AnnaEcke 20.09.2010, 16:47 Uhr 32 32

Marina - Teil 3

„Es müsste immer Musik da sein, bei allem was Du machst.“ - So ein dummer Scheiß!

Claas Lohe hieß Hermann-Josef Zenker. Seit jeher wurde er jedoch He-Jo gerufen, allerdings empfand er 'He-Jo' auch nicht als wesentlich weniger peinlich als 'Hermann-Josef' – für einen Mann von Mitte Dreißig. Irgendwann während der Pubertät hatte er die Mutter einmal auf seinen dämlichen Namen angesprochen. Er erinnerte sich noch gut: Er brachte gerade mit ihr die alten, braunen Gartenstühle aus dem Keller nach draußen auf die Straße. Am nächsten Tag sollte der Sperrmüll abgeholt werden. Die Mutter hatte sich den Finger in der billigen Plastikmechanik geklemmt und gab schmerzerfüllte Quieklaute von sich. Sie sah in seinen Augen so lächerlich, so armselig aus wie sie dort auf dem Bürgersteig in ihrem geblümten Hauskittelchen stand, den gequetschten Zeigefinger im Mund, die nackten Hühneraugenfüße in weißen Birkenstocklatschen und vor Schmerz von einem Fuß auf den anderen hüpfte. He-Jo konnte ihr in den Ausschnitt gucken. Einen BH trug sie nicht. Er sah ihre schlauchförmigen Solariumbrüste baumeln und es ekelte ihn. Und es ekelte ihn gleich noch mehr, als ihm die Erinnerung an Wolfgangs Hand in ihrem Ausschnitt vom Vorabend wieder hochkam. Wolfgang war ihr Nachbar. Er war schon immer gerne mal nach Feierabend über die Mutter drübergerutscht. Wenn He-Jo die anderen Nachbarsfrauen im Treppenhaus von der Mutter sprechen hörte, hörte er sie nie „Monika“ oder „Frau Zenker“ sagen. Sie wisperten „Schlampe“ oder „Flittchen“. Und er fand: zu Recht! Als er älter wurde, dachte er manchmal daran, ihr seine Verachtung ins Gesicht zu boxen - wie es der Mann, sein Vater, den es nicht gab, in seinen Augen hätte tun sollen.

„Hermann-Josef. Damals hat doch auch was bei Dir geklemmt, oder Mutter?“

Sie hatte ihn nicht verstanden. Als er noch jünger war, war er der festen Überzeugung, dass sie ihn meistens einfach nicht verstehen wollte. Dass ihr piepsiges und langgezogenes „Wieee?“ gespielt war, dass sie ihn foppen wollte, weil kleine Jungs eben manchmal liebevoll gefoppt gehören. Dann wurde er größer, seine Stimme klang nicht mehr so piepsig wie ihre und er begriff, dass es in diesem Fall ein „Nicht verstehen wollen“ gar nicht gab. Sie konnte nicht. Nicht zu wollen, lag ihr tatsächlich fern. Mit den simpelsten Entscheidungen war sie derart schnell überfordert, dass es schon sehr früh an ihm war, in ihrem gemeinsamen Alltag die grundlegende Verantwortung zu übernehmen. Die Sicherheit, nach der er sich sehnte, bot er somit seiner Mutter und nicht selten hätte er die eine oder andere Entscheidung zu seiner eigenen Entlastung einfach aus ihr herausprügeln wollen.

In der Grundschule hatten die Mädchen in seiner Klasse eine nicht versiegen wollende Freude daran gehabt, in beinahe jeder Pause, ob auf dem Schulhof oder im Klassenzimmer, „He-Jo, spann den Wagen an…“ zu singen. Ihre kleinen mal übermütig-kreischigen, mal abfällig-höhnischen Stimmchen verfolgten ihn noch heute in den Schlaf. Dort bildeten sie die Hintergrundmusik zu all seinen Träumen. In irgendeinem Film hatte es mal geheißen „Es müsste immer Musik da sein, bei allem was Du machst.“ An der Stelle hatte er umgeschaltet. So ein dummer Scheiß. Er würde sofort seinen Flatscreen samt Dolby Surround Anlage hergeben, wenn er dafür nur eine einzige Nacht ohne diesen He-Jo-Singsang bekäme. Aber so waren die Leute eben. Worthülsen, nichts als Worthülsen. Denn keiner überlegte mal ernsthaft, ob das unbedingt so schön wäre. Wenn da immer Musik wäre. Immer!?
Dummer Scheiß eben.

Marina war leichte Beute gewesen. Da hatte es noch nicht einmal vieler Worte, ob mit Hülse oder ohne, bedurft. Er hatte schnell durchschaut, dass die Feuchtigkeit zwischen ihren Schenkeln wunderbar mit einer möglichst geringen Anzahl an Worten seinerseits korrespondierte. Je knapper seine Anweisungen, desto kalkulierbarer ihr Wille, sich nach ihnen zu richten. Bei ihr musste er bald darauf achten, ihr forsches Tempo, mit dem sie sich hingeben wollte, auszubremsen. Sie war spielbarer als ihm lieb war, denn schließlich wollte er nichts für sich gewinnen, was sich ihm widerstandslos hinterher warf.

Er hatte das schon oft gemacht: sich Frauen gefügig gemacht. Manchmal dachte er, dass das wohl seine Superheldenfähigkeit sein müsste. Der Gefügigmacher! Aber das klang letztlich dann doch viel zu lächerlich. Trotzdem hätte er gerne mal jemandem davon erzählt, in einer Kneipe, auf ein Bier. Einem Kumpel vielleicht. Und zum Geburtstag würde er dann eine schwarze Kaffeetasse geschenkt bekommen, auf die der Kumpel in diesem Copy Shop

DER GEFÜGIGMACHER

hätte drucken lassen. In Comic Sans MS für 14,99€. Inklusive Tasse. Auf dem Weg zu Arbeit sprang ihm dieses Schaufensterangebot schon seit Jahren bis in das Eckchen seines Gehirns, in das sich die dumpfe Sehnsucht nach Freundschaft schon seit seiner Schulzeit verkrochen hatte.

