Marina - Teil 4
Marina wimmerte nicht, sie schrie.
Inzwischen regnete es in Strömen. Die Tropfen hämmerten wie kleine Steinschläge auf das Dach des kleinen, weißen Lieferwagens ein. Der Lärm war ohrenbetäubend. He-Jo mochte das. Es fühlte sich an, als ob dieses gewaltige Rauschen seine Gedankenbahnen freischwemmen könnte bis sich nur noch Marina in ihnen wandte. Marina und das, was er sich für sie ausgedacht hatte.
Auf seine Vorbereitungen war es tatsächlich geradezu stolz. Leise grunzte er in sich hinein, als er sich auf die eigene Raffinesse besann, mit der er vorgegangen war. Mit wohlüberlegter Sorgfalt widmete er sich seinen Damen natürlich stets, jedoch hatten sich diesmal die übliche Sorgfalt der Ratio und eine ihm bisher noch nicht bekannte gierige Liebe zum Detail besonders gekonnt die Hände gereicht. Ihm war bewusst, dass er in der Vergangenheit grundsätzlich dann am besten zu Werke geschritten war, wenn er den Reiz, den er verspürte, in absolute Emotionslosigkeit hüllen konnte. Dass ihm jetzt der Schwanz vor nervöser Erregung fast platzte, sprach eindeutig nicht für rationales Situationskalkül, aber es verschaffte ihm einen Kick. Und den wollte er sich gönnen. Das, was er jetzt vielleicht an emotionalem Abstand einbüßte, sollte die Übung, über die er mittlerweile verfügte, ausgleichen. Darauf wollte He-Jo fest vertrauen.
Er fragte sich, ob sich da tatsächlich ein Wimmern in den harten Geräuschewall mischte oder ob er sich das nur einbildete. Als er mit dem Wagen an einer roten Ampel zu stehen kam, drückte er sein rechtes Ohr an die Trennwand zum Innenraum, und ja, Marina wimmerte nicht, sie schrie. Wehe Klagelaute mit einem seltsam dumpfen Klang. „Ach richtig, die Plastiktüte“, fuhr es ihm durch den Kopf. Das Bild, das sich vor seinen Augen aufbaute, missfiel ihm. Diese schäbige Discountertüte bewegte sich deutlich unter dem Niveau, das er für angemessen hielt. Aber in Kürze würden sie ohnehin auf dieses kleine Accessoire verzichten können.
19:08 Uhr.
He-Jo lenkte den Bulli auf ein nachlässig umzäuntes Gelände in den Wäldern der Resser Mark. Die tiefen Schlaglöcher im Boden ließen den Wagen mächtig schaukeln. Der Regen hatte mittlerweile nachgelassen und er konnte hören, wie es Marina grob durch den Laderaum schleuderte. Ihre Schreie waren schon verstummt kurz nachdem sie das Stadtausfahrtsschild passiert hatten. Er hatte sie beide auf dem Rest der Fahrt musikalisch unterhalten. WDR4 zeigte sich nach einem Zapp-Treffer mit Wencke Myhres „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen“ erfreulich situationsgerecht. He-Jo grinste hinsichtlich dieser netten akustischen Zufallsuntermalung und stellte sich vor, dass Marina im hinteren Teil des Wagens auf den verspielten Wortlaut des Liedes genauso Acht gab wie er. Marina. Marine. Segeln. Das musste ihr doch einfach auffallen!
Vor den gelben Baucontainern hielt er an. Hier draußen würde ihn niemand stören - dessen war er sich sicher. Baustop nach Bauträgerinsolvenz im Frühstadium eines Projekts, das firmenintern in seiner Hauptverwaltung lag, hatte das Gelände zu rechtsstrittigem Brachland werden lassen. Es würden nun wochen- wenn nicht gar monatelang Akten gewälzt und gestochene Briefe hin und her geschickt werden, ehe irgendjemand überhaupt mal wieder einen Fuß auf dieses Grundstück setzte. Die Maschinen waren bereits in der Vorwoche abtransportiert worden.
He-Jo schaltete das Radio aus und das funzelige Deckenlicht an. Als er sich den ekelhaft filzigen Perückenbazillus vom Schädel gezogen und im Rückspiegel einen Blick auf seine schweißverklebten braunen Haare geworfen hatte, ließ sein ungepflegtes Erscheinungsbild ihn sofort angewidert die Augen abwenden. Ungehalten riss er den Reißverschluss der Sporttasche neben sich auf dem Beifahrersitz auf, griff nach einer Wasserflasche, sprang mit einem Satz nach draußen und goss sich den gesamten Flascheninhalt über den vornüber gebeugten Kopf. Mit ausladenden Bewegungen kämmte er sich die tropfnassen Haare grob aus dem Gesicht. Jetzt war er soweit.
Während er die wenigen Schritte um den Kleintransporter herum zur Schiebetür schritt, fragte He-Jo sich, ob es Marina erleichtern würde, zu sehen, dass er tatsächlich er war. Also dass er ihr keine Fotos von irgendeinem Fremden geschickt hatte, wie er es sonst bei den Frauen vor ihr getan hatte. Aber er hatte herausgefunden, dass es mit der Zeit einfach notwendig war, das Spiel punktuell zu variieren, wenn er sich mit seiner eigenen Präzisionstreue nicht langweilen wollte. Dass er nun nicht Claas hieß, sollte da doch wirklich das verwindbarere Übel sein, oder?
