newsoul 07.10.2008, 13:37 Uhr 1 1

Menschenfresser und eine kleine Revolution

„HAUT AB! ALLE! IHR KÖNNT MICH MAL!“, schrie er plötzlich. Es war niemand da.

Jeden Morgen komme ich an einem grauen Bürogebäude vorbei. Ein Umwelt verschandelnder Klotz des Kapitalismus, der Menschen frisst, ihre Freizeit, ihre Freiheit.
Die Menschen, die dieses Verbrechen an der Ästhetik betreten müssen (ohne sich dabei zu übergeben), haben sich der Farbe angepasst. Ihr Teint ist ebenso fahl, wie die Außenwände des Gebäudes. Sie blicken auf den Boden. Seitenscheitel, Anzug, Aktentasche. Uniformiertes Unglück.
Ich bin nicht gläubig. Doch immer, wenn ich hier vorbei gehe, bete ich, dass ich später einen anderen Arbeitsplatz habe. Bunter, fröhlicher. Ich werde mir bei Vorstellungsgesprächen immer gleich das Gebäude von Außen angucken. Wenn es so aussieht, gehe ich gar nicht erst rein. Ich lasse mich nicht fressen. Wenn ich einen Hai sehe, schlage ich mir doch auch nicht auf die Nase und gehe blutend ins Wasser.
Eines Morgens stand einer der Gefressenen vor dem Haus. Eine Aktentasche baumelte verloren an seiner Hand. Ob wohl überhaupt etwas drin war?
Er schaute in den Himmel, mit dem Rücken zum Grau. Ich blieb stehen, beobachtete ihn unbemerkt. Sein Gesicht war nicht so aschfahl, wie es sonst wahrscheinlich aussah. Er trug einen schwarzen Anzug, gestreifte Krawatte, hellblaues Hemd. Und er blickt in den Himmel, ebenfalls hellblau, mit ein paar Schäfchenwolken.
„HAUT AB! ALLE! IHR KÖNNT MICH MAL!“, schrie er plötzlich. Es war niemand da.
Dann drehte er sich um, Richtung Haupteingang, und ging ein paar Schritte. Entschlossen wirkte er, und doch ging er wieder zum Menschen fressenden Block. Ein anderer Krawattengewürgter kam heraus, grüßte freundlich. Er erwiderte den Gruß nicht. Drehte sich erneut um, ging mit festen Schritten zur Straße und ließ mit dem letzten Schritt auf den Bürgersteig seine Aktentasche fallen, ohne große Gesten, er öffnete einfach die Hand und ging weiter. Der Mann vor dem Bürogebäude beobachtete die Szene verdutzt und traute seinen Augen kaum. Kopfschüttelnd zog er an seiner Zigarette, überlegte wahrscheinlich, ob er etwas sagen sollte. Etwas geriet hier aus den Fugen. Jemanden, der Alltäglichkeiten als Droge inhalierte, warf so etwas natürlich aus der Bahn.
Ich grinste und verfolgte mit meinen Blicken den, der seine Freiheit neu entdeckt hat. Das war eine Revolution. Natürlich nur eine ganz kleine. Doch gerade das sind vielleicht die größten, weil sie ganz alleine vollbracht werden müssen.
Ich fühlte mich stolz, obwohl ich ihn nur beobachtet hatte.
Am nächsten Morgen ging ich wieder gespannt am Gebäude vorbei. Fahle Gesichter, schwarze Aktentaschen, dünne Lippen. Doch ich lächelte. Das tat ich von nun an jeden Morgen.

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Kommentare

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  • 0

    Es bedarf immer einzelner Menschen, die den Anfang machen. Man kann nur hoffen, dass es den Kollegen wenigstens ein bisschen zum Nachdenken gebracht hat.
    Gefällt mir gut!

    24.07.2011, 13:06 von LinaOrangina
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