Mannomann!
Nicht Frauen werden in Deutschland diskriminiert - sondern Männer. Das behaupten MASKULISTEN. Ihr Ziel: den herrschenden Feminismus überwinden.
Eugen Maus kämpft für die Schwachen und Unterdrückten. Der 64- Jährige ist jedoch nicht in den Katastrophengebieten Afrikas unterwegs, und man trifft den freundlichen Mann auch nicht mit Spendendose und Infoflyer in einer deutschen Fußgängerzone. Wenn Eugen Maus das Unrecht nicht mehr erträgt, dann geht er in eine Heidelberger Kneipe und bestellt ein Bier. »Das mit den Beschneidungen ist schon eine harte Nummer«, sagt Maus, weiche Stimme, weicher badischer Dialekt, lehnt sich auf dem Holzstuhl zurück, greift zum Pilsglas, trinkt ohne Hast, bewegt dabei nur den Unterarm, als sei der Ellbogen an der Brust angenäht: »Alle empören sich über Beschneidungen bei Frauen. Aber niemand spricht darüber, dass auch Millionen von Männern beschnitten werden.«
Im Hinterzimmer der »Griechischen Taverne an der Bergbahn« trifft sich die Männerrechtsgruppe MANNdat, die Eugen Maus mit sieben Gleichgesinnten 2004 gegründet hat. Gerade berichtet Bruno Köhler, der zweite Vorsitzende, dass es allein in den USA bei Beschneidungen von Jungen zu mehreren hundert Narkoseunfällen im Jahr komme. Für einen Moment wird es so still, dass man den Fernseher im Nebenraum hört, ein Fußballkommentator schnarrt, aber die Männer haben keine Zeit für Hobbys, es geht jetzt ums Ganze. In einem Brief fordern sie alle Bundestagsabgeordneten auf, Beschneidungen nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern zu verbieten. In der Vorlage steht: »Der Penis des Jungen darf kein Selbstbedienungsladen für die Kulturen dieser Welt bleiben.«
Mit der Überzeugung, dass es nicht mehr Frauen sind, die diskriminiert werden, sondern Männer, hat MANNdat mehr als 400 Mitglieder geworben. 3000 Männer engagieren sich im Verein »Väteraufbruch für Kinder« für die Rechte von Trennungsvätern. In einer Umfrage des Bundesfamilienministeriums hielten es 27 Prozent aller Männer für wichtig, »gegen die Frauenemanzipation« zu kämpfen, zehn Jahre zuvor waren das nur elf Prozent gewesen. Maus und seine Kollegen bilden die Avantgarde oder besser: Derrièregarde einer neuen Protestbewegung, Retrorevolutionäre, die den Feminismus besiegen und die Zeit zurückdrehen wollen.
»Es wird Zeit, dass unsere Themen auf immer mehr Interesse stoßen«, sagt Eugen Maus. »Männer sterben sieben Jahre früher als Frauen. Jungen werden in der Schule benachteiligt. Zwar dürfen Frauen zur Bundeswehr, aber nur Männer müssen einen Zwangsdienst leisten. « Luft holt Maus nicht am Ende eines Satzes, sondern zwischen zwei Silben, »MÄNN«, stößt er noch mit letztem Atem hervor, »ER«, seufzt er beim ersten Einsaugen des Sauerstoffs. Sein Kampf duldet keine Pause und keine Unterbrechung.
Manchmal wacht Maus nachts um zwei Uhr auf, weil das Faxgerät rattert: Dann schickt wieder ein Mann seine 35-seitige Scheidungsakte. Am nächsten Tag versendet Maus einen Protestbrief an die Sparkasse, weil die in einer Kreditwerbung eine Frau zeigte, die einen Mann auf allen vieren als Sitzmöbel benutzt. Oder er stellt eine Studie ins Netz, deren Kernbotschaft lautet: »Frauen machen mehr Hausarbeit - sie haben auch mehr Zeit dazu.« Immer öfter tritt Maus in Fernsehtalkshows auf, wo er mit sanfter Renitenz Feministinnen in einen Zustand totaler Verwirrung und Sprachlosigkeit redet.
An diesem Freitagabend in Heidelberg gibt Maus aber nicht den Agitator, sondern den Männerversteher, der dazu ermuntert, über Alltagspolitik, persönliche Probleme und Niederlagen zu reden. EUGEN hat Maus auf ein Blatt Papier gekritzelt, auch vor den anderen Männern stehen Namensschilder. Es sieht aus, als würde sich eine Selbsthilfegruppe treffen, nur dass hier niemand an einer Sucht leidet und auch nicht an einer Hautkrankheit, sondern am »real existierenden Feminismus«.
