jule.th 20.02.2011, 12:12 Uhr 2 1

Lebensbässe

Zweihundert Namen und niemand den man anrufen könnte...

Ich sitze hier, eine Hand auf der Maus, scrolle sinnlos in meinem Musikordner hoch und runter und versuche mich zu zwingen aufheiternde Töne auszusuchen. Stattdessen hallt seit einer halben Stunde Ryan Tedders Stimme in meinem Kopf "oh this is gotta be a good life". Ja ja., denke ich. Ich spüre wie der Bass meinen Körper durchdringt, aber nicht im Rhythmus meines Herzens schlägt. Mir stehen Tränen in den Augen und wie gelähmt starre ich das Licht meiner Festplatte an, welches hin und her tanzt, weil sie arbeitet. Im Moment scheint nichts und niemand mit dem Rhythmus meines Herzens zu tanzen. Ich habe auch das Gefühl, dass es auch irgendwie keiner will. Ich würde schon selbst klar kommen, tu ich ja sonst auch. Ich würde mich schon selbst irgendwie ablenken, tu ich ja sonst auch. Ich ziehe Kästchen auf meinem einfarbigen Desktop, den eigentlich immer Bilder zierten, ich es aber gerade nicht ertragen könnte, dass mir zufriedene Mienen entgegen strahlten. Ich würde mich so gern mit jemandem unterhalten, aber eigentlich möchte ich keinen sehen. Ich starre aus dem Fenster direkt auf einen anderen Wohnblock. Ich wohne zwischen einer viertel Million Menschen und fühle mich einsam. Ich fühle mich allein gelassen und klicke meine Telefonliste durch. Zweihundert Namen und niemand den man anrufen könnte.

Es ärgert mich, dass mein selbstbewusstes Auftreten mir einiges kaputt macht. Nicht weil ich es eigentlich nicht bin, sondern weil man mich mir selbst überlässt und darauf vertraut, dass ich mir nie großartig Gedanken mache oder das eben regele.
Es ärgert mich, dass man es wagt über mich zu urteilen, ohne das man mich richtig kennt, aber es glaubt zu tun.
Und es ärgert mich, dass man dieses Urteil auch noch anderen unter die Nase reibt und diese mich dann von vorne herein abstempeln, es mir gegenüber natürlich nicht zugeben.

Ich nippe an meinem kalten Kaffee, lehne mich zurück und seufze. Wahrscheinlich mache ich mir das Leben selbst viel zu schwer, mache mir zu viele Gedanken über Lappalien, konzentriere mich nicht aus das Wesentliche. Das Studium, der Job - the good life eben.
Aber ist das Wesentlich nicht eigentlich die Lappalie? Gefühle? Das Gefühl, dass der Bass deiner Alltagsmelodie mit dem Rhythmus deines Herzens im Einklang ist. Das Gefühl, dass man genießt und die Farben und Facetten des Lebens in sich aufsaugt wie ein Schwamm.

Wieder scrolle ich in meinem Musikordner herum, wische mir die Tränen aus den Augen und muss plötzlich lächeln. Ich muss lächeln, weil das für die meisten Wesentliche für mich nur eine Lappalie ist.

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Kommentare

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    :) Ja, das Sachen wie Job und Studium eigentlich nur nebensächlich sind und es auf ganz und gar anderes ankommt wenn es darum geht glücklich zu sein, bzw. sich und seine Mitmenschen zu verstehen und sich mit sich selbst wohlzufühlen kenne ich seit kurzen sehr gut. Lächerlich welche Prioritäten man sich setzten kann und gut wenn man erkennt, dass sie für einen persönlich ganz wo anders liegen.

    Und 200 Leute und keinen mit dem man reden kann oder will...auf der Welt gibt es mehr als nur diese 200 Telefonkontakte und manchaml ist es überraschend wem man begegnet und sich bei diesem jemand sofort zu Hause fühlt.

    20.02.2011, 18:28 von einevonvielenunddoch
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    wenn man sich eben nur auf oberflächliche bekanntschaften einlässt, bzw nur diese "pflegt" ist es genau das, was man auch vermittelt bekommt. oberflächlichkeit.

    mach dir freunde. nein, mach dir einen freund. einer reicht. man sollte nie mehr freunde haben, als man selbst tragen kann. dieser freund wird dann wissen, dass du, selbst wenn du nach außen hin stark wirkst, das nicht zwingend immer bist.

    ach und sich über das gerede anderer zu ärgern, ist wohl eine der sinnlosesten gefühls- und zeitverschwendungen die es gibt. es gibt eben zu viele menschen, die sich lieber mit anderen befassen, als mit sich selbst.

    20.02.2011, 12:26 von konsTante
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      @konsTante word word! aber die oberflächlichkeit tut manchen auch so wahnsinnig gut, dass sie einen teufel tun werden, diesen zustand zu verlassen, nur weil ab und an, mal die oberfläche aufbricht.....

      wieder ein weiterer tagebucheintrag bei neon...

      20.02.2011, 16:55 von audiophelia
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