Mein unabhängiges Leben
Schon immer versuchte mich meine Familie zu einem freien und individuellen Menschen zu erziehen...
"Richte dein Leben nicht nach anderen," sagten sie, "Verfolge deine eigenen Ziele. Leute kommen und gehen, deine Chancen aber nicht."
Es war Sommer, als ich unfreiwillig an den Wahrheitsgehalt ihrer Worte erinnert wurde.
Mein langjähriger Freund trennte sich mit der Begründung von mir, ich habe mich in letzter Zeit so abhängig von ihm gemacht. "Du kannst dein Leben nicht mir zuliebe umstellen! Es ist besser, wenn du dich mehr um dich selbst kümmerst."
Ich war traurig und verärgert, weil ich merkte, dass er Recht mit dem hatte, was er sagte. Niemals zuvor hatte ich mich so verlassen gefühlt, unfähig etwas mit mir selbst anzufangen. Als bräuchte ich andere Leute, um glücklich zu sein und meinem Leben einen Sinn zu geben.
Ich beschloss, eine Party zu veranstalten und alle meine Freunde einzuladen. Viele von ihnen waren sehr beschäftigt und sagten nur: "Wenn wir da sind, sind wir da."
Letztendlich war niemand da.
Nur die dicke Tina, die betrunken unter dem Küchentisch herumrollte und zwei Jungs mit Baseball-Kappen, die ich nicht kannte. Sie kamen auch nur kurz vorbei um mir mitzuteilen, dass die Party total öde sei.
Von diesem Moment an wusste ich, dass ich unabhängig werden wollte.
Zunächst hörte ich auf, die Zeitung zu lesen. Der negative Einfluss der Medien ist unumstritten,
so verkaufte ich auch sämtliche Radios, meinen Fernseher und Computer.
Doch immer noch fühlte ich mich abhängig und eingeschränkt.
Bei der Wahl des neuen Bürgermeisters gab ich einen leeren Stimmzettel ab. Um unabhängig zu bleiben, ist es doch das beste, sich keinen politischen Meinungen anzuschließen.
Auch wollte ich dem vorgegeben Schönheitsideal nicht weiter nacheifern, schnitt mir die Haare kurz und ernährte mich von Fastfood, bis mir keine meiner Hosen mehr passte.
Das war gut so, denn auch den modischen Trends der profitgeilen Konsumgesellschaft wollte ich nicht länger ausgesetzt sein. Ich verbrannte sämtliche Kleidungsstücke in einem großen Feuer im Garten. In Altkleidersammlungen und Second-Hand-Shops fand ich neue Kleider für ein perfekt uncooles Outfit.
Doch wollte ich mich nicht nur vom Kapitalismus, sondern auch von jeglichen szenigen Jugendbewegungen abgrenzen. Ich verzichtete also auf Nieten, Peace-Ketten und Springerstiefel und mied jegliche Konzerte, Feste und Veranstaltungen, aus Sorge, in eine bestimmte Richtung Jugendkultur geschoben und deren Lebensgefühl aufgedrängt zu bekommen.
Als ich auch damit aufhörte, mich an Busfahrpläne und Abgabetermine zu halten, da mich Fristen und Zeitdruck in meiner Freiheit einschränkten, wurde mein Chef aufmerksam und bat mich um ein Gespräch.
Ich nutzte die Gelegenheit, um meinen Job zu kündigen, der mir schon lange lästig geworden war. Dazu erklärte ich meinem Chef, ich käme nicht länger mit den autoritären Arbeitsverhältnissen in der Firma zurecht. Ob ich mich selbstständig machen wolle, fragte er mitleidsvoll, doch ich antwortete nicht mehr.
Nachdem meine Familie von meiner Arbeitslosigkeit erfahren hatte, kümmerte sie sich aufopferungsvoll um mich. Auch wenn ich darauf bestand, in Ruhe gelassen zu werden, stand täglich ein Korb mit frischen Speisen vor meiner Tür. Immer lag ein Zettel bei, ich könnte sie jederzeit anrufen, wenn ich etwas benötigte.
Mir wurde bald klar, dass ich im gewohnten Umfeld nicht unabhängig werden konnte. Also zog ich um, in eine fremde Stadt, in der ich niemanden kannte.
