FrolleinLottePike 15.04.2011, 11:11 Uhr 3 0

LERNEN ZU VERGESSEN

Ein Hoch auf das digitale Zeitalter, ein Hoch auf das Internet. Dank moderner Medien finden wir per Mausklick alles, was uns interessiert, aber

auch all das, woran wir lieber nicht mehr erinnert werden wollten. Denn, so ZEiT-Redakteur Karsten Polke-Majewski „Das Internet ist ein gnadenloses Gedächtnis: sein Wissen über die Menschen hält ewig.“

Neulich bei Studi-Vz: Eigentlich wollte ich nur mal eben schnell meine Daten löschen, was auf den ersten Blick ganz einfach und unkompliziert erschien, ZACK – Account löschen. Doch damit weit gefehlt. Zwar hatte ich erfolgreich meinen digitalen Footprint weggeputzt, doch Fußspuren auf Seiten meiner Freunde, wie die Fotos der letzten ziemlich wilden Geburtstagsparty meines Kommilitonen und andere Katastrophen, blieben bestehen. Merken wir uns: nicht all das, was nicht mehr sichtbar ist für uns, ist auch wirklich nicht mehr vorhanden, denn das Internet ist ein wahres Hammergedächtnis.
Das Netz speichert alles, jede noch so kleine Information, jeder Kommentar, alle Emails, jedes jemals hochgeladenes Foto – nichts von alledem ist jemals dahin. „Die digitalen Speicher haben die Gesellschaft ihrer Fähigkeit zum Vergessen beraubt und stattdessen ein umfassendes Gedächtnis verliehen,“ so Polke-Majewski. In der Praxis wird das spätestens dann unangenehm, wenn wir als angehender Arbeitnehmer vor unserem zukünftigen Chef sitzen und er uns aufgrund umfassender Screenings mit diversen persönlichen Eskapaden konfrontiert und wir binnen Sekunden unsere Seriosität und Glaubhaftigkeit verlieren, weil uns Bilder in unvorteilhaften Situationen zeigen. Es sei an dieser Stelle jedem selbst überlassen, die möglichen Horrorszenarien auszumalen… Das Screening an sich ist jedoch nichts Neues, das Beleuchten zukünftiger Mitarbeiter fast schon normal.

Auf gesellschaftlicher Basis ist es viel wichtiger zu fragen, ob und ob wie wir überhaupt dazu in der Lage sind unsere moralische Integrität zu schützen und ob „Vergeben“ und „Vergessen“ überhaupt noch bestimmende Kategorien unseres Zusammenlebens bleiben können. Laut Polke-Majewski mache das „umfassende Gedächtnis“ nämlich „unfrei, weil jeder unserer Schritte, jeder fixierte Gedanke kontrollierbar wird“. Dabei befähigt erst das Vergessen den Menschen dazu, zu verallgemeinern und von konkreten Erfahrungen zu abstrahieren, es hilft dabei, dass Erinnerungen an Tat und Schaden verblassen und schafft so Raum für neue Erfahrungen. Vergessen ist in diesem Sinn eine zutiefst menschliche Eigenschaft, ohne die kreative Neugestaltung gar nicht möglich wäre, denn „Neues entsteht nur dort, wo Altes stirbt“, so Polke-Majewski.
Das Internet unterläuft jedoch bis heute diesen natürlichen menschlichen Prozess, da seine Speicher- und Suchfunktionen noch zu wenig zwischen „wichtig“ und „verzichtbar“ unterscheiden können. „Das Netz“, so Viktor Meyer Schönberg, „verweigert uns Menschen die Gelegenheit zur Entwicklung, zum Wachsen und Lernen (…) und lässt uns [nur] die Wahl zwischen zwei beunruhigenden Optionen: einer permanenten Vergangenheit und einer ignoranten Gegenwart“. Das Resultat ist ein umgekehrtes Verhältnis zwischen Vergessen und Erinnern: früher mussten wir uns anstrengen, uns an bestimmte Situationen, Daten etc. zu erinnern, heute ist es viel anstrengender Unwichtiges loszuwerden. Das Problem beginnt also immer genau dann, wenn wir Menschen zu faul sind zum „selber-denken“.

