ElisLogbuch 11.09.2018, 18:24 Uhr 0 3

Maß halten

Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich diesen Text überhaupt hochladen soll. Nu is zu spät.

Youtube/Instagram made me buy it

Zwar stecke ich äußerst gerne meine Nase in Bücher der unterschiedlichsten Art, doch schließt diese Tatsache nicht aus, dass ich mich aus Unterhaltungsgründen auch hin und wieder auf den verschiedensten Internetplattformen tummle. Dabei begann ich mir vor geraumer Zeit Gedanken über eine Entwicklung zu machen, die zugegebenermaßen wahrscheinlich gar keine Entwicklung mehr, sondern bereits Standard ist. Aber die Philosophie, die die Basis vieler meiner Überlegungen sein mag, ist ja immerhin eine langsame Wissenschaft und daher habe ich mir meine Zeit genommen, dieses Thema zu hinterfragen und hatte dabei stets einen bestimmten Diskurs im Hinterkopf.
Mich beschäftigt der ungezügelte Konsum, der auf jeglichen Social Media Plattformen gang und gäbe ist. Es reicht schon lange nicht mehr, ausführlich über wenige Produkte zu sprechen, stattdessen lautet das Motto Quantität vor Qualität. Fashion Hauls lohnen sich nur noch im XXL-Format (nein, das betrifft nicht die Kleidergröße), die Ausgaben für den letzten Beauty Einkauf schreien einen bereits im Thumbnail an (500€…1000€…) und es ist in der Booktuber Szene nicht unüblich, sich 20+ Bücher pro Monat zu kaufen, sodass es wohl kaum verwunderlich ist, dass der SuB (Stapel ungelesener Bücher) mittlerweile rund 150 Exemplare zählt. Auch ich habe meine Freude an all diesen angesprochenen Gegenständen, die man vielleicht nicht zwingend braucht, die einem aber durchaus den Alltag versüßen können, doch leider muss ich zugeben, dass hier das gleiche Phänomen wie bei Schokostreuseln im Vanillepudding auftritt: Zu viel ist zu viel. Mir wird schlecht, ich kann die ursprüngliche Extravaganz nicht mehr herausschmecken geschweige denn genießen, da sie mir den Mund verklebt und am Ende lasse ich das halb aufgegessene Desaster stehen, bis ich es schließlich wegschmeiße. Warum also diese gnadenlose Übertreibung, frage ich mich, warum reicht ein normaler Rahmen schon lange nicht mehr aus? Oder ist dieses Konsumverhalten schon zu einer Normalität geworden?
Als ich mich auf die Klickzahlen der jeweiligen Videos und Posts konzentriert habe, wurde mir bewusst, dass man als Influencer, Blogger oder dergleichen regelrecht dazu motiviert wird, über die Stränge zu schlagen. Niemand… ok, das ist vielleicht auch schon eine Übertreibung an sich… Die wenigsten Zuschauer wollen das Normale oder das Durchschnittliche. Erst in komplett abgefahrenen Spähren fängt der große Spaß so richtig an.

In seinem zweiten Diskurs schreibt Jean-Jaques Rousseau, dass der Mensch frei handeln kann und sich dementsprechend auch nach seinem eigenen Vorteil richtet. Diese Annahme leuchtet ein. Man kann es also wohl kaum jemandem vorwerfen, dass er sich derart verhält, nur um den größten Nutzen für sich selbst zu erlangen. Wer würde sich selbst, seiner Karriere, oder seiner Zukunft schon gerne freiwillig Schaden zufügen? Und wenn so viele Personen Interesse an eben diesem Format finden, tut man ihnen im Endeffekt doch auch etwas Gutes?
Trotzdem sollte nie vergessen werden, dass diese Menschen, die regelmäßig einen solchen Content für ihre Zuschauer oder gar Fans produzieren, welche sich zum größten Teil in einem Alter befinden, in dem man sehr leicht zu beeinflussen ist, ein enormes Maß an Verantwortung tragen. Sie zeigen ihnen nicht nur, dass Konsum gut ist, sondern dass nahezu lächerlich übertriebener Konsum besonders gut ist. Darüber hinaus ist es durchaus möglich, dass einen ein regelrechter Kaufzwang überkommt. All diese gepriesenen Produkte möchte man selbst auch besitzen, man möchte auch mitreden können und auf gewisser Ebene dazugehören.