Er schob die Tür auf - langsam, leise - und ließ seine Augen lange auf Marina ruhen. Trotz ihres wirklich armseligen Anblicks mit dieser furchtbaren Plastiktüte auf dem Kopf durchzuckte es sofort seinen Schritt. Vielleicht nicht trotz, sondern eben gerade aufgrund dieses Anblicks, der ihn für seine Verhältnisse ungewohnt billig ansprach.
Sie lag ganz still, aber ihr Atem raste. Den Tütensauerstoff sog sie so tief ein, dass das Plastik rhythmisch knisterte.
He-Jo lehnte sich an den Türrahmen und schloss die Augen. Dieses dumme Knistern gefiel ihm. Es war neu.
Nachdem er sich gewichst hatte, griff er nach ihr.
„Du bist eine Dame. Benimm Dich entsprechend! Wir möchten doch beide nicht, dass ich die Achtung vor Dir verliere, oder?“
19:16 Uhr.
Marina reichte ihm mit einem deutlichen Nicken blind die Hand."Wichtige Links zu diesem Text"
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Kommentare
MEHR ! Bitte... :)
10.11.2010, 22:31 von kiss-me-if-you-caniiiiiiiiiiiiiiiiihhhhhhhhhhhhhhhhh. wie is bitte dieser perversling in deinem kopf entstanden?!!
08.11.2010, 11:48 von AloisiaWieder einmal selbst übertroffen, Frau Ecke. Schnell schnell! Teil 5!
08.11.2010, 10:29 von OnestoneKleiner Kommentar von einem Praktiker:
07.11.2010, 20:08 von EliasRafael"Nachdem er sich gewichst hatte, griff er nach ihr."
Danach kotzt man erstmal, und dann greift man zu.
Der letzte Satz ist das beste an dem Text, Cliffhanger kannst du. Solltest Skripte für Daily Soaps schreiben.
Nicht jeder der austeilt kann auch einstecken!!
07.11.2010, 13:03 von Neaniafreue mich schon auf den 5.teil. finde alle teile gelungen. danke dafür.
06.11.2010, 19:36 von Snow.meine fresse, meine fresse - "am sonntag will mein süße mit mir segeln gehn" und das rhytmische prä-ersticken in der plastiktüte. puh.
06.11.2010, 15:55 von lavishwenn ich schreibe, "das gefällt mir", komm ich mir ganz eklig vor. aber - es gefällt mir. sei's drum:-)
"Mit wohlüberlegter Sorgfalt widmete er sich seinen Damen natürlich stets, jedoch hatten sich diesmal die übliche Sorgfalt der Ratio und eine ihm bisher noch nicht bekannte gierige Liebe zum Detail besonders gekonnt die Hände gereicht."
06.11.2010, 14:24 von Jackie_GreyHILFE - in diesem geschraubten und gedrechselten Satz finde ich weder Tempo, noch Spannung. Auch ein fast platzender Schwanz oder anschließendes Rumgewichse kann mir in diesem Text einen Thrill verpassen..
Teil 1 war aus meiner Sicht bisher der spannendste Text.
@Jackie_Grey Uppps - muss heißen: Auch KEIN(!) fast...
06.11.2010, 15:01 von Jackie_Greyhihi
@[Benutzer gelöscht] @apparat
06.11.2010, 15:46 von Jackie_GreyDu verkennst die Situation vollkommen und kriechst gerade Anna in den Hintern. Ist es schön dort?
Anna schreibt sehr gut. Mein Text will und soll damit gar nicht mithalten. Du verwechselst gerade Äpfel u. Birnen. Vielleicht solltest Du Dich aber um ein hübscheres Userbild bemühen, dann wärst Du bestimmt weniger gehässig.
@Jackie_Grey Keine Sorge, ich kann euch alle beruhigen:
07.11.2010, 13:47 von holo...Auf dieser Seite kann keiner, aber auch gar keiner wirklich gut schreiben.
Kein Grund für Zoff also.
Kussi!
@holo... aber auch aufm minigolf-platz gibts gewinner und verlierer
07.11.2010, 18:52 von MisterGambit@MisterGambit Wir sind früher oft ziemlich bekifft Minigolf spielen gegangen, mit wie zu erwarten miesen handicaps als Folge. Kamen uns trotzdem vor wie die dickste Wurst auf'm Platz.
07.11.2010, 22:18 von holo...Übertragen auf neon könnte das solche Aussagen wie "Ein Leser wie ich fühlt das" ein paar Spalten weiter oben erklären....
@holo... :D
08.11.2010, 00:19 von MisterGambitmann, das wurde aber auch zeit!
06.11.2010, 10:22 von edelstein68und weil hier so wenig passiert, womit die spannung auf teil 5 in richtung himmel steigt, muss der jetzt auch zügig nachgereicht werden.
bitte! :)
grüße...