cornflake_girl 07.08.2009, 12:12 Uhr 8 3

Liebe Musikjournalisten,

ich weiß, ihr habt einen undankbaren Job. Oft wird Euch vorgeworfen, Ihr wäret nur "verhinderte Musiker"...

...Musiker, die es selber nicht geschafft haben und deshalb ihren Frust an denen ablassen, die es "geschafft" haben.

Nun sei das mal als Behauptung dahin gestellt.
Bestimmt gibt es diese paar Ausnahmen, die das Klischee bestätigen, aber in erster Linie seid ihr wahrscheinlich junge, engagierte Journalisten, die Ihr Handwerk im besten Fall von der Pike auf gelernt haben (oder zumindest ein Talent zum Schreiben besitzen) und gerne Musik hören.

Ich erwarte nicht, dass jemand sich wirklich mit jeder Platte, die er rezensieren soll, stark auseinander setzt. Natürlich landet immer mal was auf dem Schreibtisch, was man nicht mag. Und natürlich darf man oftmals nicht schreiben, wie man das Album/den Künstler wirklich findet.

Auch, meine liebsten Schreiberlinge, erwarte ich nicht, dass Ihr Euch besonders gut auskennt mit der Musik im allgemeinen.
Niemand der gut über Musik schreibt muss zwingend den Unterschied zwischen Moll und Dur kennen oder wissen wo die Wurzeln des Heavy Metal denn nun wirklich herkommen.
Besonders bewusst ist mir, wie schwer es sein muss, über eine Sache, die jeder als subjektiv empfnindet, objektiv zu schreiben. Man kann es ja letztendlich niemandem recht machen. Aus diesem Grund - die Subjektivität - steht ja auch ein Name oder zumindest ein Kürzel unter Eurem Geschreibsel.

Ihr seht also: ich bin eine mitfühlende, alle Gründe und Hindernisse bedenkende Kritikerin.
Und trotzdem - oder gerade deshalb - muss ich Euch nun fragen: WARUM?

Warum muss ich immer wieder Sätze lesen, die an phrasendrescherei und Worthülsen ohne Inhalt nicht zu übertreffen sind?
Da schreibt zum Beispiel Kollege Ingo Mocek in der neuen "NEON" über die Newcomerin "La Roux": <...>"Ohrwürmer klingen, als würden Grace Jones und Prince eine teure Therapiesitzung bei Joni Mitchell belesen<...>"
Ein Satz, der so erstmal beeindruckend klingt (ähem), aber was zum Teufel will er mir sagen? Was meinen Sie, Herr Mocek, wenn Sie schreiben, die Musik klinge "knusprig" und "ein wenig wie eine Mischung aus Lady Gaga und Nina Simone"? Beide Künstlerinnen kenne ich, von La Roux habe ich noch nie ein Lied gehört und beim besten Willen könnte ich mir nach Ihrem Artikel nicht vorstellen, wie das klingen soll. Und es macht mich auch nicht wirklich neugierig darauf. Denn der ganze Artikel klingt, als hätten auch Sie sich nicht wirklich mit der Künstlerin beschäftigt, die Sie da rezensieren und interviewen, sondern eher mit den vergleichenden Künstlern.

Wären Sie jetzt Hobby-Schreiberling in einer Internetcommunity (so wie viele hier) hätte ich gesagt:"Naja, netter Text. Kann man machen, muss man nicht", aber Sie werden - das hoffe ich zumindest für Sie - für solche Artikel bezahlt.
Ich wiederum bezahle 3,50€ für die Zeitschrift, um Ihr Geschreibsel zu lesen.
Es gibt in Berlin eine Gratiszeitschrift, die ich vor ein paar Jahren öfter las. Viele der dortigen Musikritikerkollegen schruben damals Sätze wie "dieses Album staubt wie die Twin-Tower beim einstürzen" oder "Wer die neue Platte von XY nicht mag, der hat einen kleinen Schwanz".
War immer lustig zu lesen und eine Zeit lang war es mein Hobby, die aussagelosesten Phrasen heraus zu suchen.
Aber wie gesagt: das ist ein paar Jahre her und es war ein Gratismagazin.

Was wäre denn, wenn man sich wirklich mal wieder mit der Musik beschäftigen würde, über die man schreibt? Wenn man nicht versuchen würde, einfach nur Neues mit Altem zu vergleichen und zu denken "ist schmissig geschrieben, die Mucke ist ja letztendlich egal".
Was, wenn man sogar ein Album, einen Künstler, eine Musikrichtung, die man nicht mag, so rezensieren könnte, dass der Leser zumindest neugierig gemacht würde? So nach dem Motto: das klingt so schlecht, das MUSS ich mir mal anhören.
Wäre da nicht dem Job des Musikjournalisten viel mehr nachgekommen?