Anfangs war es recht schwer, niemanden Neues kennen zu lernen. Da waren die Kellner im Café, die Frau hinter der Wursttheke oder die freundliche Nachbarin mit den niedlichen Kindern.
Ich hielt es also für die beste Möglichkeit, nur in äußersten Notfällen die Wohnung zu verlassen und alle Geschäfte nachts zu erledigen.
Mit der Zeit wurden die Nahrungsmittel knapp. Wochenlang hatte ich mich nur von getrockneten Dinkelflocken ernährt, aber auch dieser Bestand neigte sich dem Ende zu.
Ich brach nachts in der nahe gelegenen Bäckerei ein, nicht nur, weil ich mich nicht von den Ladenöffnungszeiten abhängig machen wollte, sondern einfach, weil ich entsetzlichen Hunger hatte. Selbstverständlich ließ ich etwas Geld auf dem Tresen zurück.
Die Sache mit den Öffnungszeiten fiel mir ehrlich gesagt erst später ein. Ich fand die Begründung so überzeugend, dass ich den Fehler machte, sie auf ein Plakat zu schreiben und es gut lesbar vor das Regal mit den Roggenmischbroten zu hängen: "Ich bin ein freier Mensch, wer nimmt sich das Recht, mir vorzuschreiben, zu welchen Tageszeiten ich Essen kaufen darf?"
Meine Vermieterin muss es gewesen sein, der dieses Verhalten bekannt vorkam. Schließlich war ich bei ihr mit selbiger Begründung zwei Monatsmieten im Rückstand. Ein paar Tage später stand die Polizei in meinem unmöbilierten Wohnzimmer.
Ich blieb ein wenig im Gefängnis, was mir sehr widerstrebte, da ich hier im äußerstem Maße auf das Wohlwollen der Beamten angewiesen war. Als ich entlassen wurde, gaben sie mir weise Worte mit auf den Weg: "Es ist sehr wichtig, sich an Regeln und Gesetze zu halten. Ohne die ist kein menschliches Zusammenleben möglich."
Aber sie kannten mein Ziel nicht, und so wurde mir endlich klar, dass ich mich nicht nur von Regeln und Gesetzen unabhängig machen musste, sondern auch vom menschlichen Zusammenleben an sich.
Zu diesem Zweck kaufte ich mir einen großen Vorrat Mehl, ein paar Hühner und eine Kuh. Die Erzeugnisse der Tiere reichten aus, einige einfache Gerichte selbst herzustellen.
Die Hühner starben leider sehr schnell aufgrund der verstopften Klimaanlage im Gästezimmer. Nachdem ich einen hasserfüllten Brief an die Vermieterin schrieb, in dem ich versehentlich auch den Besitz der Kuh erwähnte, setzte sie mich auf die Straße. Ich sei ihr schon lange ein Dorn im Auge gewesen und sowieso, die Kuh, ja da wüsste sie echt nicht.
Ich zog ein wenig durch die Stadt, die mir so trist und verständnislos erschien, und suchte mir mit meiner stillen Begleiterin einen Platz auf einer Wiese. Hier lebten wir eine Weile lang recht glücklich zusammen.
An einem furchbaren Tag im September fiel die Kuh einfach tot um.
Ich war sehr traurig, denn war sie mir in den letzten Monaten eine gute Freundin geworden. Habe ich etwa Zuneigung zu ihr empfunden? Ich schämte mich, dass mich meine eigenen Gefühle beeinflusst hatten, und entschloss, mich auch derer zu entledigen.
Mit großer Anstrengung schaffte ich es schließlich nicht nur, mich von jeglichen Empfindungen, sondern auch aller menschlicher Bedürfnisse zu befreien. Ich verpüre keinen Hunger mehr. Mir ist nicht mehr kalt oder warm. Ich habe kein Verlangen nach Gesellschaft oder Liebe.
Ich bin vollkommen frei.
Endlich habe ich erreicht, unabhängig von Staat und Gesellschaft, sogar unabhängig von meinem eigenen Körper zu sein, der neben mir liegt und lächerlich vor sich hin vegetiert.
Da ist nur noch mein Kopf, mein Kopf beeinflusst mich weiterhin, noch schaffe ich es einfach nicht, ohne ihn zu denken.

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