Maremile 16.07.2019, 10:10 Uhr 0 0

Morgenröte

Eine Alltagsgeschichte von Masken und Fassaden

Hermine steht mit Schürze am Frühstücksbuffet der Pension „Morgenröte“ im Kurort Seekirchen und richtet mit einer peinlich genauen Hingabe das Gebäck farblich geordnet von Vollkorn, Lauge bis zur klassischen Kaisersemmel an. Stolz blickt sie auf ihren Farbverlauf und dreht sich nach den ersten Gästen um: Ein junges, adrettes Ehepaar, das den gemütlich, blumigen Speiseraum betritt. Sie schnappt sich eine Kaffeekanne und steht noch vor ihnen am runden, eingedeckten Zweiertisch parat. Rotbäckig strahlend, lächelt sie in zwei müde Gesichter, die sie zwar sehen aber nicht ansehen. Der Kaffee fließt noch bevor die Gäste danach gähnen können. Nachdem Hermine ausgiebig Auskunft darüber gegeben hat, welche alt- und neumodischen Facetten von Ei die Küche zaubern kann, bleibt sie in der Nähe des Tisches stehen und lauscht dem Gespräch. Das graue Paar lässt sich erhaben über die Einfachheit der Leute in diesem Dorf aus. Wie schön es doch sei, keine wirkliche Aufgabe zu haben, das Gefühl nichts „Sinnvolles“ zu tun! Welch ein Luxus für die Menschen hier, die keinen Anspruch zu haben scheinen… Alles mit dem zynischen Unterton, sich selbst rühmend, anders zu sein. Ein Gespräch wie es Hermine schon tausende Male in dem letzten Jahr, in dem sie hier arbeitet, gehört hat. Zufrieden schmunzelt sie in sich hinein und ist einfach nur dankbar. Mit aufrechtem Haupt geht sie in die Küche und denkt sich amüsiert: Frau Prof. Dr. Dr. Hermine Mauerstein, Lehrstuhl Finanzökonomie, Broker, Coach für Investmentfragen und Unternehmensberaterin holt dann mal die Eier!

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