Bellatriste 26.10.2006, 23:49 Uhr 6 4

Leopold, der Hip Hopper

Ich lade euch zum Lesen ein!

Einige Menschen haben zu viel Geld. Der 18-jährige Leopold zum Beispiel. Seine tägliche Garderobe besteht aus einem schicken, aber nicht allzu auffälligen D&G Anzug, Lackschuhen und einer Fielmann-Brille. Wirklich sehr businesslike, wie ich heute wieder aussehe, denkt sich Leopold und grinst seinem Spiegelbild entgegen. Doch dann wird an seinem fröhlichen Gemüt gezupft, gezerrt und gewüstet. Es wird hinabgezogen in die Welt der tiefen, fast bodenlosen Melancholie. Armes Leopoldlein bekommt heute nämlich Besuch von Menschen, die dem gewöhnlich Volk angehören! Es handelt sich um drei seiner Mitschüler mit den ebenfalls drei sehr unfeinen Namen Thorben, Arne und Sören. Zu Leopolds Unbehagen, bedienen sich diese Plebejer doch tatsächlich der Umgangssprache! Wie soll denn da ein harmonierendes Referat zu Stande kommen? Leopolds edle, erhabene und immer nüchtern-sachliche Mundart in Kombination mit diesem lächerlich-primitiven Sprachgebrauch, in dem jeder Satz mit „Alter“ beginnt und genau demselben Wort endet? Nun ja, kann ja nicht jeder so sprach-ästhetisch veranlagt sein wie ich, nicht wahr Immanuel und Gottfried? Nachdem die zwei kleinen Rauhaardackel genickt haben, folgen sie Leopold in sein pompöses Arbeitszimmer, um ihm dabei zuzukucken wie er fleißig Kurzfilme schneidet und sich für wichtig hält...
Punkt 15.00 Uhr, Leopold greift zu seinem Handy und ruft seine Mutter an, die sich zur Zeit in einer unüberwindbaren und nicht zu Fuß erreichenden Entfernung befindet, nämlich dem Wohnzimmer: „Mutter, meine Gäste sollten jede Minute auf unserem Anwesen eintreffen. Wenn du sie willkommen heißt und herführst, könntest du ja bei der Gelegenheit Getränke und Speisen mitbringen. Danke.“
Bald ist es soweit, es ist an der Zeit die üblichen Vorbereitungen zu treffen. Routinemäßig schluckt Leopold zwei Beruhigungstabletten auf pflanzlicher Basis und greift zu seinem Notfallkoffer in dem sich Sean Paul – Baggyjeans, Sean Paul – Schuhe, Sean Paul – T-Shirts und als Accessoir ein Goldkettchen mit der Aufschrift „Pimp“ befinden. Leopold zieht sich schnell um, nachdem er hektisch 10 Zigaretten angezündet und in einen Aschenbecher gelegt hat. Das Ambiente muss nun mal stimmen. Ein verrauchtes Zimmer. Und Kindlers Literaturlexikon wird lieber unterm Sofa verstaut, um durch eine 50 Cent Albensammlung ersetzt zu werden, die Leopold sich extra für diesen Anlass bestellt hatte.
Die Tür geht auf. Thorben, Arne und Sören schlendern rein. Ihre Kapuzen haben sie coolerweise auf dem Kopf gelassen, die Hände in den Hosentaschen, fragender Blick.
Die Schweißperle auf Leopolds Stirn ist dank der schlechten Sicht im verrauchten Zimmer nicht zu erkennen: „Dann...dann...dannn quetscht euch mal hin, ähm, hier aufs Sofa.“ Da fehlt noch was, verdammt! Der Satz klingt so unvollständig! Was wollen die denn noch? Was kucken die mich so an? Mama, hilfee. Leopold fasst sich an die Stirn, und wischt sich die mittlerweile 10 Schweißperlen ab. „Alter!“ ruft er plötzlich. „Dann quetscht euch mal hier aufs Sofa, Alter!“ Thorbens, Arnes und Sörens Stirnrunzeln verschwindet, löst sich in Luft auf und Leopold ist erleichtert. So kommt man durchs Leben, denkt er sich und grinst sehr tief in sich hinein.

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6 Antworten

Kommentare

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    Famos! Ganz groß! Du hast was los!
    Alles außer Schrauben.

    Verdenkt. Verdankt. Verneigt.
    steht Koko

    21.05.2011, 22:40 von Kokomiko
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    Sehr geil geschrieben :)
    Musst grade richtig fett grinsen, Alter....
    nein, wirklich sehr amüsant :)

    22.07.2007, 00:33 von Thymianwidderchen
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    Krass, Alter.

    19.07.2007, 14:41 von Milalila
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