Wir haben uns von der Möglichkeit des ewigen Erinnern verführen lassen, ohne über die Konsequenzen nachzudenken und dabei vergessen, dass Vergessen äußerst produktiv und effektiv ist, denn etwas Vergessenes ist nicht per se „vernichtet“ oder auf ewig verschollen, sondern nur gerade nicht von Belang. Es landet irgendwo in unserem Speicher, unserem menschlichen Gehirn.
Wenn mich jemand fragt, wie meine Führerscheinprüfung war, erinnere ich mich daran, dass ich beim ersten Mal durchgerasselt bin. Ich bin jedoch froh darüber, dass mein Gehirn die Erinnerung an das Gefühl soweit vergessen hat, dass ich heute über dieses Malheur lachen kann.
Auch das technische Gehirn Internet könnte das Vergessen „lernen“, sofern man die gespeicherten Informationen mit „Verfallsdaten“ ausrüsten würde, so dass Banales nach einiger Zeit einfach verschwände, wohingegen Wichtiges erhalten bliebe. Es gibt also durchaus die Möglichkeit zu neuen Formen von Konzentration und Hierarchie gespeicherten Wissens, die dringend notwendig sind in einer Welt, in der „bald jedes Ding Informationen sammelt und speichert“.
Wir Menschen haben uns mal wieder selbst in die Misere geritten, uns selbst unser „Vergessen“ erschwert und müssen dieser Entwicklung nun wieder entgegensteuern. Es gilt, nicht nur die Strukturen des Internets zu überdenken, sondern auch unsere menschlichen Maßstäbe, sowie die Art unseres Zusammenlebens: wir müssen lernen, aktiv zu vergessen und zu vergeben. Das Netz schenkt uns leicht abrufbare Erinnerungen – auf Kosten unserer menschlichen Eigenschaften.

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Kommentare

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    An dieser Stelle könnte ich nun ganz simpel den I LIKE Button drücken :-).
    Das Netz verbindet uns und entfremdet einander gleichermaßen. Kommunikation ist per Netz möglich, die wenigsten nutzen es jedoch effektiv. Ein mausklick geht den Leuten leichter von den Hand als ein persönliches "Ich mag deine neue Frisur" - wieviele würden dies LIVE "mal eben so" sagen - und wie ernst kann man "like-s" nehmen?
    Gehört es nicht zum Leben LIVE (--> LIFE) die Gefhle und Reaktionen anderer zu erleben....wenn man dinge ausspricht? Gehört es nicht zum eigenen Leben, mit den eigenen Gefühlen und Reaktionen umgehen zu lernen..... Wieviel Zauber nimmt man dem Leben, wenn man der Herzdame oder dem Herzbuben nicht persönlich gegenüber steht, merkt wie die Röte ins Gesicht steigt und lernt, dass auch solche Gefühle das Leben ausmachen .....genauso wie alle "negativen" Erlebnisse in Echt-Kommunikation....?

    Alles KANN - nichts MUSS....aber es erstaunte mich dennoch als mich neulich eine Freundin (via sms!!!!) anschrieb und fragte, wieso ich sie auf Facebook geblockt habe...... Der Gedanke, dass ich nicht mehr angemeldet sei, schien gar keine Option zu sein. Noch absurder war für mich jedoch der Gedanke, sie zu "blocken"?....

    Die Menschen sind in Netz gegangen...und nur die wenigen kommen wieder raus.

    Und während sich Jutta und Mark darüber Gedanken machen, welche Fotos sie von gestern Nacht hochladen und sich Katie ärgert, dass Johann gestern beim Fußball war, obwohl er ihr doch gesagt hatte, er bliebe zu Hause, sitze ich ganz unwissend in der Sonne...in der Seifenblase meines echten Lebens.

    I LiKE!

