JollyMacKay 13.11.2008, 14:34 Uhr 2 1

Leberzirrhose

Mein Vater war Alkoholiker. Bin ich überempfindlich?

Als ich 21 Jahre alt war erfuhr ich, dass mein Vater bereits vor 9 Jahren gestorben war. Leberzirrhose. Er war jahrelang Alkoholiker. Das war auch der Grund, weshalb meine Mutter sich von ihm scheiden ließ, als ich 1 Jahr alt war. 2002 starb meine Patentante. Ebenfalls Folge des Alkoholkonsums. Meine Familie hat die wundervolle Eigenschaft bei abendlichen Familientreffen und einem netten Gläschen Wein die Weltpolitik und Glaubensfragen zu diskutieren, was selbstverständlich grundsätzlich ausartet. Die Lautstärke wird höher, die Hemmschwelle niedriger und schon ist das Chaos in der Diskussion gefunden. Mein Verhältnis zu Alkohol ist demgemäß angeschlagen.

Seit einigen Jahren nun beobachte ich, wie mein Großvater sich regelrecht seinen Verstand wegsäuft. Es ist keine Unterhaltung mehr mit ihm zu führen. Er kann keinem Gespräch oder Gedankengang mehr folgen. Er hört auch schlecht. Spricht über nichts anderes mehr als die aktuellen Schlagzeilen der Bildzeitung und wer wieder wie unglaublich viele Jahre leben konnte, weil er täglich eine Flasche Korn gekippt hatte. Er fährt betrunken Auto. Ach, ab und zu berichtet er auch von seinem Arztbesuch. Ein großartiger Mediziner, der ihm regelmäßig die Dummheit unterschreibt zu glauben, dass ein Glas Rotwein am Tag gesund für ihn sei.

Kurzum: Ich weiß nicht wer dieser Mann, mein Großvater, ist und was ich mit ihm zu tun haben soll. Es gab mal eine Zeit, da habe ich ihn bewundert. Fand es spannend, was er alles für mich als Kind gebaut hat. Es gab kein handwerkliches Problem, das mein Opa nicht lösen konnte. Er spielte mit mir, trieb Unsinn, lachte, erzählte lustige Witze, hatte Zaubertricks auf Lager. Heute bin ich fassungslos, dass er meine beiden Kinder nicht einmal in den Arm nimmt. "Er kann es halt nicht so zeigen" entschuldigt ihn meine Oma. Wie sie einfach alles an ihm entschuldigt. "Er trinkt regelmäßig auch mal Saft oder Wasser!" behauptet sie, wenn man sie darauf anspricht, dass er nachmittags um 17 Uhr bereits 2 Cognac, 1 Glas Wein und 2 Bier intus hat. Und: "Jetzt lass uns doch unsere Lebensqualität! Wir reden euch doch auch nicht rein, wie ihr euer Leben zu führen habt." Nein, das tun sie nicht. Aber, dass ich mir Sorgen mache, Angst habe, sie mir immer fremder werden, das ist nicht von Belang.

Mein Sohn ist 2 Jahre alt. Er sieht einen alten Mann auf einem Stuhl sitzen und vor sich hinstarren. Schimpfen ab und zu. Komische Sachen sagen. Mit den Jahren wird er mitbekommen, wie sein Urgroßvater immer nur vom Alkohol spricht. Wie er immer wieder ein Bier verlangt oder "a Schnapserl". Ganz normal wird das sein für ihn, wie es heute für mich normal ist Schnaps für meinen Opa bereitsstehen zu haben. Und mir dreht sich bei dieser Aussicht der Magen um. Ich will nicht, dass meine Kinder in dem Glauben aufwachsen Alkohol sei etwas ganz normales. Etwas, das eben dazugehört zum Alltag. Das tut er nicht. Nicht zu meinem Alltag. Mein Verhältnis zu Alkohol ist geprägt, aber nicht gestört. Ich trinke auch hin und wieder etwas. Wenn ich nicht gerade mal wieder schwanger bin oder stille. Ich sitze auch gern auf dem Balkon mit einem Bier, stoße mit Sekt an oder bestelle in einer Bar einen Cocktail nach dem anderen, wenn´s was zu feiern gibt. Aber ich hüte mich vor Tee mit Rum zum Frühstück, es schellen meine Alarmglocken, wenn jemand dazu übergeht allabendlich eine Flasche Wein zu leeren und ich werde sauer, wenn das Ganze medizinisch gerechtfertigt wird.

Was also soll ich tun? Meinen Großvater nicht mehr besuchen, ihn nicht mehr einladen? Ihm den Umgang (welchen Umgang?) mit meinen Kindern verbieten? Oder weiter zusehen. Angeekelt und voller Hass. Den Kindern erklären: "Das, was der Uropa da tut, ist etwas sehr schlechtes." Ihn darauf ansprechen habe ich unzählige Male versucht. Aber du kannst nicht mit einem Menschen diskutieren, der dich weder hört noch versteht, was du da sagst. Meine Mutter redet beschwichtigend auf mich ein: "Ach lass ihn doch. Du kannst es sowieso nicht ändern. Den dreht keiner mehr um." Es ist IHR Vater.
Irgendwann wird sich das Thema von selbst erledigen. Leberzirrhose.

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2 Antworten

Kommentare

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    Hm, schwierig. Was passiert, wenn er zu Besuch ist, und du hast einfach mal keinen Alkohol da? Kommt er dann nicht mehr?

    13.01.2009, 14:04 von Maibowle
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