hib 08.06.2011, 00:40 Uhr 14 11

Lebenslang

Niemand kann sich vorstellen, dass man nicht einfach so ein Mörder wird. Ich hatte jedenfalls meine Gründe.

Jeden Morgen stehe ich um sechs auf, ziehe die Gardinen zur Seite und blicke auf die Fenster im Haus gegenüber, in denen sich ein kleiner Teil des Himmels spiegelt. Man kann nicht hineinsehen, weil das Licht sich ungünstig bricht und weil sich die Menschen für die Nächte ohne Himmel und ohne ungünstiges Licht Gardinen anschaffen. Ich bin ein wenig wie diese Fenster.

Ich ziehe meine Socken an, welche ohne Loch meistens, das gehört sich ja so, blaue Hosen und einfarbige Hemden. Ich trage manchmal eine Krawatte, aber meistens mag ich es, wenn ich frei atmen kann. Meine Kleidung ist so neutral, dass man mich oft übersieht, zum Beispiel beim Ein- und Aussteigen in die Bahn. Denn ich bin keiner, der sein Innerstes nach außen trägt. Ich falle lieber nicht auf. Das wäre auch schlimm. Denn ich bin ein Mörder.

Wenn ich morgens durchs Treppenhaus nach unten gehe höre ich hinter den Türen der anderen Stimmen, manchmal höre ich auch Geschirr klappern, Katzen miauen oder Kinder bellen. An ihren sauberen Klingelschildern stehen ihre Namen, auf ihren Fußmatten liegt der Dreck der Straße, den sie abgeschüttelt haben und vorsorglich draußen lassen. Dreck wie mich.

Manchmal, wenn ich ein wenig zu spät dran bin, geht eine Tür auf und ein Vater bringt zum Beispiel seinen Sohn zur Schule. Dann stehen wir im Treppenhaus, ich werde angelächelt und ich lächele auch zurück und wir grüßen uns und sagen uns, dass wir uns einen schönen Tag wünschen. Für die Menschen, die die Tür öffnen, gehöre ich fortan zu ihrem Tag dazu. Aber das stimmt eigentlich nicht. Ich gehöre nicht mehr zu ihnen.

Bevor ich die Haustür öffne und auf die Straße trete hole ich immer noch einmal tief Luft. Es ist der letzte ehrliche Atemzug des ganzen Tages, denn ich halte den Rest des Tages die Luft an, um keinen Wirbel zu machen. Denn schließlich soll mich niemand erkennen. Niemand weiß, was ich getan habe und deshalb heb ich mir die Luft für den Tag auf, an dem sie mich finden. Außerdem ist die Straße vor meinem Haus so befahren, dass Atmen einen sowieso langsam umbringt. Meine Schuld ist auch ein wenig wie Feinstaub. Setzt sich fest und nimmt einem die Luft. Aber dieses Beispiel habe ich nur mal irgendwo gelesen, denn ich bin selbst kein Poet. Auch wenn ich mit Worten getötet habe.

In der Bahn steh ich zwischen den anderen, als wäre nichts geschehen. Ist es ja für die anderen auch nicht. Mit meiner rechten Hand halte ich meine Tasche, mit der linken halte ich mich an der Stange in der Mitte des Wagons fest. Wenn ich ausgestiegen bin schaue ich immer, wer nach mir seine Hand an die Stelle legt, wo ich meine gerade hatte. Und frage mich, ob sie dann spüren können, was ich mit meiner Hand getan habe. Aber man kann sich Hände ja waschen. Ein Gewissen kann man nicht waschen.

Manchmal abends auf dem Heimweg beobachte ich Freunde, die sich treffen auf dem Weg nach Hause. Manche haben sich lang nicht gesehen und fragen sich, wie es geht. Viele stellen die Frage schon so, dass man nur positiv antworten kann, fällt mir auf. Geht es dir gut? Ja, es geht allen gut. Und wenn nicht, dann ist jetzt nicht der richtige Augenblick, denn die Freude über das Wiedersehen überwiegt. Das ist bei mir anders. Und dann stelle ich mir immer vor, wie mich mal einer danach fragt, einfach so, vielleicht weil wir gemeinsam warten müssen an einer Haltestelle im Regen oder weil wir im Fahrstuhl stecken geblieben sind. Und dann würde ich alles erzählen, denn mir geht es nicht gut.

