Endstation_Sucht 07.11.2007, 04:09 Uhr 2 2

Mach doch mal Karriere!

Alle sagen mir das ich Karriere machen soll, mit meinem Potential und meinen Talenten. Ich fühl mich aber ganz gut so wie ich bin.

Ich bin mir sicher ihr kennt das auch. Man sitzt gemeinsam beim Abendessen, man löffelt so vor sich hin und macht Small Talk. Unausgesprochen bleiben die wirklich wichtigen Fragen: Was machst du nach dem Abitur? Was machst du nach dem Studium? Was machst du aus deinem Leben? Beziehungsweise bleiben sie nicht unausgesprochen, aber oftmals unbeantwortet.

Zeit meines Lebens habe ich mich eigentlich treiben lassen und die Dinge ihren Lauf nehmen lassen. Warum? Auch wenn ich mich nicht gerade als Übermenschen bezeichnen würde, hat es dazu gereicht um ohne grossen Aufwand Schule und Studium hinter mich zu bringen (na ja Studium schon, aber ging grad noch so) und beides sogar geniessen zu können (und wer kann das schon von sich behaupten).

Nachdem ich abgeschlossen habe (doch ganz passabel) und ein paar halbherzige Bewerbungen später, habe ich dann beschlossen ins Ausland zurück zu gehen. Die Fremde hat mich schon immer fasziniert und ausserdem ist das Leben ja zu kurz, um den ganzen Tag im Büro zu sitzen. Und da kommen wir zum Problem. Ich muss mir in letzter Zeit nämlich immer öfter anhören, dass sich mein Umfeld "sorgt" ich würde meine Ziele aus den Augen verlieren und sollte aufpassen, dass ich nicht zu lange warte mir einen "richtigen" Job zu suchen. Nun unterrichte ich dort wo ich lebe Deutsch und Englisch und das ist für mich nach eineinhalb Jahren als Bedienung in einem Eiscafe mal wieder eine intellektuelle Herausforderung. Ich könnte es mir natürlich leicht machen, aber stecke wie bei allen meinen Jobs viel Herzblut rein und meine Schüler danken es mir.

Mir ist schon klar, dass ich nicht mein Leben lang unterrichten möchte - nicht mal sehr lange, aber dort wo ich lebe ist es ein sehr gut bezahlter Job und gibt mir viele Freiheiten auf die ich derzeit nicht verzichten möchte. Ich weiss alles hat seinen Preis und dass ich jetzt nicht in die deutsche Rentenversicherung einzahle, wird sich später bitter rächen, aber ganz ehrlich - das ist mir grad herzlich egal. Mir ist sogar klar, im Gegensatz zu meinem Umfeld, dass ich in sechs bis zwölf Monaten dann auch endlich meinen monotonen Bürojob habe und einen Haufen Kohle scheffeln werde, aber mein Leben (womöglich) verachte. Meine Freundin hat es mit den Worten ausgedrückt: "Ich möchte den Übergang von verrücktem Leben zu Bürojob (oder Normalleben) stilvoll hinlegen." Seitdem quält mich die Frage ob dies überhaupt möglich ist. Stilvoll wäre, wenn morgen Daimler anrufen würde und sagen würde. Herr XYZ wir haben ihren unglaublich faszinierenden Text auf neon.de gelesen und würden sie gern als Pressesprecher einstellen. Stilvoll wäre wenn Microsoft morgen anriefe - ach nein ich muss mich ja mit dem Produkt identifizieren können, da fällt Microsoft raus. Aber so funktioniert es eben nicht, denn stilvoll nennt man es erst, wenn es schon lange Vergangenheit ist und der Weg zum "stillvollen" Übergang ins Berufsleben ist steinig und hart und jeder der etwas anderes glaubt, der lebt sehr wahrscheinlich in einer Traumwelt. Ok ich habe das alles falsch verstanden - es geht darum, dass man sich auch mit 35 und Kindern im Haus eine Bong als Deko hinstellen kann, das man mittags um halbdrei auch mal einen Quickie mit seinem Ehemann haben kann und die Kinder mal eben warten müssen oder mal abends zusammen noch richtig einen saufen gehen - oh sie sagt grad noch mit der Chanel Hose in den Sandkasten setzen - DAS ist STILVOLL.

Zudem fürchtet man ja doch immer die Erwartungen seines Umfelds nicht zu erfüllen und fragt sich ob es nun wichtiger ist, seine eigenen Erwartungen oder die seines Umfelds zu erfüllen. Haben meine Eltern mir all das ermöglicht, dass ich 1500EUR dafür bekomme, dass ich Studenten und Managern meine Sprache erkläre? Andererseits schaue ich in deren Gesichter, lese ihre Emails und ich fühle mich gut. Es ist schön so viel Bestätigung zu bekommen für etwas, was für mein Umfeld daheim eher ein Hemmnis darstellt. Sicherlich möchte ich die mir gegebenen Talente nicht ungenutzt verkümmern lassen, aber wie und auf welche Weise - vielleicht muss ich mir darüber noch im Klaren werden.

Eines steht fest ich möchte nicht: mit zweiunddreissig tot auf der Toilette umkippen - Sechs Tage die Woche arbeiten, um dann am Sonntag nach Nizza zu fliegen, um all das Geld auszugeben, was ich verdient habe weil ich sonst keine Zeit habe - Fünfundvierzig Jahre im selben Betrieb arbeiten - doch über meine Familie, Freunde und Bekannte erzähle ich euch dann ein anderes Mal.

So oder so komme ich nicht darum herum - wahrscheinlich muss ich einfach ausprobieren wie es sich anfühlt Karriere zu machen, denn erst dann weiss ich ob es das ist, was mich glücklich macht und mich ausfüllt oder ob ich vielleicht doch weiterhin Studenten und Managern in einem fernen Land meine Sprache erkläre.

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Kommentare

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    Der Text wurde editiert - da meine Freundin meinte - SO war das alles nicht gemeint mit dem stilvoll, aber lest selbst^^

    07.11.2007, 17:23 von Endstation_Sucht
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