Brauch ich das?
Vielleicht ist die Frage „Brauche ich das?“ bevor man sich etwas Neues anschaffen möchte nicht mehr die richtige, vielleicht war sie auch noch nie die richtige. Schließlich könnte man sie in Bezug auf materielle Dinge mit „Ich brauche Wasser, Essen und ein Dach über dem Kopf“ beantworten, da wir den meisten Kram, den wir besitzen, mit Sicherheit nicht brauchen. Aber dieser Ansatz ist meiner Meinung nach zu krass und zu radikal, immerhin sind wir inzwischen schon längst zu einer Spaß- und Konsumgesellschaft geworden. Ich ziele in diesem Text nicht darauf ab, dass jeder einen minimalistischen Lebensstil führen oder sich einsam in eine Hütte im Wald zurückziehen sollte, es sollte an sich nichts Verwerfliches sein, sich Komfort und wenig sinnvolle Luxusobjekte zu gönnen und zu genießen. Innerhalb dieses Spielraumes jedoch kann ich nur ähnlich wie Rousseau dafür plädieren, doch bitte das Maß zu halten und hin und wieder den gesunden Menschenverstand einzuschalten. Laut Rousseau findet die Verfehlung des Maßes ihren Ausdruck in sozialer und politischer Ungleichheit, kurzum: Was es auf der einen Seite zu Hauf gibt, fehlt an einem anderen Ende. Und wenn ich so darüber nachdenke, scheint diese einfache Formel irgendwie doch immer wieder aufzugehen.
Zu Rousseau sei gesagt, dass er zwar jede Art des Luxus strikt ablehnt, da er davon ausgeht, dieser verweichliche und verderbe die Menschen, doch immerhin ist es rund 250 Jahre her, dass diese Gedanken entstanden sind. Das Leben hat sich allein durch die Industrialisierung und die Erfindung der Elektrizität rapide geändert, man geht nicht mehr davon aus, dass es ungesund ist sich zu waschen und das Entsorgen jeglichen Unrates auf offener Straße ist glücklicherweise auch nicht mehr alltäglich. Folglich hat auch eine Veränderung der Besitztümer, des Einkommens, der Freizeit und des privaten und gesellschaftlichen Lebens generell stattgefunden. Es geht also nicht darum, diese alten Texte eins zu eins auf die heutige Zeit zu übertragen, sondern sie nach guten Ideen zu filtern und gegebenenfalls etwas aus diesen zu lernen.
Zusätzlich schreibt Rousseau, dass die Freiheit dem Eigensinn die Tür öffnet und dass so zugelassen wird, Grenzen zu überschreiten. Wenn ich so frei bin, dass ich davon ausgehe, mein Handeln habe keinerlei Grenzen, kann ich durch diese Missachtung einer Barriere die Freiheit anderer beeinträchtigen und einschränken. Es ist die Aufgabe von uns allen, diese Grenzen überhaupt wiederzufinden, sie wahrzunehmen und sich ihnen bewusst zu werden. Bin ich satt oder habe ich noch Hunger? Geht es um das Geschenk an sich oder um den Geldwert, den es vermittelt? Tue ich mir wirklich etwas Gutes oder belüge ich mich selbst?
Es sind viele kleine Dinge, die in ihrer Summe etwas Großes bewirken können, sei es genauer darauf zu achten, welche frischen Lebensmittel ich noch daheim habe und nicht kaufen brauche oder zu lernen, die Mengen, die am Ende auch tatsächlich gegessen werden, zu kochen. Zu einem gewissen Teil haben wir selbst es in der Hand. Wir können Normen und Konventionen zustimmen, wir können sie aber auch genauso gut hinterfragen und boykottieren. Zum einen lässt sich dieses Zweifeln und Abwägen auf die Konsumenten beziehen, genauso aber auch auf die oben angesprochenen Influencer.

Wir teilen uns diesen Planeten mit so vielen weiteren Menschen, Tieren, Pflanzen und Lebewesen, da ist es ab und zu nötig, auch auf andere zu achten, ohne sich selbst dabei komplett zu vergessen. Meiner Meinung nach kann eine Rückbesinnung auf die Natur dabei helfen, eine aus dem Ruder gelaufene Entwicklung wieder in geordnete Bahnen zu bringen. Gibt es von allem irgendwie zu viel, kann es keine Übersicht geben, das kennt der ein oder andere vielleicht nur zu gut von der sogenannten Abstellkammer, einem rumpeligen Kellerraum oder auch der sagenumwobenen Tupperdosen-Schublade. Verstricke ich mich in Anhäufungen aus Übermaß, kann so schnell der Blick für das Wesentliche abhanden kommen.
Konsum an sich ist nichts Schlechtes, es kommt allerdings darauf an, was wir daraus machen und wie wir damit umgehen. Jeder von uns möchte das Leben genießen. Aber es wäre doch schade, wenn dieser Genuss durch zu viel des Guten verdrängt wird.


Tags: Youtube, Instagram, Influencer, Konsum, Rousseau, Zweifel, Abwägen, Diskurs, Vanillepudding
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