Mensch ohne Puls
Egal ob Junkie oder schreibender Beobachter. Jeder spielt seine Rolle in diesem großen Stück.
Es war ein schöner Sommerabend. Alles stimmte. Das Café war gebucht, die Ausrüstung und alle Schauspieler waren da. Wir hatten das Café für uns. Mussten nur noch aufbauen, dann konnten wir anfangen zu drehen.
Mit unserem Film wollten wir die Welt verändern, im Ganzen und an ihren Rändern. Doch war da dieser eine Mensch, den niemand von uns kannte. Er war gekommen und auf die Toilette gegangen – benommen. Nur kurz waschen wollte er sich und dann wieder verschwinden. Nur verschwand er nicht, so wie er es beabsichtigt hatte. Nein, er blieb. Und als jemand nachsah, warum er blieb, war er schon längst verschwunden. Lag kopfüber tot unter dem Waschbecken.
„Scheiße! Der Typ hat keinen Puls mehr, ruft schnell den Notarzt.“
Wir ziehen ihn auf den Flur. Irgendwo neben ihm liegt eine Spritze. Ein Junkie.
„Und jetzt?“
„Wir müssen ihn reanimieren. Aber ohne Schutz mache ich das nicht.“
Hilflosigkeit. Sekunden vergehen. Ein Mensch ohne Puls liegt da, leblos, von kaltem Schweiß überzogen. Beatmung ohne Schutz? Niemals! Immerhin können wir sein Herz massieren. Zum ersten Mal seit vielen Jahren wird sein Herz massiert.
Dann kommt der Notarzt und übernimmt. Künstliche Geräte werden dem Leblosen übers Gesicht gezogen. Beatmung, weitere Massagen, Elektroschocks. Sein Herz steht immer noch still. Wie zum Trotz, als wollte es sagen: „Warum erst jetzt? Verpisst euch!“
Die Polizei steht ungerührt mit einer kleinen Taschenlampe in der Hand neben dem Tresen und spendet Licht für die Sanitäter. Für die Beamten ist ein toter Junkie Alltag. Sie wirken ungerührt, fast gelangweilt. Abgehärtet durch den jahrelangen Kontakt mit dem sogenannten 'Abgrund' der Gesellschaft. Jeder von uns ist in seiner Rolle.
Die Sanitäter spulen routiniert ihr längst hoffnungslos gewordenes Programm ab. Währenddessen wird es vor dem Café laut. Fußballfans. Fenerbahçe Istanbul ist türkischer Meister.
Die Fans feiern. Laut. Wild. Eingenommen von sich und ihrer Freude. Einer Freude, die ziemlich genau 3.120 Kilometer entfernt liegt. Heimat und Verbundenheit, die übers Fernsehen zu ihnen getragen wurde.
Jeder ist in seiner Rolle.
Zwischen ihnen und mir liegen in diesem Moment Welten. Ihre Gedanken sind 3.120 Kilometer entfernt, meine Gedanken sind ganz im Hier und Jetzt. Ich sehe Bilder, die sich wie Meteoriten in meine Erinnerung schlagen. Die feiernden Fans, wenige Meter von ihnen entfernt, unbemerkt, Sanitäter, die versuchen einen Toten ins Leben zurück zu holen.
Immer wieder die Warnung: „Vorsicht, zurück, Stromstoß!“
Der leblose Körper zuckt für einen kurzen Moment auf.
Die Rollen in diesem absurd erscheinenden Stück heißen: Einige Sanitäter, ein Toter, Fußballfans, ein hilfloser Kellner, eine rauchende Bedienung, Passanten, eine geschockt wartende Filmcrew und dazwischen ich – Beobachter und aus der Not heraus Stühle Beiseitesteller.
Abtransport. Sie hieven den Leblosen auf eine Liege, verpassen dem Körper zum Abschied einen weiteren Elektroschock und verschwinden. Auch die Fenerbahçe-Fans sind längst weiter gezogen. Sie gehen ihren Weg, so wie jeder von uns seinen geht. Jeder spielt seine Rolle.
Ein Rolle in diesem großen System der Menschheit mit ihren Gesellschaften, in denen wir uns in Momenten begegnen oder eben nicht. Jeder von uns wird irgendwann verschwunden sein. Für immer, weil die Erinnerung an uns langsam aber sicher verschwunden sein wird. So wie Städte und Gebirge unwiederbringlich von sich verschiebenden Kontinental-Platten ausradiert werden. Die Bedeutung des Moments verliert sich in der Gesamtheit des Seins. Egal ob Junkie oder schreibender Beobachter. Jeder spielt seine Rolle in diesem großen Stück. Und jedes Stück ist irgendwann vorbei.
Tags: tod leben fußballfans werden und vergehen






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