Mein Tag in Rente
Heute bin ich aufgewacht und hatte geschätzte vier Dioptrien. Zähne hatte ich dagegen keine mehr. Das war blöd, denn irgendwo klingelte ein Telefon.
Zum Glück fand ich eine Brille. So konnte ich das Telefon anvisieren und ihm entgegenhumpeln. Am anderen Ende der Leitung behauptete jemand, er sei mein Enkel. „ALLES GUTE ZUM DREIUNDACHTZIGSTEN, OMI!“, brüllte er. Was für ein Schwachsinn, ich war doch knackige 28! Und das mit der Omi konnte er seiner Großmutter erzählen.
Was ich ihm auch gleich steckte. Doch der Bengel lachte nur blöd: „Nicht, dass ich was verstanden hätte. Aber du klingst sooo lustig, wenn du dein Gebiss vergessen hast“, giggelte er. „Umverffämpt, daff hätff beim Füh…“ Ich biss mir auf die Zunge: Hatte ich tatsächlich „Führer“ sagen wollen? Vielleicht war ich doch älter als ich dachte.
Nachdenklich stocherte ich in meinem Frankfurter Kranz rum. Mein Gebiss hatte ich inzwischen gefunden. Ich schlürfte „Doppelherz“ und im Fernsehen lief „Volle Kanne“. Irgendwie sah es komisch aus hier. Klar, Nierentische waren retro und der hier war offensichtlich original fifties, aber wollte ich sowas ernsthaft in meinem Wohnzimmer stehen haben? Und an Spitzweg hatte ich bis jetzt immer nur die strickenden Männer gut gefunden. Jetzt hing irgend so ein Dorfschulmeister über meinem Bett.
Ein Einzelbett, übrigens. Dafür hing ein schmucker Jungoffizier über dem Fernseher. „Gefallen in Stalingrad“ stand drunter. Ich war wohl schon lange Witwe. Aber wo kam dann der Enkel her? Ein Rätsel, das sich bestimmt zu lösen lohnte. Vielleicht trank ich aber auch einfach ein Eierlikörchen. War ja schließlich mein Geburtstag.
Im Bad, wo meine Stützstrümpfe trockneten, nahm ich ein üppiges Fichtennadelbad. (Lavendel wäre auch dagestanden, aber so alt war ich dann auch wieder nicht.) Ich machte extra viel Schaum: Nackt hatte ich halt auch schon mal besser ausgesehen. Später war ich froh über die Stufen, über die ich aus der Wanne klettern konnte. Ohne hätte ich mich nicht getraut.
Jetzt würde ich aber ausgehen. Man wollte ja was haben vom Tag, nicht. Ich spritzte mir etwas Kölnisch Wasser auf die Schläfen, schnappte mir meinen Nerz und schon war ich auf dem Weg zum Aufzug.
Den Plan, einmal um den Block zu laufen, verwarf ich jedoch schnell wieder. Dazu knacksten meine Knochen dann doch zu bedrohlich. Lieber fuhr ich meine Tochter besuchen (ich war mir mittlerweile sicher, dass ich sowas hatte).
Hui! – was war der Opel schnell. Da kam ich ja gar nicht nach mit dem Lenken, kicher, kicher. Kruzitürken, jetzt hatte ich die falsche Ausfahrt genommen. Aber was soll’s: Der Opel war auch im Rückwärtsgang. Die Radfahrer und Kleinkinder sprangen schon zur Seite. Waren ja noch jung, da hatten sie Rücksicht zu nehmen auf die ältere Generation.
Die Generation, die Deutschland aufgebaut hatte, jawoll! Der hatte man nicht „Renter runter von der Straße!“ hinterherzurufen! Auch, wenn ich mir nicht endgültig sicher war, ob ich den Vespa-Fahrer nicht doch ein bisschen angedumpft hatte. Allzu schlimm konnte es aber nicht gewesen sein: Konnte ja immerhin noch schreien, der Gute.
Grimmig stellte ich Bayern 1 lauter.
Meine Tochter war eine Enttäuschung: Sie war nicht nur erschreckend alt, sondern auch erstaunlich hässlich. Immerhin hatte sie einen Dackel, der sich immer freute, wenn er mich sah. Oder zumindest, wenn er von mir mit Schwarzwälder Kirsch gefüttert wurde. Diesmal gab es aber Käsekuchen mit fettreduziertem Quark. Ich sollte ein bisschen mit meinem Blutfett aufpassen, meinte meine Tochter. Holger sage das auch und der sei immerhin Arzt.
Holger war wohl der Mann, der draußen den Rasen mähte. Rein kam er nicht, aber das war kein Wunder, so wie ich mich immer aufführte, sagte meine Tochter. Sie schenkte mir eine Heizdecke. Das sei wohl nicht ihr Ernst, brüllte ich. Und was sie überhaupt habe, ich würde eh bald sterben, da müsse eine Schwarzwälder Kirsch wohl drin sein. Oder zumindest ein Likörchen. Meine Tochter verdrehte die Augen. Sie goss mir eine furchtbare Plörre ein – Mangolikör meinte sie.
Holger kam nun doch rein. Ich solle aufpassen mit dem Blutzucker meinte er. Ich spuckte ihn mit Mangolikör an.
Meine Tochter fuhr mich nach Hause.
Den restlichen Tag schaute ich ZDF.

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Kommentare
23.07.2009, 22:17 von Kiyanich will dir nicht Nachts begegnen, nicht wennste Mangolikör spuckend mit deinem Rollator um dich schlägst - da bin ich bang für!
Wieda ma primstens, hehehe... ^^
Kruzitürken! Fett. Äh reduziert!
23.07.2009, 14:19 von quatzat@Sal_Paradise du schwein!
23.07.2009, 14:15 von MisterGambit@MisterGambit Aaach komm, sooo schlimm ist das jetzt auch wieder nicht.
23.07.2009, 14:23 von HonigmeloneLOVE IT!
23.07.2009, 14:06 von unicorna