Dass das geht., beweist zum Beispiel eine Passage aus dem Buch "eine zu 85% wahre Geschichte" von Chuck Klosterman.
Klosterman ist selber Musikjournalist und beschreibt in dem Buch auf einigen Seiten das Album "Kid A" von Radiohead, eine Platte, der ich nie besondere Beachtung geschenkt habe.
Klosterman beschreibt in dem Buch dieses Album - äußerst subjektiv übrigens - so mitreißend, dass ich es sofort hören musste.
Großartig! Und: bitte mehr davon.

Denn dann würde es auch wieder mehr Spaß machen, neue Musik zu entdecken. wirklich mal wieder in den Plattenladen zu gehen, sich ein Album zu kaufen und es dann von vorne bis hinten durchhören. Und dem Rezensenten danach eine Email schreiben, wie begeistert man (auch) von der Platte ist und dass er - ja genau er - seinen Job verdammt gut macht und man ihm dankt, für den Hinweis auf diese tolle Musik.
Das würde dann ungefähr so aussehen: "Lieber Musikjournalist, deine Rezension las sich wie eine Mischung aus dem leichtem Geschreibsel von Nick Hornby, mit der Ernsthafitgkeit des frühen Updikes. Auch glaubte ich eine Spur Kleist in einer ernshaften Diskussion mit Bukowski heraus zu lesen. Jedenfalls hast du bestimmt einen großen Penis, wenn du diese Platte gut findest. Danke, Dein cornflake_girl""Wichtige Links zu diesem Text"
Das Buch von Chuck Klosterman
es tut mir leid, dass in diesem Artikel nur der Autor Mocek direkt angesprochen wurde. Ich wette, er schreibt sonst ganz wundervollen Rezensionen.

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    Das Buch klingt gut. Wär das die Rezension, hättest du das Ziel, mich neugierig zu machen, erreicht.

    22.09.2009, 00:04 von id.cay
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    Musikbesprechungen in Popmagazinen dienen nur dazu, dem Leser zu zeigen, was für eine umfassende Plattensammlung und -kennnis der Rezensent hat.

    Für mich als Leser dienen sie nur insoweit der Information, dass Band X ein neues Album hat. Ferner sind gelegentlich nette Anekdoten darin versteckt. Über die Musik erfährt man regelmäßig tatsächlich wenig, was aber auch egal ist denn wofür gibt es Myspace?

    11.08.2009, 13:40 von Flocke84
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    jawohl.

    07.08.2009, 23:26 von Blumengaenschen
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    ""Kid A" von Radiohead, eine Platte, der ich nie besondere Beachtung geschenkt habe. "

    – hier musste ich nach atem ringen.

    "Das würde dann ungefähr so aussehen: "Lieber Musikjournalist, deine Rezension las sich wie eine Mischung aus dem leichtem Geschreibsel von Nick Hornby, mit der Ernsthafitgkeit des frühen Updikes. Auch glaubte ich eine Spur Kleist in einer ernshaften Diskussion mit Bukowski heraus zu lesen. Jedenfalls hast du bestimmt einen großen Penis, wenn du diese Platte gut findest. Danke, Dein cornflake_girl"

    – entschädigt.


    Aber genau wegen dieser nichtsaussagenden Sätze LIEBE ich Plattenkritiken. Nur deswegen liest man sie doch.

    Und, ach ja. Plattenrezensionen nur in Musikheftchen oder ab und an auch mal online, aber bitte bitte bitte doch nicht bei NEON in der Printausgabe!

    07.08.2009, 15:44 von frl_smilla
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    Hmm, kennst du denn die Musik von Grace Jones, Prince und Joni Mitchell nicht, oder hilft dir das Bild, dass die drei zusammenkommen, sich ihr Herz auschütten und dann ein paar Songs rauskommen komisch?

    Nachtrag am 07.08.2009 - 15:10 Uhr:
    Fragt einer, der auch keine Musik-Kritiken liest...

    07.08.2009, 15:02 von Christian_Flierl
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      @Christian_Flierl für mich hat dieser satz einfach keine aussage. das ist so wie man sagt: banane schmeckt nicht wie apfel, eher wie orange. da weiss ich aber immer noch nicht wie banane schmeckt.

      07.08.2009, 15:13 von cornflake_girl
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      @Rico_Stg Die Rezis in der Neon sind nicht zu gebrauchen. Da gebe ich Dir mal recht. Es ja aber auch noch genug andere Medien um sich Tipps für neue Musik zu holen. Muß Neon alles machen?

      07.08.2009, 13:32 von Steifschulz

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