Kerkira 05.05.2004, 20:37 Uhr 7 0

Männlich oder weiblich? - Bitte ankreuzen!

Nicht immer entscheidet die Natur über Deine Antwort...

Es hat zwei Jahre gedauert, bis Alexandra davon erzählte. Beim Sprechen blickte sie an mir vorbei, sprach so leise, dass die anderen Besucher unseres Lieblingscafés nichts hören konnten. Außer ihren Eltern weiß es niemand.

Es geht um Intersexualität, ein Thema, das immer noch von vielen unter den Tisch gekehrt wird.
Dabei gab es immer schon Menschen, deren biologisches Geschlecht keine eindeutigen Merkmale trägt. Wurden sogenannte Hermaphroditen in den griechischen Göttersagen jedoch noch bewundert, so wurden sie im alten Rom schon als Monster betrachtet und in einem "Reinigungszeremoniell" verbrannt.

Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich das Verständinis vom Hermaphroditen zu einem Syndromkomplex mit Krankheits- und letztendlich pränatalem Abbruchswert. Seit etwa fünfzig Jahren werden intersexuelle Neugeborene einem der beiden Geschlechter chirurgisch und hormonell zugewiesen.
Dabei richtet sich die geschlechtliche Zuweisung heute primär nach der chirurgischen Machbarkeit ("It's easier to make a hole than to build a pole") und dem chromosomalen Befund. Bei XX oder X0 wird feminisiert, befindet sich ein Y im Chromosomensatz, richtet sich eine Zuweisung nach der diagnoseabhängig zu erwartenden Penisgröße mitzufriedenstellender Penetrationsfähigkeit. Weitaus seltener kommt es daher zu einer Maskulinisierung.

Nicht beachtet wird dabei, dass sich das psychosoziale Geschlecht eines Neugeborenen zum Zeitpunkt der "korrigierenden" Maßnahmen noch nicht entfalten kann und sich der oder die Betroffene später häufig im falschen Geschlecht wiederfinden. Wie bei Alexandra entsteht durch die geschlechtliche Zwangszuweisung im Kindesalter oft eine enorm starke psychische Belastung. Durch die genitale Korrektur und damit häufig verbundene Reduktion des Lustorgans ist die Möglichkeit einer erfüllten Sexualität meist eingeschränkt. Ca. 30 Prozent aller Intersexuellen leben keinerlei Beziehungen, Suizidversuche sind nicht selten.

Viele Intersexuelle fordern daher, das Kind bis zum entscheidungsfähigen Alter zu belassen, wie es auf die Welt gekommen ist. Dies passiert aus Rücksicht auf unsere Gesellschaft jedoch nicht. Mediziner wollen Eltern nicht verunsichern, da das menschliche Denken in Zweier-Gegensätzen geschlechtliche Bipolarität fordert. Die uns vertrauten Gegensätze wie Natur-Kultur, Leben-Tod, Rationalität-Gefühl und Männlichkeit-Weiblichkeit lassen keine Besonderheit zu, welche kein Gegenteil besitzt.

Das Problem, das eigentlich ein Problem der Gesellschaft ist, wird hier also wiedereinmal auf Kosten einer Minderheit bewältigt.

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Kommentare

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      @[Benutzer gelöscht] Ja, und eben diese sog. "Hermaphroditen" werden sogar noch bei den Navajo als geheiligt und Verkörperung eines Übersinnlichen angesehen. Sie bildeten auch oft dann die hoch angesehenen Heiler und Stammesschamanen.
      Ist auch in "Middlesex" erwähnt *werbungmach*...

      25.11.2004, 17:14 von Totekadan
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    Sehr interessantes und bewegendes Thema, über das ich auch schon einmal gelesen habe.

    Die Pathologisierung ist ja sowieso ein generelles Problem. Oft werden einfach Werte festgelegt, innerhalb derer man gesund ist... ich glaub, es ist am besten, wenn man das weiß - und seine Arztbesuche auch etwas von seinem Gesundheitsgefühl abhängig macht und davon, ob man mit seinen Eigenarten in der Umwelt klarkommt.
    Wäre auch gut für unser Gesundheitssystem...

    Zum eigentlichen Thema fällt mir ein, wie die alten Athener (die waren in der Hinsicht echt besser drauf als die Römer) das gesehen haben: Männer waren "heiß" und Frauen "kalt" - o.k., es war patriarchalisch, aber es schwächte die Polarität zugunsten der sich dazwischen befindenden ab: es gab Mannweiber und "Softis", die waren halt eher warm.
    Ob die's jetzt immer gut hatten, ist ja ne andere Frage, aber immerhin gab es in der Gesellschaft eine Identität für sie.

