Fluegelblinzeln 29.06.2012, 02:04 Uhr 11 15

Lia

Sie war wie ein offenes Buch, dessen Inhalt nicht zu erfassen war, weil die Kurzbeschreibung auf dem Buchrücken fehlte.

Zwei Wochen kannten wir uns jetzt. 

Lia rieb mit Daumen und Zeigefinger über ihre Wange, wie um einen lästigen Schmutzfleck zu entfernen. Ich betrachtete sie, ihre großen Rehaugen, die langen dunklen Haare, ein Seidenfluss, der ins Gras plätscherte, ihre Lippen, spröde, und doch wollte ich sie küssen. Und ihre Grübchen, die sich bildeten, wenn sie lächelte, was sie leider nur selten tat, ihre süße Stupsnase und ihre Sommersprossen, wie Sterne an einem makellosen Himmel. Wenn ich für jede ihrer Sommersprossen einen Wunsch frei hätte, es wäre immer der gleiche. 

Als sie merkte, dass ich sie beobachtete, lächelte sie beschämt und ihre Wangen formten die süßen, kleinen Grübchen, die ich so sehr mochte.

»Stimmt was nicht?«

»Hm?« 

»Weißt du, manchmal da habe ich das Gefühl, in deine Augen hineingesogen zu werden, wie in einen Strudel. Ist dir jemals aufgefallen, dass deine linke Pupille größer ist als die rechte? Und sie hat im Gegensatz zu der anderen, die meerblau ist, einen Grünstich. Und schwarze Pünktchen. Drei.«

Ich wollte sie fragen, wie sie meine Augenfarbe als meerblau definieren konnte, wenn sie das Meer niemals auch nur aus der Ferne gesehen hatte. Stattdessen errötete ich, aber nicht, weil mir ihre Worte unangenehm waren. Vielmehr, weil ich verstand, dass sie mich scheinbar genauso studierte, wie ich sie. Um meine offensichtliche Freude zu verbergen, verschränkte ich die Arme hinter dem Kopf und ließ mich zurück ins Gras sinken. Ich nahm den Geruch frischgemähten Rasens in mir auf, glücklich und doch unglücklich, ihn meiner Lunge wieder entweichen lassen zu müssen. Er war neben Lia‘s Eigengeruch einer der schönsten, die es gab. Lia roch nach süßem Schweiß und Moschus. Und dann war da noch dieser Geruch, der mich an ein druckfrisches Buch erinnerte, wenn man es das allererste Mal aufschlug. Lia roch nach Freiheit. 

Sie war wie ein offenes Buch, dessen Inhalt nicht zu erfassen war, weil die Kurzbeschreibung auf dem Buchrücken fehlte. Sie war wie ein offenes Buch, das so viele Seiten hatte, dass man nicht glaubte, sie jemals bewältigen zu können. Sie war wie ein offenes Buch, das man so schnell wie möglich lesen wollte, doch wenn man bei der letzten Seite angelangt war, wollte man gleich noch einmal von vorne anfangen.

»Du träumst wieder.« Ihr Haar hing nun wie ein schützender Vorhang vor ihrem Gesicht. »Ich muss zurück.«

»Zurück wohin?« Sie schüttelte den Kopf und ich wusste, dass sie traurig war, auch wenn ich ihr Gesicht nicht erkennen konnte. Die größtem Meisterwerke beinhalteten keine Bilder. Buchstaben kreierten die Welten.

»Möchtest du dir wieder meinen ipod ausleihen?« Erneutes Kopfschütteln. Lia hörte nicht oft Musik, eigentlich nie. Nur die von Straßenmusikern. Und solche, die aus den Geschäften hinausschallte, schmutzige, laute Electrobeats. 

Sie sprang auf, mit der Leichtigkeit einer Elfe, und trippelte davon. Kurz bevor sie außer Sichtweite geriet, drehte sie sich noch einmal um. Sie winkte mir zu, kleine dünne Finger, die durch die Luft wischten, es wirkte beinahe scheu, und sie verschwand in einer Menschentraube. Ich sah, wie eine alte Frau die Nase rümpfte. Ich sah, wie ihr Mann ihr zunickte, eine Geste der Zustimmung auf etwas, das ich nicht hörte, mir aber denken konnte. Ich sah, wie sich zwei Mädchen einhakten und kicherten. Ich wusste, dass all dies Lia galt. Doch ich ließ es geschehen. Ich ließ das geschehen und ich ließ geschehen, dass Lia ging. Denn ich wusste, sie würde zurückkommen. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen. Aber irgendwann. Irgendwann kam sie immer zurück. Ich erhob mich, mit steifen Gliedern, und erhaschte einen vorerst letzten Blick auf sie. Sie rieb sich wieder über die Wange, um den Schmutz zu entfernen, Makel des Lebens auf der Straße.

Ich ging ihren Weg, wohlwissend, dass ich umkehren musste, wir lebten in verschiedenen Welten. In Gedanken klappte ich das Buch namens Lia zu und legte ein Lesezeichen zwischen Seite vierzehn und fünfzehn. 

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11 Antworten

Kommentare

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  • 0

    aber der titel is doch geklaut?! ;)

    06.07.2012, 14:36 von Sibisibella
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      ne, woher?

      06.07.2012, 23:43 von Fluegelblinzeln
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  • 0

    "Ist dir jemals aufgefallen, dass deine linke Pupille größer ist
    als die rechte? Und sie hat im Gegensatz zu der anderen, die meerblau
    ist, einen Grünstich. Und schwarze Pünktchen. Drei."


    Also korrigiert mich, wenn ich mich irre, aber sind Pupillen nicht schwarz?!

    30.06.2012, 20:08 von topfbluemchen
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      Und ich dachte schon, ich denke vollkommen quer. :)

      30.06.2012, 21:39 von topfbluemchen
    • 0

      du hast vollkommen recht! Danke! 

      01.07.2012, 00:01 von Fluegelblinzeln
    • 0

      Gern.

      01.07.2012, 00:06 von topfbluemchen
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  • 0

    MIr fehlt leider die Konzentration zum lesen, ict einfach zu warm heute... sorry.

    29.06.2012, 14:14 von Tanea
    • 3

      selten so einen unnötigen Kommentar gelesen.

      30.06.2012, 19:05 von Fluegelblinzeln
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  • 1

    Typische Wochendstartseite:
    Solide Schreibe bereitet Belangloses, Tausendmalgelesenes derart geschliffen und souverän auf, dass man während des Gähnens einmal anerkennend aufschnarcht.
    Zwei, drei Sätze Klischeeseichte und abgedroschene Metaphern zum Stimmungsaufbau - man möchte gerade schon ein bisschen angewidert sein, dann aber wieder ein paar Satzgefüge, die einen zumindest dazu bringen, den Text ein bisschen ernstzunehmen.

    29.06.2012, 14:01 von JackBlack
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  • 0

    Du rockst mal wieder :) Schöner Text! Guter Tagesanfang :)

    29.06.2012, 05:29 von Mrs.McH
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