. Und im Gegensatz dazu konnte ein Mensch, der dieses Gefühl täglich hatte, diesem nicht einfach entfliehen, wie ich es kann, er muss es ertragen, er muss um sein Leben, ja verdammt, sein Leben kämpfen, denn Essen ist das größte Privileg, das ich bis jetzt kennengelernt habe, es ist ein Grundbedürfnis zu essen, das ist uns „normalen“ Leuten gar nicht mehr bewusst, wir legen darauf schlichtweg keinen Wert mehr. Genuss gut und schön, ist nur eine Ersatzhandlung, weil uns der Hunger abhanden gekommen ist und wir uns dennoch irgendwie selbst belohnen wollen dafür, dass wir dem Überlebenskampf so erfolgreich trotzen.
Und so schwankte ich schon nach 16 Stunden echt hungrig durch die Wohnung, mir war kalt, ich schielte auf die Bananen im Obstkorb, ich malte mir ein Schinkensandwich aus, wie es da auf einem Teller liegt und mich angrinst, ich fühlte mich erbärmlich versnobt und privilegiert. Ich schämte mich für meinen Reichtum, für meine Gleichgültigkeit in Anbetracht des grasierenden Hungerproblems auf der Welt und meine Tatenlosigkeit, ich schämte mich dafür, ständig genießbare Lebensmittel wegzuwerfen, weil ich sie nicht mehr mochte, ich schämte mich stellvertretend für den gesamten deutschen Bundesstaat, weil er nichts oder zu wenig gegen die Missstände tat.
Manchmal öffnete ich den Kühlschrank, um etwas zu trinken zu holen, da war das Verlangen dann am größten, mehrmals ertappte ich mich dabei, gedankenverloren auf das Essen zu starren und musste mich zwingen, nicht per Routinegriff etwas schmackhaftes herauszunehmen. Diese Attitüde vertrieb ich mir mit Möbel packen, in zwei Tagen steht ein Umzug an, und lesen, circa fünf Stunden brachte ich so herum, bis mich mein Magen erneut heftigst bat, ihm doch mal was zum verdauen zu liefern.
Das Komische: dieses Mal lief ich zum Kühlschrank, goss mir Smoothie ins Glas, ohne ein erneutes Aufbegehren, ohne wildes Verlangen. Mein Geist schien sich mit seinem Schicksal schon abgefunden zu haben, während mein Körper noch abhängig vom wichtigen Rohstoff Kalorie ist. Ich hatte das Gegenteil erwartet. Überdies schrumpfte mein körperliches wie geistliches Vermögen langsam aber sicher in sich zusammen, und wenn das auch nur im Ansatz repräsentativ ist für einen vom Hunger befallenen Kongolesen, der jahrzehntelang unter ständiger Unterversorgung leidet, dann will ich lieber nicht erfahren, wie geistig und körperlich dieser eingeschränkt ist.
Nach einem in der Badewanne verbrachten Schlussspurt, der sich dadurch auszeichnete, in Appetit und Vorfreude auf den Moment nach 0 Uhr zu schwelgen, aber auch darüber nachzusinnen, was ich den ganzen Tag über empfunden habe, was ich an Erkenntnissen mitnehmen werde, hoffentlich ein bewussteres genießen von Nahrung und eine Demut gegenüber den mir und meinen Mitmenschen vorenthaltenen Sonderrecht. Dem Sättigungsgefühl.
Was meine politische Ziele anbelangt, so verlief der Welternährungsgipfel recht durchwachsen, das Klima läuft weiter aus dem Ruder. Wenigstens habe ich ein Zeichen gesetzt, meinen Horizont erweitert und meine Meinung lauthals kundgetan, alles was, in meiner Macht steht, getan. Zwar wollen sich erstmals alle Länder das „Recht auf Nahrung“ akzeptieren und die Hilfe zur Selbsthilfe wird in den Himmel der Entwicklungshilfemaßnahmen gelobt, doch ansonsten ist bis dato wenig Klarheit über den weiteren Weg in der Bekämpfung der weltweiten Hungersnot eingekehrt. Die deutsche Agrarministerien Aigner (CSU) ergeht sich in hohlen Phrasen und Versprechungen, bisweilen wird sie nicht mehr Geld zur Verfügung stellen. Man kann davon ausgehen, dass sie meinem Appell nicht folgen wird, aber vielleicht folgt sie wenigstens ihrem gesunden Menschenverstand, der, so wollen wir hoffen, über das primitive Maß hinaus ist, in der es heißt, fressen oder gefressen werden. Es ist genug für alle da, mehr als wir vertilgen könnten. Teilen wir es auf."Wichtige Links zu diesem Text"
FAO-Organization
Petition to end hunger
Quelltext Spiegel-online





Kommentare
Das gefällt mir.
17.11.2009, 15:06 von volumINAAnfangs hab ich mich gefragt, "Wieso macht ein Durchschnittsmensch einen Hungerstreik, von dem eh niemand etwas mitbekommt?" - und dann kam deine Erkenntnis auch zu mir.
Das eröffnet mir gerade völlig neue Denkweisen.