Meine ersten Male
Man erzählt mir, dass ich bei meiner Geburt nicht geschrien habe. Seltsam.
Als ich das erste Mal die Augen aufschlug, war ich noch nicht mal ein Ich. Man erzählt mir, dass ich bei meiner Geburt nicht geschrien habe. Seltsam.
Dank der auf 8mm festgehaltenen Erinnerungen, weiß ich heute auch wann ich zum ersten Mal das Meer sah und spürte. Ich war sehr klein.
Mein erster Freund hieß Liki. Er war immer da, hatte immer Lust zu spielen und brachte manchmal auch seine Schwester Tante Emas mit.
Meine ersten Banden mit nicht imaginären Kindern schloss ich wohl im Kindergarten. Heute würde ich ihre Gesichter weder auf 8mm noch auf Facebook wieder erkennen. Manchmal vermisse ich Liki und frage mich was wohl aus ihm geworden ist.
Die erste Unterrichtsstunde, das erste Schulzeugnis, meine erste Karteikarte. Alles weg. Als hätte jemand einen gigantischen, schwarzen Stempel mit der Aufschrift „Verarbeitet“ oder „Unwichtig“ auf diese Erinnerungen geknallt. Liki?
In der zweiten Klasse erschienen mir die Viertklässler wie brutale Riesen, die jeden Tag Jagd auf kleine Zwerge machten. Was die Pausenaufsicht als Fangenspiel belachte, war in Wirklichkeit der knallharte Kampf ums alltägliche Überleben. Meine erste Prügelei hatte ich wohl zwei Jahre später. Zwergen jagen war super!
Liebe an und für sich. Sexualität ist etwas Großartiges. Wenn man’s raus hat und lernt sie in Maßen zu genießen. Ich hatte noch viel zu lernen.
Mit 15 das erste Mal Gras geraucht. Mit 16 lattendicht vom Fahrrad gekippt. Erste Male sind toll. Danach wurde es langweilig und schmerzhaft.
Zu dieser Zeit lernte ich auch meine ersten Schritte im World Wide Web, das damals selbst noch kaum laufen konnte. Ich gehöre zu einer Generation des schnellen Rausches, die sich heute Krisenkinder schimpfen.
Ich bin vier Jahre lang einem Mädchen hinterhergelaufen. Stellte die Welt für sie auf den Kopf. Schrieb Briefe, Gedichte und Tagebucheinträge, nannte was mit mir geschah „die große Liebe“. So ist das manchmal, wenn man noch sehr jung ist.
Eines Tages waren wir schließlich ein Paar. Ich war Neunzehn. Meine erste Freundin. Mein Erstes Mal. Und ich war niemals glücklicher.
Während der drei Jahren, in denen wir zusammen waren, ging ich ihr fünf Mal fremd. Für mich zählt mein Kopf zwischen den Beinen einer anderen Frau als Fremdgehen. Sonst wären es nur drei Mal gewesen.
Beim ersten Mal fühlte ich mich richtig schlecht und verstand kurz nach meinem Erwachen im fremden Bett, was es hieß jemanden zu betrügen, seiner Freundin untreu zu sein und ihr Vertrauen zu missbrauchen. Nur ein paar Stunden zu spät.
Kurz vorher hatte ich meine erste Beerdigung ertragen müssen – als Trauergast. Schmerzhaft. Von nun an sollten alle Beerdigungen schmerzhaft sein. Erste Male sind traumatisch.
Das zweite Mal Fremdgehen. Es gab einfach zu viele Frauen auf der Welt. Es gibt sie immer noch. Mit jeder anderen Frau wird Sex wieder zu einem neuen Ersten Mal. Jede Frau fühlt sich anders an, riecht anders, bewegt sich anders. Nur meine Freundin blieb immer gleich. Der erste Zweifel. Die erste wirkliche Selbstreflexion. Mit 21. Wahnsinn. Ich konnte eigentlich machen was ich wollte. Die erste Selbsterkenntnis, gefolgt von der ersten eigenen Wohnung.
Noch mehr Frauen. Noch mehr erste Male. Was für ein Leben. Das erste Mal Schlussmachen. Es ging von mir aus. Die Tränen und die Reue kamen mit einem halben Jahr Verspätung. Der größte Schnitt, die tiefste Wunde, der erste Regenerationsprozess. Die Magie der ersten großen Liebe via Vögelung von vielen kleineren Lieben als Taschenspielertrick entlarvt.
Die ersten Lines gezogen. Die ersten Dauerpartys. Der erste Bauchansatz. Das erste Mal den Anschluss verloren. An mich selbst. An meine Ziele. Die Trampelpfade neben dem Hauptweg waren abgetreten von den Fußsohlen der Gescheiterten, über die ich in immer größerer Anzahl stolperte. Dank Internetforen, Ratgeber und Erfahrungsberichten erfuhr ich alles Wissenswerte über die ersten Male anderer Menschen. Das erste Mal totale Ignoranz gegenüber dem Rest der Welt. Erste Male sind tückisch.
Doch ich schaffte es. Der erste knapp überstandene Absprung. Akademischer Abschluss inklusive – pünktlich zum dritten runden Geburtstag. Erster Arbeitstag. Erstes Gehalt. Erster Besuch bei der Arge. Agenturen und ihre Mitarbeiter sind die Sklaven eines dicken, aufgeblähten Bauchs, in den alles, was mit dieser Welt nicht stimmt, reingestopft wurde.
Trotzdem das erste Mal innegehalten. Durchgeatmet. Mit einer Frau zusammen gezogen. Und die Entscheidung als richtig empfunden. Erste Male sind spannend. Erste Male sind immer ein Schritt nach vorne und machen im besten Fall Lust auf mehr. Hoffentlich gibt es noch viele erste Male in meinem Leben.


.jpg)



Kommentare
Stimme Gambit zu, das ist alles zu abgehackt.
19.07.2010, 14:17 von Tanea@Tanea Das war Sinn und Zweck der Übung. Erste Male sind nun mal staccato. Ich verstehe, dass der style nicht Jedermann's Sache ist, denke aber, das sich Stil und Inhalt hier sehr gut ergänzen.
20.07.2010, 22:57 von DarenBRensProblem in meinen Augen ist bei diesem Text eher sein nicht durchdachtes erzählerisches Gesamtkonzept.
da setz ich nicht an.
19.07.2010, 14:11 von Surecampsplittlert.
Die Idee gefällt mir, die Umsetzung ist ziemlich dürftig.
11.07.2010, 10:21 von frl_smillaZu viele Sprünge, zu wenig Struktur, Tempiwechsel an Stellen, an denen schon schöne Kurven sein sollten, die aber noch nicht einmal Stellen sind.
DAs Stakkato der Aussagen fügt sich meiner Meinung nach gut in den Text ein und unterstreicht seine Wirkung. Ich würde nichts ändern soweit, es liest sich sehr angenehm.
08.07.2010, 15:28 von VittonLeider finde ich den Ausgang mit der Sexsucht etwas unpraktisch. vorher konnte man sich besser mit dem Text identifizieren. DAs ist durch diese Wendung irgendwie verloren gegangen.
Das ist noch ein bisschen sehr runtergerattert. Wenn du dir da noch etwas mehr Zeit nimmst, liest er sich bestimmt besser. Ausführlicher, runder, weniger stakkato.
08.07.2010, 14:09 von MisterGambitAber ich hab gerne wieder von dir gelesen.