Leben mit einer Vergewaltigten
Mit ihrem Eintreten war der ganze Raum erfüllt von ihrer ausströmenden Sexualität.
Letztens, auf einer Party, wurde ich gefragt, wie wir uns kennengelernt haben und ich wunderte mich, wie leicht mir die Worte von den Lippen gingen: »Übers Internet.« Was vor kurzem noch Stein des Anstoßes war, peinlich genug, es verbergen zu müssen, wurde zur Nebensächlichkeit. Warum nicht? Denn eines ist klar: Anders wären wir uns niemals über den Weg gelaufen, auch nicht zufällig.
Sie tat mir gut, als wir die ersten zaghaften Kontakte knüpften, weil sie immer mehr und mehr von mir haben wollte und ich es genoss, endlich einmal begehrt zu werden, zwar nur virtuell und auch nur im Sinne meiner Anwesenheit und nicht meiner Sexualität, aber das war es, wonach ich gierte, nach Aufmerksamkeit, nach nichts anderem.
So wartete ich hoffnungsvoll manche Stunde vor dem leeren Bildschirm, auf ihr Erscheinen, auf das Leben, das sie, wie einen bunten Teppich vor mich ausbreitete, auf dem ich vorsichtig zu gehen versuchte, auf dem ich mich wohlfühlte, die weichen Teppichfasern zwischen meinen Zehen. Es war, wie auf Wolken und nichts konnte unseren Himmel trüben, außer der Sehnsucht nach dem anderen.
Schließlich unser erstes Date und es hätte mich stutzig machen müssen, als sie, wie eine Bombe in mein kleines Leben, in meine kleine Wohnung, einschlug. Die Wände zitterten, der Boden vibrierte, die Luft war von jetzt auf gleich schwül heiß. Mit ihrem Eintreten war der ganze Raum erfüllt von ihrer ausströmenden Sexualität. Naiv, wie ich war, dachte ich, es wäre die aufgestaute Begierde. Sie hatte mir erzählt, dass ihr letzter Sex bereits Monate zurück lag und ich, nicht mehr in der Lage klar zu denken, nahm das willkommene Geschenk dankbar an und keine zwei Stunden, nachdem wir uns zum ersten Mal gegenüberstanden, wühlten wir uns durch die Betten.
Ich Idiot. Hätte mich meine Erfahrung nicht warnen müssen? Hatte ich je vorher einen Menschen gekannt, der dermaßen sexuell aggressiv war? Und noch während des Liebesspiels änderte sich alles. Ihre Wildheit verlor sich, sie wurde ruhiger. Der Glanz ihrer Augen verschwand, der Blick schweifte ab, weg von mir, weg von allem, in eine andere Szene. Zuerst dachte ich, es läge an mir, es würde ihr nicht gefallen und dann erkannte ich den Ausdruck des »über sich ergehen lassens«. Und in dem Moment, als ich schon aufhörte, liefen ihre ersten Tränen.
Sie hatte die Augen noch immer offen, weinte still, bewegte sich nicht, lag steif, wie ein Brett auf meinem Bett. Ich frage, was los sei. Aber sie reagierte nicht. Sie war verschwunden, weit, weit weg. Ich deckte sie zu, nahm ihr Hand und hielt sie. Wir schwiegen. Mir war klar, dass etwas nicht stimmte und dass es nichts mit mir zu tun hatte. Ich weiß nicht, wie viele Stunden vergingen. Es wurde dunkel. Sie lag neben mir, nackt, regungslos, während ich, den Rücken an die Wand gelehnt, ihre Hand nicht mehr losließ.
Heute weiß ich, dass sie mehrere Male vergewaltigt wurde und dass diese seelischen Verstümmelungen ihr Leben bestimmen. Im gewissen Sinne habe auch ich sie damals vergewaltigt, anstatt Vorsicht walten zu lassen, habe ich mich von meiner eigenen Lust hinreißen lassen. Nichts in unserem gemeinsamen Leben ist »normal«. Die Beziehung ist ein einziger Kampf gegen Stimmungsschwankungen, Depressionen, ihrer sexuellen Aggression, gegen die traumatischen Bilder, dem Verlangen nach Anerkennung, Begehren und Nähe und der gewollten Distanz, der Angst vor Menschen, der Angst vor Gefühlen, der Unsicherheit in fast allen Belangen des Leben, der zerstörten Selbstsicherheit, dem Gefühl der Ohnmacht und Fremdbestimmtheit.
Einige Therapien bekommen zeitweise bestimmte Symptome in den Griff, aber ich habe mich von der Vorstellung getrennt, man könne solche Ereignisse vollständig auslöschen. Sie wir immer damit leben müssen, mal mehr, mal weniger. Vielleicht wird sie über die Jahre soviel Vertrauen zu mir finden, dass sie sich loslösen kann, sich selbst aus ihrem inneren Käfig befreien kann. Die Chancen dazu sind denkbar schlecht. Gut möglich, dass sie sich von einem Moment auf den anderen unwiderruflich von mir trennt. Aber was soll ich machen? Ich liebe sie nun mal und ich empfinde mein Leben als lebenswert, wenn ich ihr Leben ein stückweit lebenswerter mitgestalten kann.

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Kommentare
heißes thema, gute mischung.
19.07.2010, 11:40 von libidoder titel streitet sich mit dem ersten halbsatz des letzten satzes, ober unpassender ist oder nicht, aber wahrscheinlich ist das thema einfach omnipräsent und ein schmidtchenschleicher-titel bzw. ein nichterwähnen der essenz, der liebe, wäre daneben.
sehr intensive worte
19.02.2010, 13:31 von ueberlebenund erschreckend.
aber sehr gut.
Ich habe einen Klos im Hals.
01.09.2008, 18:14 von latentneuroseSehr bewegender Text.
Ich wünsche viel Glück für die Zukunft!
im gewissen sinne würde ich nicht behaupten hast du sie vergewaltigt, aus meiner sicht, ich kenne diese art der ansicht aus verschiedenen seiten.
20.06.2008, 14:26 von RabenflugLächle aber sanft weil es eben doch menschen gibt, die sich deswegen eben nicht von einen abwenden, möget ihr eine wirklich gute beziehung führen mit allen höhen und tiefen und glaube mir, wenn eines tages der schalter umgelegt wird wird man vertrauen, aber das ist ein langer prozess und nicht leicht, du wirst mut brauchen und stärke und einen willen. Aber ich denke du könntest es schaffen, liebe grüsse aus der sicht derjenigen die weiss wie sie sich fühlt.
Eine sehr schwierige Situation. Für beide!
12.06.2008, 11:59 von IrgendwoAlles Gute!
Die Welt ist ungerecht.. lass den Kopf nicht hängen, wenn irgendetwas solch eine Krise, egal wie lang sie dauert, überwinden kann, dann ist das wohl die Liebe :]
06.06.2008, 22:25 von Der_Muenzer@Der_Muenzer Danke, das ist sehr lieb von dir. Ich fürchte, das funktioniert nur im Film ...
06.06.2008, 22:39 von Sumaikas_Erben@[Benutzer gelöscht] Vielleicht hat sie Glück, vielleicht habe aber auch ich Glück, sie getroffen zu haben.
06.06.2008, 20:58 von Sumaikas_Erben@[Benutzer gelöscht] Ich glaube, sie empfindet es als Stigma.
06.06.2008, 21:32 von Sumaikas_Erben@[Benutzer gelöscht] Menschen mit einer solchen Vorgeschichte verstoßen manchmal die, die sie am liebsten haben. So ist das leider.
06.06.2008, 20:57 von Sumaikas_Erben