Meine Putzfrau
Ein polemisches Geständnis.
Ich habe eine Putzfrau. Die macht meine Toiletten sauber. Und den sonstigen Dreck weg, den ich liegen gelassen habe. Und räumt ein wenig auf. Und saugt.
Weil ich darauf selbst keine Lust habe. Ich mag meine freie Zeit lieber mit für mich wichtigeren Dingen verbringen. Mit meiner Frau rumalbern oder Neon-Artikel schreiben oder einfach mal gegen die Wand schauen, z.B. Wenn die Putzfrau am Wochenende kommt, habe ich auch kein Problem damit, Zeitung zu lesen, während sie um mich herum sauber macht. Oder mit den Kindern zu spielen. Ich fühle mich dabei nicht schlecht. Ich verlasse nicht das Haus, wenn sie kommt, weil ich meinen würde, doch nicht untätig daneben sitzen zu dürfen, wenn sie putzt. Nein, ich kann einfach da bleiben. Und ich bin noch nicht einmal alleinerziehend. Ich habe auch eine Frau. Sie will aber auch nicht putzen. Gut so. So haben wir mehr Zeit miteinander. Wenn der Leser jetzt auf einen Clou wartet – es kommt keiner. Es ist eine ganz normale Putzfrau, die bei uns putzt.
Autos putze ich übrigens auch nicht selbst. Weder von außen, noch von innen. Kostet mir zu viel Zeit. Macht mir auch kein Spaß. Ich gebe sie einfach zum putzen ab. Manchmal lasse ich sie dafür sogar abholen. Es kommt jemand, holt sie und bringt sie sauber wieder. Schön. Auch hier: kein Clou. Sorry.
Hemden waschen und bügeln? Bettwäsche? Niemals. Bügeln ist ein unglaublicher Zeitfresser. Außerdem bekomme ich davon immer Rückenschmerzen. Ich gebe sie bei der Reinigung ab. Großer Stapel auf den Tisch geworfen und schön sauber wieder zurück. Schön. Leider auch kein Clou.
Neulich habe ich mir auf einem Flughafen gegen Bezahlung sogar die Schuhe putzen lassen. Keine Scham. Hat sich kurz komisch angefühlt, aber nur kurz. Die Schuhe sahen danach wirklich gut aus. Mein Sonntag Vormittag war nicht mit Schuhe putzen versaut und ich musste mich auch nicht darum kümmern, wie ich die Schuhcreme unter meinen Fingernägeln wieder weg bekomme. Toll.
Bin ich dekadent? Ein riesen Arschloch, der seine Sachen gefälligst selbst machen sollte? Ein rücksichtsloser Ausbeuter? Ein Angeber? Jemand, der sich daran ergötzt, dass andere für ihn arbeiten?
Ich habe hier eine große Tüte mit Steinen zum schmeißen (auch ein paar kleine, flache und eine Tüte Kies für die, die über diesen Witz immer noch lachen können). Aber schnell, schnell! Es könnte passieren, dass hier gleich ein paar Glaswände auftauchen.
Schwupps. Da ist schon die erste: schon mal eine Pizza beim Bringdienst bestellt? Schlechtes Gewissen dabei gehabt? Dem Pizzamann schnell die Treppen runter entgegen gelaufen, damit er nicht extra für Dich hochkommen muss? Die Pizza lieber gleich selbst abgeholt, weil es ja nicht sein kann, dass sich da einer extra für 1-2 Euro ins Auto setzt und quer durch die Stadt braust, nur weil Du kein Bock hast, vor die Tür zu treten? Nein?
Schon mal in der Kneipe ein Bier bestellt? Gehst Du dann immer mit der Bedienung mit, weil es ja wohl nicht sein kann, dass sie extra für Dich und für 20 Cent hin und her läuft? Die paar Meter wirst Du doch selbst gehen können, oder? Und Dein Glas danach? Das wäschst Du nicht selbst ab? Warum nicht? Du lachst, scherzt und beachtest die Bedienung kaum, während sich Dich von vorne bis hinten bedient und sich abrackert? Und für diesen Service - den Du wirklich problemlos selbst erledigen könntest - bist Du bereit, den 5-fachen Getränkepreis des Supermarkts zu zahlen? Dir geht’s ja gut. Du musst viel Geld haben.
Du warst im letzten Urlaub in Thailand? Vietnam? Das „Ursprüngliche“ suchen? Das fantastische, billige Essen? Am Strand gelegen und gebräunt? Als Student eingeflogen und neben Kindern gelegen, die sich keine Schulausbildung leisten können, aber dafür Dir für Centbeträge Kokosnüsse aufschneiden? Geschämt? Manchmal schon. Aber dann gekichert und „das darf man zu Hause keinem erzählen“ geflüstert?