Ihre Nachnamen wollen die meisten Anwesenden nicht in der Zeitung lesen. Vielleicht fürchten sie ja die Rache des Matriarchats. Sven ist der Erste, der das Wort ergreift, zunächst leise und schüchtern erzählt er, dass sein Sohn in der Schule einen neuen Text für die Nationalhymne lernen musste, statt »brüderlich mit Herz und Hand« singe man nun »Brüder, Schwestern, Hand in Hand«. Als er fertig ist, schütteln die Männer demonstrativ ihre Köpfe, so machen sie das nach jedem Beitrag, eine synchronisierte Empörungschoreografie. Anschließend berichtet Ulrich, dass in einem Fernsehdrama der Mann die Frauschlage, eine Komödie erkenne man hingegen daran, dass die Frau den Mann verprügle. An dieser Stelle hakt Eugen Maus ein: »Es wird behauptet, dass Gewalt im Haushalt von Männern ausgeht. Dabei sind Männer im gleichen Ausmaß betroffen wie Frauen.«
Eugen Maus beherrscht die Anne-Will-Arithmetik, mit der Politiker jeden Sonntag im Fernsehen brillieren. Für jede Behauptung führt er eine »aussagekräftige Statistik«, »amerikanische Wissenschaftler« und eine »Dunkelziffer « an, die, klar, »deut lich höher liegt«. Es interessiert ihn kaum, dass eine Genitalverstümmelung etwas anderes ist als eine Vorhautentfernung und dass seine Meinung zur häuslichen Gewalt heftig umstritten ist. Zur Not stellt Maus einfach eine Gegenfrage: »Wussten Sie, dass die Opfer tödlicher Arbeitsunfälle zu 93,8 Prozent Männer sind?«
Maus hat in Psychologie promoviert und sich danach mit einem Betrieb für Medizintechnik selbstständig gemacht. Unter anderem vertreibt er den Apparat EST-900, der Männern, die in Rückenlage schnarchen, einen leichten Stromschlag verpasst, damit sie sich auf die Seite drehen und leise weiterschlafen. Maus lebt schon seit achtzehn Jahren mit derselben Frau zusammen, die »viele, aber nicht alle meine Ansichten gutheißt«, er lässt schon mal Socken in der Waschmaschine eingehen und kann sich an kein Einzelereignis erinnern, das ihn zum Maskulisten radikalisierte, »mir haben sich langsam die Augen geöffnet.« Ende der 80er Jahre bekam er das Buch »Sumpffieber « in die Hände, ein Aufklärungsbändchen für Schwule mit Tipps zum Coming-out und Informationen über Geschlechtskrankheiten. Maus beschloss damals, ein ähnliches Buch für Heterosexuelle zu schreiben. Der Titel des selbst verlegten Werks: »Das Handbuch für Männer im Zeitalter von Aids und Feminismus«.
Die Mitglieder von MANNdat sind meist Akademiker, sie arbeiten als Beamte, Freiberufler, Angestellte, ruhige Männer zwischen dreißig und 65, die ihre runden Bäuche so stolz vor sich hertragen, als hätten sie Wertpapiere darin gelagert. Die MANNdatler wollen nichts zu tun haben mit den Frauenhassern aus dem Internet, die Mord-E-Mails an Feministinnen verfassen. Niemand stellt Gehirngrößenvergleiche an. Und wie sie in der Heidelberger Kneipe zusammensitzen, unter einer vergessenen Lichter kette von der Weihnachtsdekoration und alten Faschingsgirlanden, wirken sie eher verzweifelt als aggressiv, wie aus der Zeit gefallen, überfordert vom Tempo der Emanzipation: Eine Frau wird Kanzlerin, die Kollegin befördert, die Frau droht mit der Scheidung, und dann soll man auch noch abwaschen. In der Kirche lernt man nicht mehr, was ein Mann leisten soll, auch auf der eigenen Visitenkarte steht es nicht geschrieben.
Eugen Maus ist der Einzige, der ein Bier trinkt. Die anderen Maskulisten bestellen Spezi und Orangensaft, trotzdem steigt die Stimmung, als könne man sich nicht nur mit Alkohol berauschen, sondern auch mit Selbstmitleid und dem süßen Gefühl, dass man mit seiner Meinung nicht alleine ist. Sven erzählt, dass in Haiti das Essen der UNO nur an Frauen ausgegeben werde, da Männer beim Schlangestehen angeblich zu aggressiv seien: »Dabei können auch Frauen zu Furien werden.« Bruno Köhler fühlt sich bei dieser Geschichte an das Massaker in Srebrenica erinnert, »dort sind 8000 Männer umgebracht worden, ein Genderzid.« An dieser Stelle fällt Ulrich ein, dass schon der Untergang der Titanic ein männerfeindlicher Vorgang war: »Da hieß es ja: >Frauen und Kinder zuerst<. Achtzig Prozent der Überlebenden waren Frauen. Wenn Frauen Gleichberechtigung wollen, dann müssen sie uns fünfzig Prozent der Rettungsbootsitze überlassen.«
Maus hat sich in seinem Stuhl zurückgelehnt, lächelt, schaltet sich nur selten ins Gespräch ein. Der Psychologe und Elektrobastler ist auch ein Gefühlsingenieur, der geschickt die Spannung hochhält, berechtigte Wut von Scheidungsvätern mit auffallend schlechten Schulnoten von Jungs und billiger Empörung über Frauenquoten koppelt, anekdotische Evidenz zu geschichtlichen Fakten addiert, Einzelfall an Einzelfall reiht, bis es so aussieht, als erfülle alles, was in dieser Gesellschaft geschieht, nur einen einzigen Zweck: die Männer zu unterdrücken und auszubeuten.
»Alles, was wir wollen, ist Gleichberechtigung«, spricht Eugen Maus, »wir sind keine Machos.« Tatsächlich inszenieren sich die Maskulisten an diesen Abend nicht als Beschützer, Bestimmer, Bezahler, sondern übernehmen die unmännlichste Rolle, die unsere Gesellschaft zu vergeben hat, die des Opfers. »Uns wird immer vorgeworfen, dass wir so viel jammern«, sagt Maus, »andererseits muss man sagen: Die Frauen waren mit dieser Taktik auch sehr erfolgreich.«



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