Leben in Beirut
„Nur im Krieg sind wir alle gleich“
Seine schwarzen Augen sind mir bekannt, obwohl ich sie über die Webcam nur verschwommen auf meinem Bildschirm sehe. Damals waren sie noch kindlich, jetzt blicke ich in das sorgenvolle Gesicht eines jungen Erwachsenen. „Ich vermisse das Leben ohne Angst“, schreibt er.
Mohamed lebt in Beirut. „Bomben, Krieg und Angst gehören hier zum Alltag“, sagt er. Seine Freunde seien daran gewöhnt. Für Mohamed, der in Deutschland aufgewachsen ist, begann nach der Abschiebung ein völlig anderes Leben. Einige Wochen nachdem Israel die Bombardements in Beirut beendet hat, frage ich ihn nach dem Krieg und danach, wie er die Angriffe Israels beurteile. „Israel?“, ist seine Reaktion, „Israel ist nicht das Problem, das mich beschäftigt“. Diese Aussage erstaunt mich zu der Zeit sehr. Die israelischen Luftangriffe auf Ziele in dicht besiedelten Vororten von Beirut sind doch vor nicht allzu langer Zeit, am 14. August, erst eingestellt worden - und haben mehr als 1 100 Menschen, zum größten Teil libanesische Zivilisten, das Leben gekostet. Er stimmt zu, es sei schlimm gewesen. Dennoch leide das Land auch nach dem Krieg an großen Problemen. „Dieses Land ist zerrissen“.
Im Libanon existieren 17 anerkannte Religionsgemeinschaften nebeneinander. Nicht alle Gruppen haben dieselben politischen Vorstellungen. Die größten Diskrepanzen bestehen zwischen der als anti-syrisch und pro-westlich geltenden Regierung und der pro-syrischen Opposition und damit auch zwischen deren Anhängern. Die Regierung unter Fouad Siniora hat die Zustimmung des größten Teiles der Bevölkerung. Noch, denn der jüngste Krieg, den Israel im Libanon gegen die von Syrien unterstützte Hisbollah geführt hat, hat beträchtlich dazu beigetragen, dass die Schiitenmiliz an Ansehen und Unterstützung in der Bevölkerung dazu gewann.
Ungefähr ein Viertel von den Einwohnern Libanons steht hinter der Hisbollah, was die hohe Beteiligung an den aktuellen Demonstrationen vor dem Regierungsgebäude belegt. Fast eine Million Menschen wollen den Sturz von Sinioras Regierung. Vor mehr als einem Jahr versammelte sich eine ähnlich große Menschenmenge, größtenteils Sunniten, mit dem Ziel, die syrische Besatzung zu beenden. Sie protestierte für das Ende des syrischen Einflusses auf die Politik im Libanon und forderte die Organisation von freien parlamentarischen Wahlen. Eine Regierung der nationalen Einheit wurde gefordert. Die sogenannte „Zedernrevolution“ wird von Vielen als erfolgreich beschrieben.
Mohamed hat sie wie eine Befreiung erlebt. „Wir haben gemeinsam protestiert. Neben mir standen so viele Menschen und alle wollten das Selbe. Dann hatten wir auch tatsächlich Erfolg, aber er war nicht von Dauer“. Syriens Truppen zogen sich am 27. April 2005, nach siebenjähriger Besatzung, vollständig aus dem Libanon zurück und die Wahlen fanden statt. Siniora bildete daraufhin seine Regierung, mit der nun ein Viertel der Bevölkerung unzufrieden ist.
Ich frage Mohamed, wie sich diese Uneinigkeit auf das tägliche Leben in Libanons Hauptstadt auswirke. Er halte es kaum aus, ist seine Antwort. Der Alltag sei geprägt von Misstrauen und Verachtung Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften gegenüber. „Die erste Frage, wenn man jemanden kennen lernt, ist immer: „Aus welcher Gegend bist du?“. Wenn du die Frage beantwortest, weiß man sofort, welcher Religion du angehörst“, erklärt er.
