Meine Meinung: Ausländer rauf!
In Deutschland waren Migranten lange Zeit die Leute, die den Müll abholen oder gut dribbeln können. Damit ist jetzt Schluss.
»Spielst du eigentlich Basketball?« - diese Frage habe ich als Jugendlicher immer wieder gehört. Ich erinnere mich auch an den barmherzigen Tonfall, den Lehrer und Eltern von Mitschülern dabei anschlugen. Sie meinten es ja nur gut mit mir. In den Jahren, in denen ich aufwuchs, bedeutete ein schwarzer Jugendlicher, der Basketball spielt, eine potenzielle Erfolgsstory. Und zwar so ziemlich die einzig für ihn denkbare. Kein Wunder: Es fehlten der Gesellschaft - und auch mir selbst - andere Rollenvorbilder. Erfolgreiche Migranten: Das waren immer Leute, die tanzten, rannten, sangen oder hoch sprangen.
Damit ist jetzt Schluss. In letzter Zeit sind besonders in den gut sichtbaren Bereichen der Gesellschaft, in den Medien und in der Politik, Migranten in Führungspositionen aufgestiegen. Das wird das Bild, das man in Deutschland von Ausländern hat, für immer verändern.
Das beste Beispiel ist Philipp Rösler. Der neue FDP-Chef ist in Vietnam zur Welt gekommen. So sieht er auch aus. Oder der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, der während der heißen Phase der Fukushima-Katastrophe der Physiklehrer der Nation war. Oder die erste türkischstämmige Landesministerin Deutschlands, Aygül Özkan. Die CDU-Politikerin leitet das Sozialministerium in Niedersachsen. Ijoma Mangold ist ein schwarzer Mann, sein Vater wurde in Nigeria geboren; vor einem halben Jahr stellte das ZDF seine Literatursendung »Die Vorleser« ein. Ihm bleibt sein Job als stellvertretender Feuilletonchef der »Zeit«. Ein Schwarzer, der den Bildungsbürgern erklärt, was gute deutsche Literatur ist.
Rösler, Yogeshwar, Özkan, Mangold widersprechen einer Idee, die den Deutschen jahrzehntelang gut gefallen hat: je dunkler die Haut, je schmaler die Augen, desto schlechter die Schulnoten und desto niedriger die Zahl auf dem Gehaltszettel. Zu dieser These passte auch, dass Ausländer in den vergangenen fünfzig Jahren meistens als Gastarbeiter oder Flüchtling nach Deutschland kamen. Wenn diese Menschen unbedingt hier leben müssen, so dachten die Deutschen, dann sollen sie wenigstens den Müll wegkarren (Sechzigerjahre) und uns auf dem Multikultifest mit Tanzeinlagen unterhalten (Achtziger- und Neunzigerjahre). Und ganz bestimmt sollen sie uns nicht die guten Jobs stehlen.
Rösler hat gerade dem blonden Westerwelle den Posten weggenommen. Er ist die Vorzeigefigur der Elitemigranten. Und es macht nichts, dass er gar kein »echter« Ausländer ist, sondern mit neun Monaten als Adoptivkind nach Deutschland kam. Es geht nämlich um etwas, das viel wichtiger ist als eine biografische Erzählung: die Wirkung von Bildern. Auf ihnen war bisher praktisch nie ein ausländisch aussehender Mitbürger zu sehen, der dem inländischen Betrachter intellektuell überlegen schien. Diese Bilder gibt es jetzt.
Seit dem sogenannten »Iconic Turn« in den Neunzigerjahren sind sich Kulturwissenschaftler darüber einig, dass Bilder viel stärker wirken als Texte und sich ein Bild in unserem Bewusstsein wesentlich tiefer verankern kann als eine präsidiale Rede oder ein achtzigseitiges Essay, das zu Toleranz aufruft. Das »Tagesthemen -Foto rechts neben der Schulter von Tom Buhrow, das einen asiatisch anmutenden FDP-Chef zeigt, zerstört die mentale Verbindung zwischen ausländischer Herkunft und niedrigem Sozialstatus. Das konnte der kurz vor Rösler als Integrationswunder gefeierte Fußballer Mesut Özil nicht schaffen, weil er - freundlich gesagt - wenig Intellektualität ausstrahlt, sondern nur dem Klischee vom flinken Fußballausländer entspricht.
Die SPD führte in diesem Frühjahr eine Migrantenquote von fünfzehn Prozent in ihren Führungsgremien ein. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, gehört seitdem dem Bundesvorstand der SPD an. Die Partei reagiert damit auf den Aufstieg der Migranten und wird solche Multikultikarrieren gleichzeitig beschleunigen. Jeder Migrant in einer Führungsposition ist eine Aufforderung an alle anderen Migranten: »Strengt euch an, es gibt Besseres als eine Bolzplatzkarriere! « Gleichzeitig formuliert er (oder sie) eine Botschaft an Lehrer, Eltern und Personalchefs: »Wir haben ein Gehirn!«
Deutschland beginnt gerade, das Potenzial der Migranten zu erkennen. Am Ziel sind wir erst, wenn ich mich über einen Ausländer in einer Führungsposition nicht einmal mehr freue.


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