Ich würde von meiner Schuld erzählen und wie sie mich seitdem zerfrisst. Ich würde erzählen wie ich im Sommer abends die Menschen im Park sitzen sehe und sie beneide um ihre Unschuld. Wie sie da sitzen, Bier trinken, Fleisch grillen und sich Geschichten erzählen. Geschichten, in denen meistens niemand stirbt, zumindest nicht gewaltsam. Und ich würde erzählen, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann, wie es war, nicht Schuld zu sein. Wie es war unschuldig zu sein. Mit Haut und Haaren. Vielleicht würde ich mich wundern, wenn ich ihre Geschichten kennen würde. Aber ich kenne sie nicht.

Manchmal frage ich mich deshalb, ob da draußen noch andere Mörder sind und wie es denen geht damit. Man kann leider nicht einfach eine Selbsthilfegruppe gründen, was ich immer wieder sehr schade finde. Ich glaube wir hätten uns viel zu erzählen. Man versteht sich ja immer mit den Menschen am besten, die so ähnliche Dinge erlebt haben, wie man selbst. Auch wenn es komisch klingt, aber das gilt auch für Mörder. Meine besten Freunde habe ich nach und nach mit Absagen verschlissen, weil ich Angst hatte, dass ich mich ihnen irgendwann anvertrauen würde. Dabei wusste ich genau, dass sie es nie verstehen würden. Wie auch. Ich rede sowieso nicht mehr sehr viel, zumindest nicht mit meiner echten Stimme. Meine echte Stimme hat das letzte Mal gesprochen, Momente bevor alles anders wurde.

Ich engagiere mich hin und wieder freiwillig bei sozialen Projekten in meinem Viertel. Dann helfe ich bei den Vorbereitungen für ein Straßenfest, hänge Wimpel an die Laternen und baue Essensstände auf. In der Schule zwei Straßen weiter helfe ich dem Hausmeister hin und wieder dabei, die Elektrik in Schuss zu halten. Das kann ich ganz gut. Was ich nicht kann, ist mich danach mehr als einen halben Tag lang besser zu fühlen. So ein Schuldberg trägt sich nicht ab. Sobald man oben etwas wegnimmt, schiebt das heiße Magma etwas nach oben nach.

Wenn ich abends heim komme schaue ich gern Fernsehen. Treffen mit anderen echten Menschen fällt als Option ja weg und da ist Fernsehen von allen Medien am dichtesten am Leben dran, bilde ich mir ein. Am liebsten schaue ich Krimis, denn da kann ich mich gut reinversetzen. Viele weinen ja erst am Ende eines Films, wenn alles gut wird oder wenn sich alles aufklärt. Ich weine schon in den ersten zehn Minuten, dann, wenn das Opfer stirbt. Denn dann erlebe ich alles noch mal. Ich habe immer gehofft, dass ich mich irgendwann dran gewöhnen würde. Aber da hab ich mich wohl geirrt.

Ein paar Blocks weiter von meiner Wohnung entfernt ist ein Waffenladen. Ich habe einen Waffenschein seit vielen Jahren und könnte mir eine Pistole kaufen. Ich gehe manchmal am Schaufenster vorbei und schaue mir die Auslagen an. Wenn ich mutig bin, gehe ich hinein und lasse mir vom Verkäufer ein paar Modelle vorführen. Dann nehme ich die Pistolen in die Hand und stelle mir vor, wie sich der Griff anfühlt, kurz bevor ich mir in den Kopf schieße. Aber ich bin ein Feigling. Anderen das Leben zu nehmen ist leicht, sich selbst umzubringen weniger. Mörder wie ich müssen in diesem Land nicht sterben. Sie müssen weiterleben. Das ist hart.

Mein einziges Hobby, das ich außerhalb meiner Wohnung habe, ist ein kleiner Garten im Hinterhof. Ich habe da ein kleines Beet angelegt, versteckt hinter einem alten Schuppen. Früher habe ich da Erdbeeren angebaut, aber das kräftige Rot im Sommer zwischen den grünen Blättern hat mich oft traurig gemacht. Deshalb habe ich dort jetzt Kartoffeln angepflanzt. Die sind dreckig, das mag ich und die haben nichts Anrührendes.

