Kaddinsky 30.11.-0001, 00:00 Uhr 48 1

Liebe EMMAs, liebe Alice,

leider muss ich sagen, dass mir die EMMA mittlerweile das Geld nicht mehr wert ist, das sie kostet. Ich habe irgendwann aufgehört sie zu lesen.

Nicht etwa, weil ich denke, dass eine emanzipatorische Frauenzeitschrift generell überholt ist, sondern vielmehr, da die journalistische Leistung mich alles andere als überzeugt.

Der Oberhammer und die Spitze vom Eisberg war letztendlich deine „Werbekampagne“ für Angela Merkel. Es hat mich nie gestört, dass du, Alice, meinst, die FDP sei für dich die richtige Partei. Das ist deine Entscheidung und ich habe dich auf dem Kongress der Grünen Jugend in Köln eine wunderbare Rede halten hören. Sie hat mich in meiner Überzeugung bestätigt, dass Parteigrenzen rein ideologischer Art sind und zugunsten von Themen und Zielen überwunden werden müssen. Aber wie du Angela Merkel in der letzten Ausgabe durch die Blume in den Himmel lobst – das kann und will ich nicht mehr tolerieren. Warum? Weil sie eine Frau ist? Ist euch das schon Grund genug, seid ihr wirklich SO einfach gestrickt?
Denn: Ja, es IST peinlich und unpolitisch, an eine Kandidatin für das Kanzleramt andere Kriterien zu stellen, als an einen Kandidaten. Was hat das bitte mit Gleichberechtigung zu tun??

Klar, als Hauptargumente werden die alten Kriterien herangezogen, mit denen die EMMA auch in vergangenen Ausgaben auf rot-grün herumhackte: die Legalisierung von Prostitution und der zu lockere Umgang mit der Islamisierung der westlichen Gesellschaften. Hieran zeigt sich für mich klar, dass auch Feministinnen sehr konservativ sein können – wenn auch eher aus einer protektionistischen Ecke heraus. Ich teilte die Auffassung der EMMA in diesen Fragen nie voll – aber ich konnte die Argumente nachvollziehen. Zwar tendierte auch hier die Zeitschrift stark zu einseitiger Berichterstattung und die Vorteile einer Legalisierung der Prostitution oder eine Debatte um Religionsfreiheit vs. Frauenrechte gingen oft unter. Ich las aber die EMMA, ich wusste woran ich war, deswegen störte es mich meist nicht.

Das Gegenteil war der Fall: ich war mehr als froh, dass bestimmte Themen überhaupt einmal angesprochen wurden, in einer mehrheitlich antifeministischen Gesellschaft ein mehr als notwendiger Gegenpol. Schaut man sich die anderen einschlägigen Frauenzeitschriften an, bekommt man das Grausen, denn sie alle haben eins gemein: sie drängen Frauen in ein „Mäuschen-Schema“, nach dem sie angepasst, mager, gute Lieberhaberinnen, gute Köchinnen, gute Mütter etc... sein müssen. Sind sie es nicht, dann werden sie früher oder später von irgendwelchen Depressionen geplagt – doch gottseidank gibt es dafür ja die ganzen Psycho-Artikel, wo irgendwelche Scharlatane Ratschläge geben... Nein, die EMMA ist wirklich ein positives Beispiel dafür, dass es auch ANDERS geht. Genau aus dem Grund habe ich meiner Mutter ein EMMA-Abo geschenkt.

Doch: Die EMMA hat den Zugang zu vielen Frauen verloren und die, die es wirklich mal nötig hätten, erreicht sie erst gar nicht. Auch das hängt mit ihrer Einseitigkeit zusammen. Die meisten Frauen lieben Männer, sie wollen keinen Geschlechterkampf, leider verkörpert für viele die EMMA genau das! Ob zurecht oder nicht: ich persönlich finde sie einfach meist zu einseitig, ich fühlte mich aber nie zu einem Kampf gegen die Männer aufgerufen.
Meine Mutter schaffte es, genau eine EMMA durchzulesen, danach hat sie es nicht mehr gemacht. Woran lag es? Nun, sie fühlte sich von den Artikeln irgendwie nicht angesprochen. Sie bat mich, das Abo zu kündigen. Selber lese ich die EMMA auch schon länger nicht mehr so, wie früher. Ich überfliege den einen oder anderen Artikel, wenn ich das Gefühl habe, mal eine neue Sichtweise einer Sachlage zu lesen: dann lese ich genauer. Doch auch das wurde immer seltener.

Und heute muss ich mich über die Wahl belehren lassen und sehe: die EMMA zitiert Stellen aus Wahlprogrammen, die SO gar nicht darin zu finden sind! Das ist ein riesengroßer journalistischer Fauxpas und für mich der letzte noch fehlende Grund, eine Zeitschrift, die ich schon lange nicht mehr wirklich lese, abzubestellen. Leider.
Den Kampf, den ihr in all den Jahrzehnten geleistet habt ist beispiellos und ich erkenne euer „Lebenswerk“ – oder einfach, DEIN Lebenswerk, Alice – an. Auch rechne ich es dir hoch an, dass du so viel für die Frauenbewegung getan hast. Doch es ist an der Zeit, dass sich unsere Wege trennen. Wir sind zu unterschiedlich geworden – die EMMA zu alt und konservativ für mich. Vielleicht gründe ich einfach eine eigene Frauenzeitschrift.

Eure

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48 Antworten

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    ich muss ein wenig schmunzeln. auf der einen seite wird im artikel die emma heftigst kritisiert und in der diskussion kommen alle argumente aus eben jener zeitschrift wieder herrlich zum tragen.

    man(n) könnte meinen, die frau sei das bessere wesen ... und ungerecht ist die welt zu allen frauen und schreiberinnen hier werden aufs massivste benachteiligt und männer sind nach wie vor machos und benehmen sich wie die wilden.

    der feminismus ist tot! es lebe die emanzipation!

    10.09.2005, 21:26 von greatbritain
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      @[Benutzer gelöscht] oh, interessante Statistik! und woher nimmst du dieses "Wissen"?? und was heißt "verbittert"??

      09.09.2005, 01:37 von Kaddinsky
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      @[Benutzer gelöscht] nein, aber woher hast du, dass alle emma-leserinnen verbittert sind?
      ach komm, vergiss es einfach, du musst nicht antworten: wir kommen auf keinen grünen zweig. manche diskussionen führen zu nix, das sollte man einfach akzeptieren, oder?

      12.09.2005, 23:53 von Kaddinsky
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    "Merkel ist die Antwort auf die Forderung der Quotenfrau! hähäähähää böse böse "

    :-(( nee nicht böse.. ich fürchte da hast du recht..

    08.09.2005, 08:07 von RedSonja
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    aaaaaaaaaaaah neon zerhackt die links.
    Dann googelt euch eben durch.

    08.09.2005, 01:34 von ulf
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    http://www.auto-motor-und-sport.de/

    und dann unter foto show

    der link oben funtzt nicht. =)

    08.09.2005, 01:33 von ulf
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    zum kucken:
    http://www.auto-motor-und-sport.de/sandstuckgirl.89872.htm

    @seesternchen
    guter Konter, willkommen auf meiner friendslist!

    08.09.2005, 01:30 von ulf
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    Die Inferiorität des Emanzipationskonzepts,
    würde erst dann simplen Gemütern
    offenbart werden, wenn es so etwas
    für Männer gäbe, die sich aber, wegen ihrer
    komplexeren Strukturierung, dafür nicht
    interessieren würden.

    07.09.2005, 15:32 von ulf
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