    05.06.2011, 13:35 von FrolleinLottePike
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    ist es die schuld des hammers wenn wir uns beim einschlagen eines nagels mit diesem auf den finger hauen?

    zunächst einmal: die analogie zum menschlichen gehirn hinkt, da das digitale supergedächtnis keine emotionen kennt.

    die ablage von gedächtnisinformationen ist dabei viel weniger willkürlich als wir es wahrhaben wollen. wie oft erinnern wir uns an situationen und gegebenheiten von denen wir nicht einmal wussten, dass wir uns diese merken wollten?

    einem an sich völlig unbedeutenden moment wird durch ein geräusch, einen duft oder ein gefühl enorme wertschätzung durch unser gehirn zugemessen - und dieser dadurch irreversibel gespeichert.
    willkürlich? bewusst? steuerbar?

    das macht unser denken und erinnern aus - es reduziert inhalte nicht auf fakten, sondern verknüpft sie und kann dadurch selbst eine mathematische formel in der subjektiven wahrnehmung zu etwas besonderem machen.

    die frage nach der extinktion (und das war ja der ausgangspunkt): es mag sein, dass das internet ein schwarzes datenloch darstellt, welches informationen anhäuft um deren restlose löschung dann fast nicht möglich zu machen. aber ist das wirklich so ein unterschied zu unserem speicher? versuchen sie doch einmal, die erinnerung an die von ihnen beschriebene führerscheinprüfung endgültig zu löschen...

    auch hier ist der biologische marktführer unter den speichermedien ein schon fast autonomer apparat, der den willkürlichen zugriff durch das was wir bewusstsein nennen, in hohem maße limitiert.

    lernen, wissen und vergessen des menschlichen gehirns füllen nicht umsonst große bücher und werden weiterhin intensiv beforscht.
    wir wissen einfach nicht viel darüber.

    der definitve unterschied zum elektronischen gehirn ist jedoch der bewusste einfluss auf das hinterlegen und abrufen von informationen.

    die probleme mit unlöschbaren accounts, den bildern von der letzten party, usw. sind doch letztendlich das produkt von demjenigen der diese inhalte erzeugt hat. meine großeltern, für die das internet einer fernen galaxie gleich kommt, haben jedenfalls keine probleme mit dem nicht-vergessen der netzwelt.

    das internet ist ein werkzeug - so wie es ein hammer oder ein schraubenzieher ist. ob ich eines dieser werkzeuge (im privaten bereich) für mich verwende, ist meine freie entscheidung. ob ich mir dann bei der anwendung mit dem hammer auf die finger haue, hängt in erster linie vom umgang mit dem werkzeug ab - auch ein willkürlicher steuerbarer prozess.

    oder würden sie im unglücksfalle den hammer an den pranger stellen?

    02.06.2011, 21:16 von sartorius
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      @sartorius Vielen lieben Dank für Ihren Kommentar.

      Ich stimme mit Ihren Ausführungen vollkommen überein und mag ganz besonders ihr "Hammer-Bild". Ich ziehe es auch vor, das Internet als Werkzeug anzusehen. Dafür ist es praktisch, erleichtert viel , gerade im Bereich Kommunikation, aber auch bei der Datenverarbeitung und -erstellung (ich möchte nich mehr meine Abschlussarbeit auf einer Schreibmaschine tippen und Sieten komplett neu schreiben müssen, wenn mir ein Fehlerchen unterläuft!). Dennoch - ich wage zu bezweifeln, dass sich jeder dem Medium Internet "bewusst" ist. Ich glaube stattdessen, dass es einen erheblich großen Teil gibt, der sich sehr stark von dem Medium vereinnahmen lässt. Das ist- wie Sie zurecht sagen - nicht die "Schuld" der Technik..... - man kann es Naivität, Unwissen, Blödheit oder einfach nur "Zeitgeist" nennen. Dennoch beschäftigt es mich persönlich, wie Plattformen wie z.B. "Facebook" heutzutage in der jungen Generation schon zum Alltag dazugehören. Ich erinner mich gerne an einen Auslandsaufenthalt im Jahre 2004. Das stand Facebook gerade in den Startlöchern und ich habe unzähliige Emails an meine Eltern und Freunde geschrieben....auch das ist Internet, aber es waren immer individuelle Nachrichten für spezifische PErsonen.
      Was mich am Internet stört, ist quasi der "Umgang" mit eben diesem. Wir sind nicht alle 1a-Handwerker, wir müssen lernen, "richtig zu hämmern" - aber ich für meinen Teil sitze auhc gerne einmal in der Bahn, schaue raus und lasse die Bäume an mir vorbeifliegen und klicke nicht die ganze Zeit über in der virtuellen Welt herum, schaue nach, wer letzte Nacht wieder besoffen fotografiert wurde und ob Anna auch die Schuhe mag, die ich neulich "geliked" habe...
      Ich wollte übrigens neulich meinen Facebook-Account löschen. Das geht nicht. Man kann ihn nur "deaktivieren" - falls man zurückkommt....