Deine H&M Klamotten. In Bangladesch produziert. Du musst den Weg bis zum Produktionsort nicht zurück verfolgen, um zu wissen, wer diese hergestellt hat, damit Du sie Dir für den Gegenwert weniger Stunden Studentenaushilfsarbeit leisten kannst. Ausgebeutete Menschen. Verdrängt? Oder kaufst Du stattdessen nur noch in Deutschland hergestellte Ware? Nicht? Warum nicht?
Im Glashaus gefangen? Die Hand mit dem Stein lieber senken?
Meine Putzfrau arbeitet nicht schwarz. Kein verzweifelter Migrationshintergrund. Sie ist angemeldet und ich zahle ihre Sozialabgaben. Sie kommt gerne in unsere Familie und wir mögen uns. Wir behandeln uns gegenseitig mit dem gleichen Respekt, wie wir alle andere Menschen, die wir mögen, auch behandeln.
Bügelservice, Autoreinigung und selbst der Schuhputzservice (übrigens am Flughafen HH, nicht in Indien): alles inkl. MwSt. und Krankenversicherung.
Der gewitzte Steinewerfer mag jetzt (zunächst verbal) einwerfen: „Das ist leicht zu sagen, wenn man es sich leisten kann und andere für sich arbeiten lässt. Wenn Du wüsstest, wie sich das anfühlt!“
Weiß ich. Solche Arbeiten habe ich als Schüler und Student selbst gemacht. Ich war jung und brauchte das Geld. z.B. um mich damit in der Kneipe selbst bedienen zu lassen.
„Aber weite Teile der Bevölkerung können eben nicht.....!“ Stimmt. Teilweise zumindest. Das können nicht alle. Einfach so eine Pizza bestellen. Oder H&M Klamotten kaufen. Oder nach Thailand fliegen.
Putzfrau, Bügelservice und Autowäsche kosten mich im Jahr in etwa soviel, wie die Durchschnittsfamilie für einen mittelklassigen Familien-Sommer-Urlaub ausgibt. (Familienurlauber kennst Du nicht? Das sind diese dekadenten Menschen, die am Pool andere für sich arbeiten lassen und auf die wir deswegen ständig Steine schmeißen.)
Bin ich entschuldigt, wenn ich stattdessen keinen Urlaub mache? Nicht mehr, wenn ich den Urlaub trotzdem noch oben drauf lege? Wird´s dann nicht doch etwas dekadent? Auch wenn’s vom selbst erarbeiteten Geld ist?
Ist es dekadent, eine Zeitschrift zu kaufen, weil Menschen dafür arbeiten mussten, um sie herzustellen? Es tun, weil sie ihre Familien ernähren müssen? Und ihre Arbeit mir auch noch Entspannung bereitet?
Oder ist es nicht viel mehr dekadent, wenn sich eine Gesellschaft leistet, private Dienstleistungen zu verpönen und stattdessen Menschen arbeitslos von HarzIV leben lässt?
Einen Stein gefällig?


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Kommentare
Danke, Danke, Danke. Auf Knien!
14.01.2009, 16:43 von T-ASo und jetzt ruf ich endlich in dieser Agentur an und bestell mir ne Putzfrau. Das hab ich schon seit Monaten vor, trau mich aber nicht, weil ich dachte dafür zu jung zu sein - und danach gleich ne Pizza für heute Abend! Und ich werde heute mit dem Taxi nach Hause fahren! Juchu!
so gut und so wahr! meine zustimmung.
19.07.2008, 21:01 von anamaWas ist daran verwerflich, andere zu bezahlen, für ihre Arbeit, die Sie (gerne) tun?
23.06.2008, 11:21 von TaneaWenn man es sich leisten kann?
Du wirst ja auch für die Arbeit bezahlt, die du verrichtest. Damit du das Geld verdienst, von dem du wieder andere bezahlst. Das nennt sich doch Marktwirtschaft, oder?
Verwerflich ist nur, wenn man die Leute nicht bezahlt, oder zu gering bezahlt.
Wo liegt der Unterschied, wenn ein Unternehmer jemanden bezahlt, oder eine Privatperson?
Ist Arbeit die man selbst machen könnte nichts wert? Wer repariert schon seine Klospülung/ Fernseh/ Auto selbst?
Aber das liegt wohl auch daran, dass in diesem Land Hausarbeit und Kindererziehung generell nichts wert sind. Was aber wieder ein anderes Thema ist.
Ich stimm dir voll und ganz zu!!!
danke tim!!
16.04.2008, 21:54 von JollyMacKaylies meinen text zur putzfrau (larissa, die gute fee) und lass dir sagen, du hast mich soeben geheilt! danke!
Hätte ich auch - wenn ich Sie mir leisten könnte!
17.03.2008, 11:44 von PornprincessHemden waschen und bügeln? Bettwäsche? Niemals. Bügeln ist ein unglaublicher Zeitfresser.
16.03.2008, 00:43 von natty1975.... und lust hab ich dazu erst recht nicht!!!
ach, ich mag deine Texte einfach
13.02.2008, 20:17 von BembelbabeToller Text, tolles Plädoyer , )
22.01.2008, 18:10 von N0ra