    Das Vorbild ist für mich: Sobald man davon wegkommt, einseitige körperliche Merkmale über den ganzen Menschen entscheiden zu lassen, kommt man zu differenzierteren Aussagen, die zu mehr Toleranz und Akzeptanz führen.

    19.08.2004, 17:43 von LudwigMartin
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      @LudwigMartin Zwar schon etwas spät, aber: wer sich für das innere Leben eines Intersexuellen interessiert, sollte unbedingt einmal "Middlesex" von Jeffrey Eugenides lesen.

      15.11.2004, 20:45 von Totekadan
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    hei,
    das thema finde ich jetzt auch irgndwie interessant,weil ich mich vorher noch nie damit beschäftigt habe und auch nie mit dem problem in irgendeiner art und weise konfrontiert worden bin.und man hört ja auch sonst eher wenig davon.aber ich glaube es ist ziemlich...schwierig für den betroffenen im "entscheidungsfähigen alter"..vor eine solche entscheidung gestellt zu werden.ich habe versucht mir das mal vorzustellen,und ich glaube ich fänds ziemlich schwer und verwirrend .
    liebe grüße,und einen netten sommer noch

    29.07.2004, 23:27 von boleba
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    Ein tolles Thema bei dem Ethik und Rechtslage aufeinanderprallen.
    Das Thema bietet eine breite Basis für kontroverse Diskussionen. Kann von den meisten aber sehr theoretisch behandelt werden, weil man keine Erfahrungen aus seiner Umwelt hat.
    Leider wird bei jedem Hermaphroditen sein/ihr Schiksal sehr individuell sein, dass auch die behutsamste, ethnischte und zivilizierteste Verfahrensweise nicht zu einem allgemein zufriedenstellenden Ergebnis führen wird.
    Und auch wenn wir die Aspekte der Homosexualität langsam begreifen und dem nächsten zubilligen, so werden wir es doch nicht schaffen, geschlechtslos zu denken.

    06.06.2004, 21:17 von hip
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      @hip Ärzte haben es schon immer verstanden Normales ind Pathologisches zu verwandeln. Jede Geldquelle muss doch schließlich angezapft werden, um den Reichtum zu mehren, nicht wahr. Wieviele Gebärmütter und Brüste werden entfernt, weil falsche Diagnosen gestellt werden? Frauen taugen doch als Geldquelle sehr gut. Was mann da alles kostenpflichtig abschneiden kann... Warum sollte das bei Intersexualität anders sein? Und welchen Arzt interessiert es schon, dass die Frauen hinterher in ihrer Sexualität eingeschränkt sind?

      08.06.2004, 18:00 von Elisabeth
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    Also: Bis zum 18. Jahrhundert hieß die gültige juristische Richtlinie "in dubio pro masculo" (im Zweifel für die Männlichkeit). D. h. es wurde ersteinmal alles "drangelassen". Ca. ab 1930 wurden Hermaphroditen als eigenständige Gruppe abgeschafft. Zu diesem Zeitpunkt wurden seitens der Medizin neue diagnostische Möglichkeiten durch Hormon- und Chromosomenanlysen entwickelt. Daraus entstanden ca. 13 verschiedene Syndrome, welche für behandlungsbedürftig eklärt wurden. Natürlich gibt es bei verschiedenen dieser Syndrome auch Spätfolgen - wie etwa Osteoporose, die durch die rechtzeitige Gabe von Hormonpräperaten verhindert bzw. eingeschränkt werden können. Laut meinen Informationen von einer Intersexuellenvereinigung lehnten viele Erwachsene die hormonellen und chirurgischen Korrekturmöglichkeiten jedoch ab, weswegen man Ende der 40ger Jahre mit der Behandlung von Kindern begann. Da sich diese Personen später häufig im falschen Körper wiederfinden, wünschen sie sich eine Revision. Aber dabei werden sie zumeist als Transsexuelle deklariert. Man muss sich dabei auch vor Augen führen, wie demütigend und entwürdigend die körperlichen Abtastungen und Untersuchungen für die Betroffenen sind, sowie die Erstellung von Bildmaterial für Versicherung und Lehrbücher.

    Danke für Euer Interesse.

    07.05.2004, 12:30 von Kerkira
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    Sehr interessanter Text und zugleich ein erschreckendes Thema. Gibt es denn keine besseren Möglichkeiten als direkt chirurgisch einzugreifen? Ich kann nachvollziehen, daß das Warten bis ins entscheidungsfähige Alter nicht in unsere Normen paßt, aber verstehen...? Weißt Du, was das Gesetz zu diesem speziellen Thema sagt? Sagt es überhaupt etwas?
    Viele Grüße,
    Lotus

    06.05.2004, 19:38 von Lotus
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