He-Jo hatte keine Freunde. Nicht einen einzigen Kumpel gab es. Er gönnte sich zwar bisweilen manchmal kurz den lachhaft absurden Gedanken an Tasse und Freund, aber seinem Auftreten, seiner Erscheinung haftete rein gar nichts Albernes an. Er war niemand, über den man heute noch zum Spaß ein Liedchen gesungen hätte. Er war niemand, der sich foppen ließ oder der den Leuten oder dem TV den dummen Scheiß abkaufte, den man täglich serviert bekam. Er schaute auf sich und seine Bedürfnisse – so wie er es von klein auf gelernt hatte. Allerdings hatte er inzwischen Mittel und Wege gefunden, eine für ihn angenehme Balance zwischen seinen eigenen Entscheidungen und den Entscheidungsunfähigkeiten anderer herzustellen.

Sie machten es ihm wirklich leicht. Die Damen, die sich unter www.be-my-sub.net auf seine Anzeige hin meldeten, waren stets vom gleichen Schlag: selbständige, anschauliche Frauen, fest im Berufsleben verankert, sowie ausreichend kultiviert und gebildet. Und vor allem verfügten sie über reichlich Stolz und Selbstachtung. Diesen Frauen war es wichtig, sich zu behaupten, sich respektiert zu wissen, geachtet zu werden, ein Bewusstsein für Gleichstellung nach außen zu tragen. Sie wirkten stark, selbstbewusst, ja, emanzipiert – wie der schnöde Volksmund gemeinhin sagen würde. Und doch sehnten sie sich alle danach, sich fallen lassen zu können – in eine Rolle, die ihrer Bestimmung, ihrer schöpfungsgegebenen Natur weitaus mehr entsprach. Insgeheim wollten sie dem Mann erliegen, sich hingeben, sich lenken lassen. Sie wollten ihre gespielte Stärke durch maskuline Dominanz ausgehebelt sehen. Wollten sich fügen nach seinem Wort, nach seiner Hand, nach seinem Geist, um sich endlich die Schwäche gestatten zu können, die ihnen entsprach. Aber so leicht machte er es ihnen nicht…diesen entscheidungsschwachen Drecksschlampen, die sich Tag für Tag Selbstbewusstsein und Stärke zu Rouge und Tusche in ihre verlogenen Visagen schmierten.

Marina gefiel ihm eigenartigerweise besonders gut. Sie wirkte nicht ganz so selbstbewusst wie die Frauen, die er sich sonst besorgte. Sie war leichter zu verunsichern. Hätte es ihn früher genervt, ja, massiv gestört, wenn die Frau nicht gänzlich vertraut hätte, so bereitete es ihm diesmal Freude, sie zweifeln und bangen zu sehen. Sie war unbedarft. Wie ein kleines Kätzchen. Bei diesem Gedanken zog sich etwas in ihm zusammen. Er schalt sich. Wie ein kleines Kätzchen?! Er hasste diese Viecher. Was für eine unangenehme Assoziation! Doch andererseits so treffend…

Sie hatte ihm Fotos von sich geschickt. Damit er sicher gehen konnte, dass sie sich auf den Bildern tatsächlich nur für ihn auszog und ihm kein altes Bildmaterial von irgendeiner dümmlichen Liebelei mit einem Kasper aus ihrer Vergangenheit zusandte, hatte er ihr exakte Anweisungen gegeben, die sie zu seiner Freude mit absoluter Präzision umsetzte. Das Bild, auf dem sie schwarze Tinte über ihre Schamlippen laufen ließ, hatte es ihm besonders angetan.

Ihm schwoll der Schwanz am Steuer des Bullis plötzlich mit solcher Macht an, dass es ihm das Gesicht verzog. Er fuhr rechts ran, schlug mit der flachen Hand vor die blecherne Abtrennung zwischen Fahrerhäuschen und Laderaum und brüllte „Raus mit Euch, Ihr kleinen Ratten! Die Kohle kriegt Ihr morgen Abend!“

Unverzüglich flog die Schiebetür auf und die Jugendlichen sprangen polternd aus dem Wageninneren. Melle riss die Beifahrertür auf.

„Verpiss Dich, Melle!“
„Sie wacht langsam wieder auf. Wollt ich Dir nur sagen.“
„Ist gut. Und jetzt verpiss Dich!“

Als sie die Tür ins Schloss knallte, war er schon angefahren.

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Kommentare

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    Ich find's wie Kino. Großes.

    12.10.2010, 17:49 von petuniaaa
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  • 1

    Einfach wunderbar. Gerade der "Erklärteil" zeigt, wie gut du schreiben kannst. Ich warte auf dein erstes Buch!

    02.10.2010, 19:34 von Maria-Maxi
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    Ich stimm SarahMoon zu, was dieses klischeehafte Psychobild angeht. Außerdem wurde mir irgendwie in Teil drei die Spannung "genommen". Zwar möchte ich immernoch unbedingt wissen wie es weiter geht, doch der letzte Teil hat mich nicht annähernd so gefesselt, wie es die ersten beiden taten. Vielleicht wird Teil 4 ja wieder etwas fesselnder :)

    30.09.2010, 22:53 von Jacklynn
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    nö iss klar :-)

    27.09.2010, 11:35 von Webcam-Fan
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    so fürchterlich gut. das buch- würde ich kaufen.

    24.09.2010, 02:19 von lykke_marie
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