Meine Meinung: Ehrenrettung
PAPARAZZI gelten als die Schmeißfliegen der Medien. Doch in Zeiten perfekter Selbstinszenierungen von Promis sind sie eigentlich die Ehrlichen.
Interessant! Die ersten Fotos der Hochzeit von Tom Cruise und Katie Holmes stammten von den Gästen selbst: Geladen waren 150 Prominente, von denen einige nicht an sich halten konnten, noch vor dem ersten Schluck Champagner ihre Fotohandys zückten und abschossen, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Das zumindest behauptet Hollywoods berühmtester Paparazzo Ron Galella, dem schon Marlon Brando den Kiefer gebrochen hat und der von Sean Penn bespuckt wurde. Seine jüngeren Kollegen hätten sich bei der Cruise-Hochzeit vor der Tür die Füße platt getreten, derweil drinnen die Gäste ihre Arbeit übernahmen.
Damit wären sie, die Cruise-Gäste, nicht besser als jeder beliebige »Bild-Leserreporter«. Und sie entzaubern mit der Handyfotografiererei einen Mythos, der ohnehin seit langer Zeit auf wackligen Beinen steht: Stars sind gut, und die Menschen, die sie ohne ihre Einwilligung fotografieren, sind böse. Das ist Unsinn. Das Leben ist komplizierter, Stars sind auch böse, und Paparazzi besser als ihr Ruf. Dan Neil, der Kolumnist der L.A. Times, geht so weit, sie als Wächter der Demokratie zu bezeichnen. Für ihn sind die Fotografen, die sich die Nächte auf den Parkplätzen der Clubs von Los Angeles um die Ohren schlagen, die Einzigen, die noch fähig sind zu zeigen, dass ehrliche Arbeit mehr wert ist als ein Arsch voll Geld.
Brandon Davis zum Beispiel, der Erbe des milliardenschweren amerikanischen Ölmoguls Marvin Davis, bezeichnete kürzlich nach einer Zechtour mit Paris Hilton vor Paparazzi die Schauspielerin Lindsay Lohan als »nach Durchfall riechend«, »widerlich arm« (sie habe nur sieben Millionen Dollar auf dem Konto) und, nun ja, als »Feuermöse «. Das alles mag einen nicht interessieren. Es kann aber beweisen: Erben ist schlecht für den Charakter. L.A.-Times-Journalist Dan Neil jedenfalls konstatierte traurig, dass diese Sorte Celebrities, teuer angezogen und rotzbesoffen durch die internationalen Boulevardblätter spazierend, als neuer amerikanischer Adel gelte. Er sei froh um jeden Fotografen, der sie gelegentlich in ihrer überheblichen Dümmlichkeit erwische. Er sagt: »Paparazzi versorgen uns mit wichtigen Informationen. « In diesem Fall war die Info für ihn: Weiter rauf mit der Erbschaftssteuer! Sonst endeten bald noch mehr der wohlhabendsten ein Prozent Amerikas (denen 33 Prozent des Reichtums im Land gehören) als Lästermäuler in Paris Hiltons Mercedes-SLK.
In Deutschland jemanden zu finden, der ein gutes Wort über Paparazzi verliert, ist schwer. Guido Krzikowski, Bildredakteur und Fotoreporter unter anderem bei der »Bunten«, fällt wenigstens nichts besonders Schlechtes über sie ein. Sein Alltag ist bestimmt vom Sortieren der Bilder, für die die Stars einen bestimmten Fotografen wünschen und die sie erst nach genauer Prüfung freigeben. Nix mehr Hexenjagd. Jeder Star, der noch nicht ganz unten ist, hat sein mediales Image im Griff. Wenn sie Paparazzifotos wünschen, dann bestellen sie, so Krzikowski, ihre »Abschüsse« selbst: Sie berichten dem Paparazzo ihres Vertrauens, wann und wo sie mit ihrer neuen Liebe spazieren/essen/joggen gehen und lassen sich dann mit der »langen Tüte« (Teleobjektiv) »ab schießen«. Voilá: Alle Beteiligten sind zufrieden. Und, ja: Paparazzi sind auch Schweine. Fotografieren die tote Lady Di (die Fotos wurden nie veröffentlicht), sorgen dafür, dass man Michael Jacksons Gesicht in Nahaufnahme sehen muss. Aber Bildredakteur Krzikowski erinnert sich gerne an Fälle, in denen die Fotografen Aufklärerisches geleistet haben. »Ein Paparazzo, der Prinz Harry auf einer Party als Nazi verkleidet erwischt – was ist daran verkehrt? « Oder George Michael: Der habe sein Outing durch die Nummer auf der öffentlichen Toilette in L. A. provoziert. Und später in Interviews zugegeben, dass er froh sei, dass die Welt nun wisse, dass er schwul ist.
Piers Morgan, ehemals Chefredakteur des englischen Boulevardblatts »Daily Mirror«, spricht vom »Dienst des Boulevardjournalismus an der Allgemeinheit «: »Wenn sich die Egos der Stars aufpumpen wie Luftballons, freut sich das Publikum, wenn sie platzen«, sagt er. Er denke da an Heuchler wie Elizabeth Hurley, die ihr Privatleben an die Presse verscherble und sich hinterher über fehlende Intimsphäre beklage. Über Hurleys letzten Selbstinszenierungscoup hat sich nur einer beschwert: Auf ihrer »indischen Hochzeit« fühlte sich Schwiegervater Nayar schäbig behandelt. Um die geladenen Promis sei ein großes Bohai gemacht worden, die Verwandtschaft wäre »Gast zweiter Klasse« gewesen. Wahrscheinlich stand sie den gekauften Fotografen im Weg. Mit echten Paparazzi wäre das nicht passiert.


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