Meerblau
Ein alter Mann. Ein gelebtes Leben. Über den schmerzhaften Blick zurück und den anstrengenden Schritt nach vorne.
Er saß in seinem Lehnstuhl am offenen Kamin und rauchte seine Pfeife, während er traurig mit starrem Blick ins prasselnde Feuer blickte. Es war kalt geworden. Bald schon würden die ersten Eiszapfen das Dach der kleinen Holzhütte, die sein ganzes Leben lang sein Zuhause gewesen war, mit spitzen Zacken besetzen.
Wenn er seine alten Augen schloss, hörte er nichts als das Prasseln des Feuers und die Wellen, die in unregelmäßigen Abständen an den Felsen vor der Hütte brandeten. Ein Ganzes langes Menschenleben lang hatte er in diesen vier Wänden gelebt, die er selbst einst zusammengezimmert hatte. In einer anderen Zeit. In einem anderen Leben. Als das Haus noch von Kinderlachen, Musik und Liebe erfüllt war.
Irgendwann waren die Kinder nach und nach ausgezogen und das Kinderlachen war verstummt. Er hob den Blick und betrachtete die Fotorahmen auf dem Kaminsims. Vier einfache Holzrahmen. Darin leicht verblasste Fotografien. Alle zeigten Gesichter, die nicht alterten. 16, 18, 21. Warum er keine aktuellen Aufnahmen besaß, konnte er sich selbst kaum erklären. Irgendwann war der Kontakt abgebrochen und die Stimmen waren vollends verloren gegangen.
Als er das vierte, etwas größere Bild betrachtete, schossen ihm Tränen in die glasigen Augen. 60 Jahre lang hatte er Morgen für Morgen in die meerblauen Augen geschaut, die ihm leuchtend vom Kaminsims entgegenstrahlten. Und nun blieb ihm nichts als das Meer und die Einsamkeit.
Die Kälte, die sich langsam von Zimmer zu Zimmer vorgearbeitet hatte, drohte in letzter Zeit auch von ihm Besitz zu ergreifen. Deshalb saß er vor dem Kamin, erstarrt und in sich zusammengesunken. Nachts war es am Schlimmsten, da drohte die Kälte ihn beinahe zu zerreißen und der Schmerz in seinem Innern durchflutete ihn wie die Wellen vor dem Haus die Felsen versinken ließen. Kein Stein der Welt konnte diesen Wellen Stand halten…
So litt er stumm, während er Pfeife rauchend ins Feuer blickte. Er ertrug das Prasseln, die Blicke vom Kaminsims, die Einsamkeit, die Kälte, den Schmerz – bis draußen in der Ferne die ersten Rottöne den dunklen Himmel zart einfärbten. Als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster brachen und seinen Rücken wärmten, erhob er sich langsam. Er legte die Pfeife beiseite, scharrte noch einmal im Kamin, der inzwischen nur noch leichte Glut enthielt, und ging angestrengt, kaum die Beine hebend, ans Fenster.
Das Meer strahlte ihm leuchtend blau entgegen und er blickte tonlos hinaus bis zum Horizont, wo der Himmel zart die Wasseroberfläche küsste.
Dann hob er die alte und verblichene Mütze von der Hutablage neben sich. Er fühlte die feinen Rillen des abgenutzten Cord-Stoffes, als er sie auf den Kopf setzte und sich schließlich die braune Jacke überzog, die ihn jahrelang vor Wind und Wetter beschützt hatte. Ein letzter, geübter Handgriff in eine Schublade neben sich und er hielt die neue Digitalkamera in der Hand, die er beim letzten ‚richtigen‘ Weihnachtsfest unter dem Baum vorgefunden hatte. Damals waren noch fünf Personen um den Weihnachtsbaum gesessen…
Lange hielt er das Gerät in der Hand und betrachtete es. Schließlich legte er es in die Schublade zurück. Daneben lag seine alte Kamera. Die, die noch Bilder machte, die man mit viel Geduld und Vorfreude erst entwickeln lassen musste. Dieser Fotoapparat hatte ihn all die letzten Jahre begleitet. Er hatte den 50sten Hochzeitstag dokumentiert, Geburten, Hochzeiten, Beerdigungen. Aber auch die kleinen Momente dazwischen: Erste Milchzähne. Erste Schritte. Herbstlaub, das Vergnügen bereitete. Wellen, die bezwungen wurden. Ein beherzter Biss in einen tiefroten Apfel.
Freude und Leid – all das hatte diese Kamera eingefangen. Und auch die vier Fotografien auf dem Kaminsims hatte sie gemacht…
Als seine alte Hand zitternd nach der Türklinke griff und er mühsam die schwere Holztür aufzog, stand sein Entschluss fest: Er würde noch viele weitere Aufnahmen machen. Von nachdenklichen Fremden, die am Strand saßen und aufs Meer hinaus blickten. Von schnellen Autos. Von Schafherden, die friedlich auf sonnenbeschienenen Hügeln weideten. Von Fischerbooten. Von lauthals schreienden Marktverkäufern. Von lachenden Kindern, die bunte Drachen in den Spätsommerhimmel steigen ließen.
Bilder vom Leben. Nicht Bilder vom Tod.





Kommentare
Der Text nimmt eine schöne Wendung.
Erinnert mich sehr an einen früheren Freund von mir.
Und sein Haus am Meer.
Mit Zentralheizung. Aber leider mit anderer Kälte.
Da war keine Romantik dabei. Kein Stück.
Seine Bücher hatten schon einen verbitterten Unterton, als ich vor etlichen Jahren den Kontakt mit ihm verlor.
Ob ihn eine Krankheit erwischt hat oder er sich doch - Klischee Hemingway, dem er tatsächlich ähnelte - die Magnum an den Kopf gesetzt hat, weiss ich nicht.
Ich habe nur neulich nach ihm gegoogelt und festgestellt, dass sein Verlag über ihn in der Vergangenheitsform schreibt.
20.08.2012, 19:26 von LagbackMmh, mir sind zu viele Wiederholungen drin. Für mich baut sich dadurch leider keine Stimmung auf. Vielen klingt für mich arg gewollt.
20.08.2012, 12:10 von Tanea(Ich glaub, mein ü verabschiedet sich bald, muß da immer richtig fest draufhauen, Blümchen, war das bei dir und dem D auch so?)
Nee, bei mir war es ganz plötzlich weg.
20.08.2012, 20:13 von topfbluemchenMein k ist aber nackt, un a muss ich olle raufrücken.
er Text nimmt eine schöne Wendung.
20.08.2012, 10:30 von topfbluemchen