frl_smilla 03.02.2009, 22:07 Uhr 14 13

Mein Vater, der Wichser

Ich weiß nicht, warum meine Mutter ihn geheiratet hat. Waren halt andere Zeiten, damals.

Schon allein seine Abwesenheit bei meiner Geburt setzte eine eindeutige Messlatte... es sollte acht Jahre dauern, bis meine Mutter die Schnauze endgültig voll hatte.
Bis dahin ging sie arbeiten. Halbtags. Weil die Kohle seiner selbstständigen Musiklehrertätigkeit wohl nicht reichte. Menschen lernen erst abends Musik, wenn der Alltag erledigt ist. Also weckte ich den Alten, wenn ich mittags aus der Schule kam, weil er ja abends lang... und dann bis in die Puppen pennte. Ich dachte mir nichts dabei, ich kannte es ja nicht anders.

Dann hörte er auf zu rauchen. Ich fand – ganz das wühlende Kind – eine Stange Kippen hinten im Wohnzimmer unter dem Vorhang. Es gab einen riesen Krach. Mein Vater heulte. Ich fühlte mich nicht wohl dabei, aber ich könnte es nicht einordnen.

Ich hatte einen aufblasbaren Schwan, den hatte ich im Sommer immer am See dabei. Mein Vater hat ihn verschenkt, ohne mich zu fragen. Weil einer seiner Freunde ihn wohl für eine Kabarettisten-Nummer gebraucht hat. Stattdessen bekam ich einen Plüsch-Frosch. Das erste Mal war ich ernsthaft sauer auf den Alten.

Ich besuchte oft meine Oma und schlief bei ihr. Das war Usus in unserer Familie. Ich stand abholbereit in der Tür, ich glaube, es war ein Wintertag, da kam meine Mutter und sagte: "Wir gehen nicht mehr nach Hause." Das fand ich wahnsinnig aufregend und abenteuerlich.

Wir wohnten ein Dreivierteljahr bei meiner Tante im Gästezimmer mit eigenem Bad. Mein Vater machte in unregelmäßigen Abständen Telefonterror und schrieb wirre Faxe. Es war schwierig für meine Mutter aus dem Reihenhaus auszuziehen, das ich erst mal nicht mehr von innen sehen sollte.
Mein Vater verbarrikadierte sich innen, als der Umzugstrupp anrollte und tobte im Haus herum. Meine Mutter und ihre Leute mussten die Polizei rufen und herbitten, damit sie ins Haus einbrechen und die Sachen holen konnten.

Meine Mutter ging dann den ganzen Tag arbeiten. Dann zogen wir in eine Wohnung zweihundert Meter weiter weg von dem verwandschaftlichen Gästezimmer. Zuerst aß ich noch mittags bei meiner Tante, bevor ich nach Hause ging und Hausaufgaben machte. Dann ging ich dazu über, mir die Reste vom Abendessen warm zu machen. Schlüsselkind sein nennt man das: Mittags selber kümmern und abends kommen die Eltern.

Dreimal machte ich diesen Besuchs-Scheiß mit, bei dem man am Wochenende seinem anderen Elternteil übergeben wird, dann reichte mir es. Der Alte konnte nichts mit mir anfangen, schleppte mich zu seinen dubiosen Theaterfreunden, rauchte und palaverte mit denen und ich langweilte mich zu Tode.

Unterhalt zahlte er auch nicht. Stattdessen war meine Mutter damit beschäftigt, sich scheiden zu lassen und einen Teil seiner Schulden abzubezahlen. Ich war weiterhin Schlüsselkind. Das sollte sich aus bis zu meinem Auszug mit 19 Jahren nicht ändern.

Mein Vater wurde Gast einer Talkshow und erzählte über seine schmerzvolle Trennung. Nichts davon war wahr, sagte man mir. Ich habe diesen Illona-Christen-Auftritt nie gesehen, weil ich damals zu jung war und als ich älter war, hat es mich nicht mehr interessiert. Soviel zum authentischen Faktor im deutschen Fernsehen. Damals schon.

Dann brachte der "Stern" eine Titelstory über verlassene Männer. Den Aufmacher-Artikel bekam mein Vater. Mit Bild. Er war so nett, die Story derart zu verfremden und die Namen zu ändern, dass alles im Vergleich zur Wirklichkeit fast Rosamunde Pilcher war. Man könnte meinen, er hätte dann Kohle gehabt, um mal Unterhalt zu bezahlen. War aber nicht so. Ich wärmte mittags weiter mein Essen und meine Mutter ging weiterhin ganztags arbeiten.

Dann machte ich irgendwann nachmittags die Tür auf. Ein Polizist stand da, sagte mir, mein Vater hätte meine Mutter angezeigt. Ich hatte nicht so recht verstanden, warum, aber mir kam langsam der Gedanke, warum es einen Grund gibt, dass meine Mutter bis heute eine geheime Telefonnummer hat. Ich war damals 13.

Dann kehrte langsam Ruhe ein. Zumindest wurden die Gerichtstermine wegen meinem Unterhalt immer seltener und mein Vater tauchte dort sowieso nie auf.
Als ich ausgezogen war und anfing zu studieren, wollte ich nochmal direkt Unterhalt einklagen. Dann klingelte das Telefon. Mein Vater war dran. Sicher betrunken. Faselte mich voll, dass er sehr wohl bei meiner Geburt dabei war, dass er sich ja um mich kümmern wollte, aber man ihn nie gelassen hat. Er wolle mir gerne Geld geben um mich zu unterstützen, aber ich müsse erst was unterschreiben, damit er Geld für mich lockermachen könne. Ja, is klar.
Ich war 21, ich glaubte ihm kein Wort.
Als meine Rechtsanwältin ein Schreiben von ihm bekam, in dem er ausdrücklich betonte, dass er nur zahle, wenn ich gute Noten während des Studiums schreibe, reichte es mir auch. Ich schrieb ihm einen Brief, in dem ich mir jegliche weitere Kontaktaufnahme verbot.

Vor einem Jahr war der ultimativ letzte Gerichtstermin, da ist er dann auch erschienen. Seitdem bekommt meine Mutter jeden Monat 150 Euro überwiesen. Von einer Fremden, er will nicht, dass man ihn finden kann.
Vor einigen Monaten traf ich meinen Cousin väterlichseits im Internet. Es gingen ein paar Emails hin und her, ich bat ihn inständig, meinem Vater nicht zu sagen, dass wir Kontakt haben. Das wurde mir versprochen.
Ein paar Wochen später werde ich von meinem Vater dem Wichser im StudiVZ gegruschelt und mit Nachrichten belästigt. Fast 20 Jahre nach der Scheidung. Ich solle ihm noch eine Chance geben.
Warum?

Wir werden bald in einer Stadt sein, er und ich.
Ich überlege, keinen Namen ans Klingelschild meiner neuen Bleibe zu machen. Ich werde wieder Geheimnummern beantragen.
Und ich hoffe inständig, dass er und ich uns nie über den Weg laufen, denn dann Gnade ihm Gott.

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    Ich wollte immer zu meinem Vater. Kam mir eher so vor, als ob ich darum kämpfe musste, ihn oft genug zu sehen. Er war auch derjenige, der ausziehen musste. Ist aber immer komplett für den Arsch dieses ganze Hin und Her, wer darf wen wann sehen, hier fehlen zwei Euro, da zehn Cent und bei wem warst du Heiligabend letztes Jahr nochmal?

    27.02.2010, 16:13 von schnelleralsderwind
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    ...dann doch fast schon lieber einen "abwesenden" Vater, wie diesen, als die Sorte, die einen tagtäglich und manchmal stündlich bis fast 18 zusammenprügelt, einfach so, weils Spaß macht - obwohl, beides hat so seine Qualitäten...

