berlin_bombay 11.06.2012, 02:43 Uhr 1 14

Mein goldener Käfig.

Oder: Was ich über Spatzen zu sagen habe.

Allein in den Straßen. Nebel im Park. Neben mir die schwere Kühle, nasskalter Atem auf der Bank an der Ecke. Zigarettenfilter zu meinen Füßen. Ich höre meine Uhr ticken, jeden Schlag der Zeiger wie ein donnerndes Dröhnen von den Mauern der Häuser um mich herum durch die Luft wabbern. 


Kein Ton sonst. Kein die Stille zerreißendes Aufbegehren der Stadt außer dem entfernten Rauschen der Güterzüge. Die Stadt ruht und so ruhe ich, inmitten der Natur zwischen jeder Fuge, jedem Stein, jedem Kabel und jeder künstlichen Tristesse der schwarzgrauen Architektur meines Viertels. Für kurze Zeit eins mit dem Lebensraum in meinem Lebensraum, der vergessenen Stille der Stadt ohne Menschen. Dem Hohlraum in der Großstadtzivilisation. Kein klirrendes Summen der Motoren, kein zirrendes Schallen der Technologien. Nur Rauschen, nur Rauschen. 

Pulsierendes Blut in meinen Ohren. Klare, nach Tabak und Ahornblättern duftende, kalte Sommernachtsluft in meinem Kopf. Über mir nur die Lichter der Stadt und ein offener Himmel, der alles zu verschlingen vermag. 

Einsamkeit. Pure Einsamkeit in einer Stadt, die aus Überfluss und Übelkeit jeden Tag mehr und mehr Menschen auf ihre Straßen kotzt und in der Ödnis aus Pflastersteinen und eingemauerten Blumenbeeten qualvoll abstumpfen lässt, sie scheucht und verdirbt, verletzt und zermürbt bis sie sich nach Stunden der Hatz zurück in ihre Kästen aus halbwahrer Geborgenheit und individueller Massenkompatibilität flüchten um sich das Erbrochene von der Haut zukratzen. 

Ein tiefer Schluck, ein tiefer Blick in die Flasche verrät: alle Menschen können allen Menschen helfen, aber alle Menschen können nicht alle Menschen retten. Die Schwächsten bleiben auf der Strecke, auf der Strecke, die für andere die Straßen des Alltags sind und pflastern diese mit ihren ausgebrannten Köpfen.

Mit dem ersten Sonnenstrahl nimmt neben mir ein Spatz platz. Nickend und nervös wippt er von einem Bein auf das andere. Ich sage kurz "Hallo." Er wirkt unruhig. Zweimal legt er den Kopf zur Seite bevor er sagt: "Besoffenes Arschloch." Dann fliegt er davon, in den Hohlraum der Stadt. Ich lasse die Zigarette fallen, spanne meine Flügel auf und mache einen Satz in die Luft, fliege dem unfreundlichen Spatz hinterher und lebe fortan in den Fugen und Nischen der Mauern, die mich vorhin noch umgaben und einsperrten. Ab und zu würde ich mich in den Himmel hinauf schwingen und die frischste Luft der Welt atmen, neue Bäume und Seen erkunden, Spatzenmädchen kennen lernen und beglücken. Ich würde fliegen und die Fesseln einfach auf der Straße zurücklassen, in der ich eben noch saß.

Dann fliegen wohin ich möchte und landen wann immer ich will. Dann baden in den schönsten Flüssen und dann kommt ein Habicht und zerbeißt mir das Genickt, als ich gerade einer flotten Spatzin einen Blick nachwerfe.

Erschrocken und betroffen stehe ich von der Bank an der Kreuzung meiner Straße auf und fingere in meiner Tasche nach meinem Wohnungsschlüssel. Seufzend stolpere ich los, in meinen goldenen Vogelkäfig mit Stuck an der Decke. Die einzige Freiheit die mir bleibt, ist des Nachts betrunken auf einer Bank zu sitzen, und an Spatzen zu denken. Oh, du wunderschöne Welt.

 

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