Das Bild, das man sich über einen Menschen macht, hängt also von der Wohngegend und damit ausschließlich von der Religion ab? Wird danach auf die politische Gesinnung geschlossen? Im Libanon schließen sich Parteien mehr nach Religionsangehörigkeit als nach politischen Zielen zusammen. Schiit, also bist du ein Hisbollah-Anhänger? Als Sunnit bist du prowestlich? Minderheiten hätten es da noch schwieriger, schreibt Mohamed, der selber von den Kurden abstammt. „Für Sunniten bin ich ein Kurde und damit nicht so wie sie, aber für Schiiten bin ich ein Sunnit“.
Also keine Einheit der libanesischen Bevölkerung? Keine gemeinsamen politischen Ziele? Droht ein weiterer Bürgerkrieg? Mohamed befürchtet es. „Ich habe größere Angst davor, meinen eigenen Mitbürgern nicht vertrauen zu können, als vor internationaler Intervention“, schreibt er mir. „Als die Bomben fielen, waren wir gemeinsam in derselben Lage. Nur im Krieg sind wir alle gleich“.
Um sich ein genaues Bild von den Folgen des letzten Krieges zu machen, fährt Mohamed mit einem Freund in den Süden des Libanons. Er erzählt mir davon und versucht, das Gesehene in Worte zu fassen. Es sei schwer zu beschreiben, sagt er. Es stehe ein besonderer Geruch in der Luft. „Es riecht nach Tod“. Mohamed hat Angst davor, dass dieser Geruch und die Bilder, die er gesehen hat, möglicherweise die Zukunft des Landes sind, in dem er leben muss."Wichtige Links zu diesem Text"
www.beirut-reporter.de




Kommentare
ja, aber trotz unterschiede, wollen die leute doch in frieden leben. (alle wollen in frieden leben. grundsätzlich. wegen den kindern und dem einkaufen etc)
21.02.2007, 21:48 von Alf_mileich meine, es sind DOCH die interesse anderer länder (syria, israel, iran, ..), die das problem in libanon verursachen.
Schön, dass der Artikel auf Interesse stößt. Danke für Eure Kommentare. Diese traurige Geschichte eines schönen Landes, das den Beinamen "Schweiz des Nahen Ostens" trug, beschäftigt mich seit längerem besonders. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass Beirut ein wunderbares Beispiel für das gelungene Miteinander von verschiedenen religiösen Gruppen wäre. Ja M.A., ich bin auch überzeugt, dass Beirut viele Einwohner hat, die anders denken. Wie sehr müssen diese unter der Situation leiden...Ich rate jedem folgenden Artikel: http://www.geo.de/GEO/kultur/gesellschaft/51078.html
11.02.2007, 12:40 von VendrediÜbrigens findet Ihr auf www.geo.de ein Foto, dass sehr gut zu dem letzten Absatz meines Artikels passt. Es zeigt eine Gruppe junger Libanesen, die im Süden des Landes aus einem Auto die Trümmer "besichtigen".
Tja, da hast du wirklich recht! Dieses wunderschöne Land. Mit dieser schönen und alten Stadt Beirut. Eine wirklich traurige Geschichte. Ich war vor ein paar Jahren auch noch mal im Libanon. Viele Menschen dort sind allerdings auch anders und definieren sich nicht bloß durch ihre Religion. Es sind ganz gewöhnliche Menschen. Nicht besser und nicht schlechter als wir. Aber dieser Krieg, na ja, was soll man machen? Was kann man machen? Etwas anderes vorleben vielleicht? Ich weiß es nicht...
30.01.2007, 10:32 von M.A.Ein sehr guter Text,der mich ,als halb libanesin ,sehr bewegt hat.Vor zwei Jahren war ich im Sommer noch da.Im letzten Sommer habe ich mich nicht mehr getraut.Es ist traurig wie man dieses schöne Land zerstört,das gerade aufatmen konnte.
29.01.2007, 20:16 von fever