    23.07.2009, 22:23 von Kiyan
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      @Kiyan Das ist jetzt nicht ernst, oder ?
      Wenn Gewalt im Spiel ist, wenn es um Dominanz geht, um Macht und Ohnmacht, wenn der Vater sein (fehlendes) Selbstbewusstsein oder irgendwelche Begierden an seinem Kind befriedigt, dann gibt es in meinen Augen nur wenig, was schlimmer ist.
      Gewalt kann und darf niemals eine Lösung sein ... jemand, der seinen Nachwuchs regelmäíg zusammenprügelt ist für mich nicht besser als einer, der sich auf andere Weise an ihm vergeht. Denn in beiden Fällen gibt es eine Seele, die ihr Leben lang darunter zu leiden hat. Das Spiel ist das Gleiche: Macht und Ohnmacht, irgendwelche Defizite seitens der Erwachsenen, die ihren Kindern Gegenwart und Zukunft nachhaltig versauen.

      Sorry, das ist nun fast Off-Topic, aber zusammengeschlagen zu werden ist das Allerletzte .. das kann nie eine Option sein.

      27.02.2010, 16:52 von Cyro
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    Hab mir gedacht, dass ich nach Deinem leider sehr kurzen Kommentar, mir auch Deine Artikel (gerne) durchlese und...

    muss sagen, dass mir der Schreibstil zwar nicht zusagt, aber gekonnt und ausgereift sehr gut mit dem Inhalt harmoniert.

    Als Scheidungskind, dass ähnliche - wenn auch nicht halb so harte - Situationen wie Du erlebt hast, kann ich Dir (und ihm) tatsächlich nur wünschen, dass sich Tochter und Wichser nie begegnen werden.

    26.03.2009, 18:33 von DarenBRens
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    War zuerst skeptisch, schon aufgrund des krassen Texttitels (habe selbst Gott sei Dank ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern), habe dann beim Lesen aber meine Meinung revidiert. Geht zu Herzen, trotz des "sterilen" Schreibstils - der der einzig angemessene ist.

    Nachsatz: Theoretisch ist natürlich nicht auszuschließen, dass auch dein Text allzu einseitig ist, Fakten verschleiert etc. (so wie es dein Vater in Talkshows und Sternartikeln tut, auch das Internet ist ein gutes Medium hierfür) - aber für mich klingt er glaubwürdig.

    20.03.2009, 13:34 von Tschoern
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    er wird dich hier finden bestimmt zu nem auszeit duell herausfordern :D

    19.03.2009, 15:43 von MrKartoffelkopf
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    schreibstil gefällt. wortwahl ebenfalls. aber lösung weglaufen, verbarrikadieren, isolieren ? ich weiß nicht... ich habe mit einem elternteil 4 jahre nicht gesprochen, aber dann, ja, irgendwie gabs fragen, keine antworten, keine einfachen antworten, keine harmonie, aber es gab auseinandersetzung.
    allerdings, trifft jeder selbst seine entscheidungen, nicht wahr ? ^^

    19.03.2009, 04:34 von analog
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      @[Benutzer gelöscht] Tja ... wenn der Vater irgendwann tot ist, ist es zu spät für eine Aussprache.
      Nur mag es auch Situationen / Lebensumstände geben, in denen eine Aussprache nichts nützt, auch nicht eine ganze Therapie.
      Wo die Wahrheit liegt und was zu tun ist ... ich weiss es nicht und will nicht zu irgend etwas raten an dieser Stelle.
      Allerdings möchte ich noch sagen, dass dieser Text in meinen Augen zu den wirklich guten Smillatexten gehört.

      27.02.2010, 16:38 von Cyro
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    sehr gut, weil so steril geschrieben. sowas macht mir spass. gefällt mir! wirklich!

    13.03.2009, 07:56 von Surecamp
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    Scheiss Papa-Wochenenden. Hab die auch immer gehasst.

    27.02.2009, 00:24 von verWunderlich
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