faon 02.02.2018, 11:45 Uhr 12 4

Mensch, Rainer.

Die Alkoholfahne dringt erbarmungslos in mein Riechorgan ein. Erwartungsvoll linst er auf seinen Kaffeebecher: „Ma hat’s ja net leicht heutzutag!"

Ich stehe am Bahnhof und bin zu früh dran. Vorsichtig schiele ich auf die Sitzgelegenheit neben mir. „Verdammt, um diese Dinger noch unangenehmer zu gestalten, müsste die Stadt schon nen Eimer Scheisse drüber kippen“, ist mein erster Gedanke, aber weil ich noch Zeit totschlagen muss und ungern in der Gegend rumstehe, lasse ich mich doch auf einer der unglaublich komfortablen Metallbänke nieder.

So sitze ich da und beobachte die Menschen, die wie Hyänen um die öffentlichen Verkehrsmittel umherschleichen und sich aneinander vorbei in den Bus drängeln. Sie können es offenbar kaum erwarten als erster in diese Oase der Gemütlichkeit und des latenten Benzingeruchs einzufallen und mindestens einen der Sitzplätze zu reservieren. Wer sein Handtuch vergessen hat, ist selber schuld.

„Ne kleine Spende? Ne kleine Spende?“ Unerwartet werde ich aus meiner Langeweile gerissen und gucke auf. Ein paar Meter links von meiner Bank humpelt ein älterer Mann durch die wartenden Hyänen, rotes Gesicht, Schnauzbart, Figur von Typ Obelix. Eine nach der anderen schnorrt er sie an und preist dabei seinen Sammelbecher an, wie ein Marktschreier sein Gemüse. Langsam aber sicher kommt er auf mich zu: „Nschulldigung, junge Frau, ham se ma ne kleine Spende für mich?“ In seiner runzligen Hand hält er einen leeren Kaffee-to-go-Becher, den er mir entgegenstreckt. „Hallo“, sage ich erst einmal und wundere mich selbst darüber.

Er stützt sich an der Lehne der Bank ab und macht noch ein paar vorsichtig hinkende Schritt auf mich zu. „Hallo“, krächzt er und die Alkoholfahne dringt erbarmungslos in mein Riechorgan ein. Erwartungsvoll linst er auf seinen Kaffeebecher: „Ma hat’s ja net leicht heutzutag!“ Stimmt wohl, denke ich mir und greife in meine Tasche um ein paar Münzen heraus zu kramen. Mit einem breiten Grinsen steht der Typ vor mir und bedankt sich artig als das Blech in seinen Besitz wandert. „Kauf dir aber mal besser was zu Essen damit, kein Schnaps oder so“, höre ich mich sagen und schäme mich direkt für diese abgrundtiefe Naivität. Immer noch grinsend schiebt der Mann sich langsam auf meine Bank und gibt mir die Hand: „Ich bin der Rainer“.

Was soll’s, denke ich mir, höre ich mir jetzt wohl mal wieder eine Lebensgeschichte an. So ist das eben, wenn man allein am Bahnhof auf einer Bank sitzt und sich als offensichtlich nicht-beschäftigt zu erkennen gibt. Dann sind da plötzlich eine Menge Leute, die dich gerne unterhalten. „Lisa“, sage ich, „ich wart hier nur, bis ich nachher meine Freunde in der Kneipe treffen kann.“ „Oh, gehste inne Kneipe! Schön, schön. Würd‘ ich ja auch machen wollen, aber meine Freunde liegen lieber da drüben rum!“ Kichernd zeigt er auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo ein paar Penner unter einer Arkade am Bussteig sitzen. Ich muss grinsen: „Tjoa, das is schade.“

„Das iss ganz schlimm, ich kann dir sagen, die Leut, auf der Straße, die klau‘n dir alles. Die klau‘n dir das Polster unter’m Arsch weg!“, verkündet Rainer, halb lachend, halb aufgebracht. „Ich hatt meine Matratze längere Zeit da vorne inner Unterführung liegen, war mein Schlafplatz, war super, plötzlich, eines Morgens, liegt da plötzlich n anderer Jens drin!“ Sichtlich bekümmert schaut Rainer auf den Boden: „Irgnwann hat die Polizei dann uns allen die Matratze weggenommen… ham se weggetragen… stört das öffentliche Stadtbild.“

Rainer und ich schauen nun beide bekümmert zu Boden. „Bist du denn aus Mainz?“, versuche ich das Gespräch vorsichtig umzulenken während ich anfange, eine Zigarette zu drehen. Es ist das einzige, was mir einfällt, um ihn von seinem Verlust abzulenken. „Neee, aus Frankfurt, und hier und da, ach ich bin schon überall rumgekommn… kann ich da auch so eine haben?“ „Klar, wenn du drehen kannst.“
„Na aber sicher!“

Eifrig fingert er sich ein Blättchen aus der Packung heraus und startet sein Origami. „N Feuer hab ich heute sogar selber!“, verkündet er schließlich stolz und hält mir die Flamme an meine Zigarette. „Frankfurt ham se mir sogar mal ne Wohnung besorgt, aber da hatt ich nen Mitbewohner“, Rainer baut den Spannungsbogen auf, indem er ein paar Mal genüsslich an seiner Fluppe zieht, „der war total am Boden. Der hat nur Scheiße gebaut, hat mir alles geklaut, Drogen genommen, und da hab ich gleich gesagt, ne, mit so einem wohn ich nich zusammn, hab ich gesagt. Da hock ich lieber wieder auf der Straße!“

„Scheiße“, sage ich, „das kann ich verstehen“. Beide sitzen wir qualmend auf unserer Bahnhofsbank und betrachten das Treiben um uns herum. Amüsiert stelle ich fest, wie einige Hyänen unser Duo argwöhnisch beobachten, ihre Gesichter sprechen Bände.

„Kennste das Elefantenbier? So ein großes Bier inner Glasflasche mit nem Elefanten drauf?“, fragt Rainer mich schließlich mit großen Augen. „Das gibt’s hier am Kiosk, das is richtig gut, komm, ich kauf uns eins! Willste eins, dann hol ich dir eins?“ Munter rafft er sich auf und blickt mich an, offensichtlich begeistert von seinem brillanten Einfall. Kurz angetan von der Idee, meine eigene Spende von vor ein paar Minuten in Bierform wieder zurück zu bekommen, lehne ich jedoch ab: „Nee, danke. Ich geh ja gleich in die Kneipe, kauf du dir mal lieber was Schönes.“ „Also gut, dann mach’s mal gut!“, meint Rainer schmunzelnd und schlurft bedächtig in Richtung Kiosk.

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Kommentare

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    • 1

      merci!

      03.02.2018, 09:38 von faon
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  • 0

    Rainer von Vielen

    02.02.2018, 15:54 von sailor
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    • 1

      Der ist auch gut!

      03.02.2018, 09:38 von faon
    • 0

      alter straßenadel

      03.02.2018, 15:34 von ga
    • 0

      Wie mein Nachbar, der is ein von Nebenan

      03.02.2018, 16:50 von sailor
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  • 2

    ob dach los durch den tag

    02.02.2018, 12:08 von ga
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