Die Nächte sind schlimm. Ich wälze mich dann im Bett hin und her, wühle das Laken auf und drehe ständig meine Decke und meine Kissen um, weil sie mir zu warm geworden sind. Ich stelle mir vor wie meine Schuld im Keller gegen die Heizungsrohre klopft und je länger ich mir das vorstelle, desto lauter kann ich es hören. Das Schlafen habe ich verlernt seit damals, das war früher kein Problem. Jetzt denke ich viel nach über die Sache, die ich getan habe und komme nicht mehr los von den Gedanken, die am wenigsten bringen: was wäre gewesen wenn.

Niemand kann sich vorstellen, dass man nicht einfach so ein Mörder wird. Nur Mörder. Ich hatte meine Gründe damals. Und nun verbringe ich vielleicht den Rest meines Lebens damit, mich zu fragen, ob ich Recht hatte. Ich glaube, dass mir das ganz Recht geschieht. Ich hab zwar nicht wirklich jemanden umgebracht, aber Leben zerstört. Und wenn eine Familie zerbricht, klebt Blut an allen Händen.

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14 Antworten

Kommentare

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    Du hättest hier und jetzt schon zwei Mitglieder deiner Selbsthilfegruppe. Am Ende bleibt auch, egal wie man wenn und aber´s dreht, sie bleiben immer wenn und aber. Ich kann das nachvollziehen, das mit dem Mord & das was bleibt oder in diesem Falle eben nicht....

    05.07.2011, 13:53 von laala
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    Also ich kann die Gefühlslage nachvollziehen. Den Vergleich "Mörder" finde ich zwar etwas weit hergeholt aber ansonsten ist der Text gelungen.

    Gefällt.

    12.06.2011, 09:31 von Janu
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    Endlich mal etwas anderes. Gefällt mir. Text braucht keine Pointe.

    11.06.2011, 22:07 von hortyculturist
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    Im Gegensatz zu vielen Anderen hier hat mich die Poente doch ziemlich getroffen. Ich nehme an ich bin abgestupft ob der vielen Krimis, die ich schon gesehen habe ;) Auf jeden Fall gibt der Text zu denken.

    11.06.2011, 15:16 von beginnt_mit_S
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    ich konnte nur bis zu der stelle lesen:

    "Katzen miauen oder Kinder bellen."

    Danach war ich einfach zu verwirrt...

    10.06.2011, 22:15 von PINKmitGlitzer
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    ssssss..

    10.06.2011, 22:11 von Kokomiko
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    hm, ich find das ende doof. vollkommene lebensaufgabe und selbstvergleiche mit mördern? hab mich den ganzen langen text auf die 'aha'-wende am ende gefreut, vergeblich :/

    10.06.2011, 17:43 von ophelia_
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    Ich finds einfach klasse und mitreissend.
    Hat meinen Kopf nicht mehr losgelassen und mich zum Denken gestimmt.

    10.06.2011, 12:27 von Miss_Coco_Bijou
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    Schön geschrieben, bringt die emotionale Wahrnehmung des Protagonisten schnörkellos auf den Punkt. Leider muss man sich den "Mord" selbst ausdenken, was für mich persönlich alles vorher wieder ziemlich kaputt macht.
    Jetzt will ich auch wissen, welche Gräueltat du im Kopf hattest!

    09.06.2011, 15:28 von lovestodance
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    Nein, gefällt mir nicht. Leider. Schlecht beschrieben, als ich noch dachte, es geht um einen realen Mörder. Und 2. der Vergleich hinkt. 1. Gibt es solche Selbsthilfegruppen und 2. 99 % der Mörder denken nicht so. Daher: leider doof. "Wenn eine Familie zerbricht, klebt Blut an den Händen" Ich nehme an, es geht um Fremdgehen oder ähnliches. Jede Familie, die ein Mitglied aufgrund eines Tötungsdeliktes verloren hat, wird darüber lachen.

    Ich freu mich schon auf den nächsten Text :)

    :***

    09.06.2011, 15:14 von Icke_un_du_ooch
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      @Icke_un_du_ooch Ich finde auch, dass die Offenbarung, dass es nicht um einen "echten" Mord geht einiges kaputt macht. Schade!

      10.06.2011, 01:24 von Aerosmiths-Fan
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