      Wenn ich meinen Hammer in die Werkzeugkiste lege, sagt er nicht "Nee ich bleib auf deinem Tisch liegen, falls du mich gleich brauchst!".
      :-)

      Unser menschliches Hirn ist der Wahnsinn (...und ich bin großer Fan von ihm), aber genau das ist es - wir vergessen in all der Technik oft den Wert des eben wirklich Menschlichen....

      03.06.2011, 09:31 von FrolleinLottePike
    • 0

      @FrolleinLottePike So muss man es wohl sehen – der umgang mit dem werkzeug ist letztendlich das was dessen bedeutung, nutzen oder sogar die gefahr ausmacht.
      Und wie alles im leben will dieser umgang gelernt sein. Es stellt sich nur die frage, wer diesen „lehrauftrag“ übernehmen möchte.
      „lernen“ bezieht sich dabei überhaupt nicht auf fähigkeiten (also zum beispiel der allgemeine umgang mit einem computer), sondern vielmehr auf die entwicklung eines bewusstseins und somit einer gewissen sensibilität und reflektion für das, womit man es zu tun hat.
      Man KANN dinge nutzen, aber man DARF es auch einfach sein lassen.
      warum muss peter aller welt mitteilen, dass soeben sein nudelwasser übergekocht ist, warum finden gerd, claudia und raffael das gut und warum muss johannes an dieser stelle loswerden, dass er gar keine nudeln mag – was sabine wiederum gefällt?
      Hätte peter in einer zeit ohne internet auch die anderen um 22:45uhr angerufen, um ihnen sein leidvolles erlebnis mitzuteilen – und hätten das dann auch alle gut gefunden?
      ich habe zunehmend das gefühl, dass der direkte kontakt aufgrund der einfachheit des digitalen austausches in den hintergrund gerät. Natürlich, und das sei unbestritten, hat es etwas für sich, dass man unkompliziert, schnell und zu jeder uhrzeit in kontakt mit freunden am anderen ende der welt treten kann, jedoch scheint es mir manchmal so, als würde der direkte umgang mit den menschen in nächster umgebung dabei auf der strecke bleiben.
      Geburtstagseinladungen gibt es nicht mehr per post, sondern „sie wurden der gruppe …“ hinzugefügt, der oder die angebete muss nicht mehr schüchtern angesprochen werden, sondern wird direkt „geaddet“ und wenn man es tatsächlich mal mehrere tage gewagt hat, seinen account nicht zu „checken“, dann gehen die meisten gespräche an einem vorüber, weil man die fakten gar nicht kennt.
      Und im übrigen: warum kommt eigentlich niemand auf der straße, wenn ich mir grad einen kaffee gekauft habe, zu mir und teilt mir mit, dass ihm das jetzt „gefällt“?!
      Ob es einem passt oder nicht – irgendwie ist man doch ein stück weit in diesem netzwerk zu hause – auch mit gelöschter – pardon, ich meine natürlich ruhender – adresse.
      Umso wichtiger ist und bleibt es, sich nicht darin oder auch dem ärger darüber zu verlieren. Ich schließe mich ihnen also gerne an, fahre zug, bus oder fahrrad – oder sitze einfach nur am rande des ganzen treibens, lasse das echte leben an mir vorüber gleiten und finde es gar nicht schlimm, dass das niemand mitbekommt, gut findet oder kommentiert.
      Und wenn ich dann heim komme und mir doch danach ist, dann weiß ich, wo meine werkzeugkiste steht – und dass ich sie öffnen KANN oder zulassen DARF.

      04.06.2011, 19:31 von sartorius
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    Sehr schöne Gedanken für die Mittagspause...

    Danke dafür !

    21.04.2011, 12:52 von Edoodle
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