rubs_n_roll 18.05.2012, 16:30 Uhr 4 9

Mehrgliedrig

Als ich den Wurm mittig durchschnitt, waren es plötzlich drei.

Es schien mir unlogisch, dennoch nahm ich es ohne weitere Bedenken hin. Das Leben unterliegt Gesetzen, Ausnahmen bestätigen die Regel und Wunder die Mittelmäßigkeit. Das anzuzweifeln, ist uneingeschränkt zu rechtfertigen und trotzdem habe ich längst damit aufgehört.

Aus was bestehen Würmer, dass Vögel so darauf abfahren? Haben Vögel eigentlich Penisse?

Das habe ich mich früher immer gefragt - heute weiß ich, dass Vögel (bis auf Enten) ihre Kloaken aneinander drücken um sich fortzupflanzen. Arschlochsex sozusagen - soll es auch unter Menschen geben.

Sind Pene und Peni nicht der schönere Singular und Plural? Wozu ist der lateinische Numerus für Penis eigentlich gerade wichtig? Liegt es vielleicht an dem warmen Regen, der mir ins Gesicht peitscht, dass mir solche Gedanken durch den Kopf ziehen - und wenn ja, ist das eine widerwärtige Verbindung, die ich da knüpfe – und wenn ja, wen soll ich dafür verurteilen?

Die Möglichkeiten sind zahlreich. Doch bevor ich mich kognitiv entrolle, schweife ich ab. Der Regen, er lenkt meinen Blick nach oben und meine Aufmerksamkeit zu den Häusern. Auf manch einem alten Dach sehe ich unterhalb des Schornsteins einen hellen Streifen. Dieser erstreckt sich vom Ansatz der Esse bis zur Regenrinne und widersetzt sich eifrig dem Moos und der Verfärbung. Durch das Regenwasser lösen sich vom Kupferkleid des Schornsteins Kupferionen. Diese sind toxisch für niedere Organismen, welche für die Veränderung des Daches verantwortlich sind.

Das würde ja bedeuten, dass Kupfer in großen Mengen auch toxisch für uns ist!? Wenn ich nun statt Tictac, Cents lutschen würde, müsste ich dann irgendwann mit einer Kupfervergiftung rechnen – und wenn ja, wären dann wenigstens meine Zähne sauber?

Das frage ich mich, während ich das gerade gefundene 1–Cent–Stück auflese. Wie vom Glück getroffen, stehe ich plötzlich im warmen Licht, welches die Sonne wirft. Eine Zaunlänge hinter mir regnet es noch immer. Im Hellen erstrahlt ein Spielplatz; das Schwarz der Schaukel funkelt im Schein der Sonne. Beim Schaukeln beobachte ich, wie ein kleiner Junge eine Sandburg durchschreitet, die Mauern zerdrückt und Teile der Behausung sprengt. Ohne die Prinzessin aus dem Turm zu entführen, rennt er weiter und verschwindet im Schatten hinter der Torwand. Eines der um die Burg stehenden Kinder, beginnt wütend zu weinen, während das andere tröstend beschwichtigt. „Er ist aus Versehen durch unsere Burg gerannt“, höre ich es sagen. Ich sollte einige Kinder dafür bezahlen, durch die Burg zu rennen – mal sehen wie lang das gutmütige Kind noch glaubt, es sei ein Versehen.

Die Assoziationsglieder verselbstständigen und überschlagen sich. Mücken stechen Elefanten, welche im Affekt Bretter vor meinen Kopf schlagen. Ich verteile mich in meiner Fiktion. Als ich versuche mich wieder zusammenzureißen, ende ich wie so oft bei Gott und der Ungerechtigkeit der Welt. Da ich mich nicht an diesen Gedanken aufhängen möchte, lasse ich sie liegen und stolpere darüber. Ich falle in ein unerwartet tiefes Loch, welches in einem hellen Licht mündet. Als ich mich erhebe und umsehe, ist da ein unendlicher und leerer Raum - plötzlich steht mir Hilbert Meyer gegenüber. Das Erste was mir einfällt, rutscht mir direkt raus:

„Sagen Sie mal, kann man eigentlich während eines Kopfstandes essen?“

Zufrieden lächelt er mich an und sagt:

„Alle sagten ‚Das geht nicht.’, dann kam einer, der wusste das nicht und hat es gemacht.“

Als ich im Krankenhaus erwache, beginne ich sofort meine Erfahrung zu Blatt zu bringen.

Einen Monat später liegt mein Werk neben den anderen langweiligen Nahtodbüchern im Regal. Wenigstens kann es mit seinem Titel brillieren:

„Ich war toter als du – ätschibätschi – der Raum nach dem Tunnel!“

Mittlerweile wurde bereits die 3.Auflage des Buches gedruckt. Animiert durch den enormen Erfolg, schrieb ich ein weiteres Wunder nieder. Ein achthundertseitiges Buch über die Entdreifaltung eines Wurmes, mit dem Titel:

„Der heilige Zeitgeist eines Wurmes mit indeterministischen Hintergrund“

Das größte Wunder meines Lebens, ausformuliert und hinterfragt – interessiert keine Sau.

9

Diesen Text mochten auch

4 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    ich will auch was.

    02.07.2012, 14:34 von berlin_bombay
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Du bist crazy :)

    18.05.2012, 18:16 von Mrs.McH
    • 0

      Danke!? :D

      18.05.2012, 18:17 von rubs_n_roll
    • 0

      yep!

      18.05.2012, 18:18 von Mrs.McH
    • Kommentar schreiben
  • Durchs Wochenende mit … Lars

    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Text-Praktikant Lars Weisbrod.

  • Hobo-Reise: Zur großen Freiheit

    Wer auf Güterzügen durch Amerika reist, lernt Menschen und Landschaften kennen, die sonst verborgen bleiben. Ein Artikel aus der aktuellen Ausgabe.

  • Fabelhafte Fundstücke

    Glück ist eben doch käuflich – die folgenden 10 Fundstücke, die die Moderedaktion für euch aufgespürt hat, sind der beste Beweis.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare