Mrs.McH 15.07.2012, 10:05 Uhr 11 11

Lückenfüller

Auf der Flucht vor Gedanken.

Wie jeden Morgen saß sie auf der obersten Stufe der breiten Treppe, die von der imposanten Eingangshalle des ehemaligen Herrenhauses in die Gemächer im obersten Stock führt. Auf diese Weise hatte sie eine gute Sicht auf alles, was sich im Foyer abspielte, ohne dabei selbst wirklich gesehen zu werden. Es war ihr in der kurzen Zeit, in der sie in der Klinik war, ein lieb gewordenes Ritual geworden, die potentiellen Neuankömmlinge zu begutachten. Die meisten Interessenten müssen jedoch nach einem kurzen Gespräch mit der Hausdame das Klinikgebäude sofort wieder verlassen. Sie lachte dann oft in sich hinein, wenn sie die ungläubigen Gesichter der gedankenlosen Menschen betrachtete, die sich meist empört abwendeten, sobald ihnen klar geworden war, wie gedankenlos sie mal wieder waren. Sie musste tatsächlich in sich hinein lachen, denn andernfalls wäre sie sofort als Unoperierte enttarnt worden. Das teilnahmslose Gesicht, welches sie seit knapp drei Wochen mit sich herum trug, war Bestandteil der Vereinbarung mit dem Professor und Bedingung für ihre Sonderbehandlung. Würde sie lachen, würde es bedeuten, dass sie versteht, also denkt. Abgesehen vom Klinikpersonal, deren Gedanken streng limitiert sind, und den noch nicht Operierten, welche aber ohnehin in einem anderen Trakt des Gebäudes untergebracht sind, ist dies freilich keinem Bewohner des Hauses gestattet. Zwar ist ihnen das technisch nicht mehr möglich, aber der Professor hat aus Sicherheitsgründen auf diese Hausordnung bestanden.

Die meisten Leute, die sich im Haus der Gedankenlosigkeit anmelden möchten, lassen sich vom Namen der Klinik täuschen. Sie fühlen sich angesprochen, weil sie unter Vergesslichkeit oder Nachlässigkeit leiden und sind sich der Ironie ihres Erscheinens nicht bewusst. Es geht im Haus der Gedankenlosigkeit in keiner Weise darum, Gedankenlosigkeit zu behandeln. Die Menschen, die hierher kommen und behandelt werden, leiden unter viel zu vielen Gedanken. Genauso verhält es sich mit dem Haus der Schlaflosigkeit. Auch dort wird keine Schlaflosigkeit behandelt, sondern dorthin kommen Menschen, die nicht mehr schlafen wollen. Diese Klinik ist vollgestopft mit Kreativen, wie Schriftstellern, Malern und anderen Künstlern.

Am Anfang fiel es ihr sehr schwer ihr gewohnt grüblerisches Gesicht abzulegen. Aber würde sie das nicht tun, würde der Professor ihr nicht erlauben, sich frei auf dem Klinikgelände zu bewegen. Und die Freiheit zu tun was sie will, ist ihr ein Anliegen seit sie denken kann und somit eine Folgeerscheinung ihres größten Problems.

Normalerweise werden die Patienten im Haus der Gedankenlosigkeit nach drei Tagen bereits operiert. Sie checken ein, werden untersucht, wählen sich einen Lückenfüller aus und dann geht es auch schon los. Bei ihr gingen bei der Auswahl des Lückenfüllers die Schwierigkeiten allerdings erst los, denn sie konnte sich nicht entscheiden. Da schien der Professor erst wirklich erkannt zu haben, welche Dimensionen ihre Gedanken hatten und erklärte sie zur Patientin Null.

Stundenlang wanderte er mit ihr die Gänge mit den Alternativen auf und ab, erklärte er ihr die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Lückenfüller. Das Prinzip ist einfach und selbstverständlich hatte sie es sofort verstanden: Sie entnehmen den Menschen, die unter extremen Denkzwang leiden, ihre Gehirne und ersetzen sie durch Objekte verschiedener Art. Da sie genau solche Gehirne für ihre speziellen Forschungen benötigen, handelt es sich hierbei um eine perfekte Win-Win-Situation. Das Komplizierte daran, ist jedoch das ersetzende Objekt, der Lückenfüller. Die essentiellen und lebenserhaltenden Körperfunktionen, wie Essen, Trinken, Ausscheiden, müssen weiterhin gesteuert werden, das kann nicht jedes Objekt übernehmen. Das Angebot ist zwar durchaus üppig, dennoch schwebte ihr etwas anderes vor, als die Lückenfüller, welcher der Professor ihr vorschlug. Seine Empfehlung war ein Vogelnest oder ein trockener Schwamm. Von einem wassergefüllten Luftballon, was durchaus möglich ist, riet er ihr ab.

Als sie daraufhin die Klinik wieder verlassen wollte, machte der Professor ihr das Angebot zu bleiben und in Ruhe darüber nachzudenken. Nur dürfte sie das natürlich nicht offen zeigen, da es gegen die Regel sei und die anderen Bewohner irritieren könnte. Denn selbst wenn diese nicht mehr denken könnten, so seien deren andere Wahrnehmungsfähigkeiten durchaus noch vorhanden. Es sei denn natürlich, sie wären zuvor durch das befreundete Haus der Interesselosigkeit überwiesen worden. Wie dem auch sei, der Professor war sehr an ihrem von Gedanken zerfressenen Gehirn interessiert. Da sie genau das loswerden wollte, stimmte sie zu.

Seitdem kam er jeden Morgen an ihr Bett um sie zu fragen, ob ihr etwas eingefallen sei. Wenn sie verneinte, kontrollierte er ihre Mimik, ob sie auch ausdruckslos genug sei und überließ sie ihren Gedanken.

Vor sieben Tagen schließlich hatte sie sich endlich auf einen Lückenfüller festlegen können. Da der Professor ein solches Objekt noch nie zuvor verbaut hatte, ordnete er zunächst einige Versuchsreihen an. Sie hatte sich für ein weiches Brötchen entschieden.

Der Professor war begeistert von diesem Gedanken, stand aber vor der Fragestellung, wie das Brötchen dauerhaft weich bleiben sollte. Nach langen Diskussionen und vielen Überlegungen, verfeinerten sie die Idee und einigten sich auf ein durchweichtes Brötchen. Dennoch war unklar, welche Flüssigkeit das Brötchen durchweichen sollte und so gingen die Experimente weiter.

Als sie heute mit aufgesetzt entrücktem Gesicht auf dem Weg zum Frühstücksraum war, fing der Professor sie ab und flüsterte ihr fast ein wenig ehrfürchtig ins Ohr, dass die Operation morgen Vormittag stattfinden könnte und sie sollte ihren letzten Tag gut überdenken. Immer zu Scherzen aufgelegt, der Herr Professor. Sie ließ das Frühstück ausfallen und ging auf direktem Weg zu ihrem Stammplatz auf der obersten Stufe der Treppe.

Sie beobachtete die ersten Interessenten, wie sie herein spazieren, nur um wenige Minuten später wieder davon zu trotten. Doch ihr inneres Lachen blieb aus, denn ihre unzähligen Gedanken lenkten sie ab. Jetzt wo es ernst wurde, überrollte sie die Erkenntnis.

Sie sprang auf und hastete in das Besprechungszimmer des Professors. Ihm gefiel sicher nicht, was sie ihm zu sagen hatte, doch nach elendiger Diskussion gab er sich geschlagen und händigte ihr aus, was sie begehrte. Er wusste, dass er ihr nichts mehr entgegen zu setzen hatte. Sie verabschiedete sich vom Professor und verließ die Klinik. In ihrer Hand das vielleicht wichtigste Dokument ihres Lebens: Überweisungsschein - Kurativ - zur Mit-/Weiterbehandlung - Überweisung an: Haus der Gefühllosigkeit

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11 Antworten

Kommentare

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  • 1

    "verfeinerten sie die Idee und einigten sich auf ein durchweichtes Brötchen"
    meine Hose durchweicht sich auch gleich :D

    Eine exotische Szenerie mit verspulten Charakteren, schönes Ding!

    17.07.2012, 22:47 von JohnnyBravo
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  • 0

    affig

    17.07.2012, 16:49 von Surecamp
    • 2

      Dreht Euch nicht um, der Surecamp geht um.

      17.07.2012, 16:58 von Mrs.McH
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  • 1

    Hier meine liebsten Passagen deines Textes:

    Es geht im Haus der
    Gedankenlosigkeit in keiner Weise darum, Gedankenlosigkeit zu behandeln. Die
    Menschen, die hierher kommen und behandelt werden, leiden unter viel zu vielen
    Gedanken. Genauso verhält es sich mit dem Haus der Schlaflosigkeit. Auch dort
    wird keine Schlaflosigkeit behandelt, sondern dorthin kommen Menschen, die
    nicht mehr schlafen wollen. Diese Klinik ist vollgestopft mit Kreativen, wie
    Schriftstellern, Malern und anderen Künstlern.
    Wie dem auch sein, der Professor war sehr an ihrem von
    Gedanken zerfressenen Gehirn interessiert. Da sie genau das loswerden wollte,
    stimmte sie zu.
    Nach
    langen Diskussionen und vielen Überlegungen, verfeinerten sie die Idee und
    einigten sich auf ein durchweichtes
    Brötchen. Dennoch war unklar, welche Flüssigkeit das Brötchen durchweichen
    sollte und so gingen die Experimente weiter.

    Überweisung an Haus der Gefühllosigkeit.

    DAS hast du großartig geschrieben, Mrs. McH. ILY.



    15.07.2012, 20:10 von Jackie_Grey
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  • 1

    Braves Mädchen! In diese Klink gehört sie nicht.


    Jetzt aber schnell weg hier. bin doch in Wochenendonlineauszeitdenkpausenkur! 

    15.07.2012, 11:33 von jetsam
    • 0

      Vielen Dank fürs Herzen :)

      15.07.2012, 16:55 von Mrs.McH
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  • 0

    oha...

    15.07.2012, 10:47 von zehnmomente
    • 1

      Ich wäre enttäuscht, wärst Du nicht die Erste :) Gib mir bitte mehr als ein "oha"... Ich bin derzeit nicht sehr gut im Interpretieren.

      15.07.2012, 10:49 von Mrs.McH
    • 1

      das mit dem erste-sein war jetzt echt glück, bin gleich wieder off.
      heute regnet es ja mal, mensch, wie kommt das bloß...;)

      also:
      ich las vor dem deinigen text  den neuesten von mo_chroi...ich wollte eigentlich frgaen, ob ihr euch abspracht:)

      "haus der gedankenlosigkeit", das war wohl die gänsehaut!

      15.07.2012, 11:17 von zehnmomente
    • 1

      Ich las auch gerade mo_chrois Text und es ging mir ähnlich, dass ich dachte... Mmh... irgendwie unheimlich passend.

      15.07.2012, 11:19 von Mrs.McH
    • 1

      ich lese doch wie wild die zukunftsromane von philipp k. dick. seitdem sehe ich unseren planeten recht schief an;)
      und da sind solche op. gar nix ungewöhnliches: was stört: weg.
      was fehlt: hin.
      was defekt ist: neu.
      usw usf.
      "lückenfüller" sind vielleicht nicht die schlechteste lösung...



      15.07.2012, 11:24 von zehnmomente
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