Lauthals
"Schau mal, wie der Till Kontakt aufnimmt! Das ist ja ein richtiger Flirt-Meister!" Die stolze Mutter kriegt sich kaum wieder ein.
Schon seit einigen Minuten steht "der Till" neben dem Tischchen im Café und guckt. Ich kann das nicht so gut schätzen, vielleicht ist er zwei Jahre alt. Er steht da, hält sich mit seiner kleinen Hand am Tisch fest und - guckt. Ich sitze am Tischchen vor meinem Netbook und versuche, einen Text zu redigieren. Zu Hause geht das nicht, da ist Baulärm, und ich will das heute fertig kriegen.
"Na, du?" sage ich zu dem kleinen Kerlchen, weil mir nichts besseres einfällt, ich aber auch nicht unhöflich gegenüber diesem kleinen Menschlein sein möchte, das da offenkundig Interesse zeigt und - guckt.
Am Nachbartisch sitzt die Mutter des Kleinen mit einer Freundin, die ein Baby auf dem Schoß hat. Dass "der Till" da steht und guckt, stört mich nicht, er sieht niedlich aus mit seinen dunklen Haaren und den großen braunen Augen. Er hat einen Ringelpulli an und eine winzig kleine Jeans. Aber ich muss das hier fertig kriegen und widme mich deshalb meinem Text. Solange der Zwerg nicht auf die Tastatur patscht, kann er gerne da stehen und - gucken.
Till's Mutter ist völlig aus dem Häuschen, "guck mal, Hanna, wo der Till hingelaufen ist! Wo ist der Till?" Aus dem Augenwinkel beobachte ich ein absolutes Desinteresse des soeben angesprochenen Babys, das in exakt die entgegengesetzte Richtung guckt, weil der Kellner da mit Gläsern herumklimpert. "Guck', Hanna, der Till sagt der Tante am Nachbartisch guten Tag!" Tante? Die "Tante am Nachbartisch" soll ergo ich sein! Tante! Die hat doch nicht mehr alle Latten am Zaun!
Till wird nun kühn, er hält sich an der Tischkante fest und kommt näher und - guckt. Ich gucke zurück. Ich könnte ihm den Keks anbieten, der zum Kaffee gereicht wird, aber da tönt es wie auf Abruf vom Nebentisch, "der Till soll keine Weißmehlprodukte essen," "ja, das wollen wir bei der Hanna auch so machen," ach ja, Glutenallergie ist ja im Moment schwer im Trend, am besten vergesellschaftet mit Lactoseintoleranz, damit man nicht sagen muss, "ich mag das nicht, " sondern sich mit einer beunruhigenden Befundstellung das Mitleid der Anwesenden zusichern kann, "ach, du Arme, kein Milchkaffee und keine Kekse?" "Ja, leider." Also keine Keks-Experimente.
"Der Till hat beim PEKIP schon die Mädels betört!" schreit die Mutter immer enthusiastischer durchs Café. Seitdem sich ihr Filius auf die Socken gemacht hat, kriegt sie sich gar nicht mehr ein und das ist auch eindeutig schlimmer als Baulärm. Während ich überlege, ob ich diesen Absatz eben noch fertig mache, dann nach Hause gehe und mich mit Ohrenstopfen an den Schreibtisch zurück ziehe, wabert auf einmal ein charakteristischer Geruch in meine Richtung:
Es riecht nach Kacke - am Nachbartisch beginnen sie gerade unter lautem Gejuchze und Gezwitscher die kleine Hanna zu wickeln! "Uii, das ist ja viel, ooooh, wer strampelt denn da mit den Beinch...- nein, Hanna, nicht mit dem Hacken da rein!" Ich glaube, ich spinne. Und als hätte der Kellner meine Gedanken gelesen, kommt er auch schon zu den beiden Muttis an den Tisch und bittet sie höflich, das Kind doch bitte auf dem Wickeltisch, der eigens dafür im Damen-WC angebracht worden sei, zu wickeln. "Aaach, wir sind gleich fertig, was, Hannalein?" flötet die Mutter mit einem leicht hysterischen Klirr-Ton in der Stimme. Der Kellner weist auf die hygienischen Hintergründe hin. "Also, die Hanna ist kerngesund!" klirrt Mutti in ihrer Hartleibigkeit zurück.
Die rafft ja wirklich gar nichts, ich nehme an, das ist die vielbeschrieene "Still-Demenz", von der mir Freundinnen mit größter Irritation berichtet haben ("ich vergess' noch meinen Arsch in der Straßenbahn!") Ich drehe mich um, ich bin ja vom Fach, mit dem Wegwischen wesentlich größerer Scheißemengen verdiene ich meinen Lebensunterhalt, und ich habe jetzt frei und möchte nicht mit Fremdkacke zu tun kriegen, zumal ich mir gerade meinen Keks reinpfeifen wollte, der da noch liegt. "Scheiße ist Scheiße, da kann das Kind zigmal gesund sein und ich möchte nicht, dass mir der Geruch in den Kaffee weht, das kann ja nicht so schwer sein, die zwei Meter da zum Klo zu gehen, oder?" merke ich daher beherrscht freundlich an.
Den Muttis rauschen die Kinnladen runter. Am liebsten würde ich mir jetzt auch noch eine Zigarette anzünden und dem Till ein Wurstbrot anbieten, nur so, aus Bock. Wo ist der eigentlich, der Till? Während die beiden Frauen unisono das erwartete Programm aus "Kinderfeindlichkeit!" und beleidigtem Gepampe abspulen, "toll, echt, jetzt mit dem halbausgezogenen Kind quer durch's Café, echt, toll!" Ja, toll, endlich haben sie's überhaupt begriffen! - aber wo ist Till? Den haben die beiden Hysterikerinnen komplett vergessen! Mein Blick schweift in etwa Kniehöhe durch den Laden, so groß ist der Hosenmatz ja nicht und was sehe ich? Etwa zwei Meter von mir entfernt hat Till neben einem jungen Typen Platz genommen, der ein Stück Kuchen isst und Till etwas davon abgibt.
Einträchtig sitzen die Jungs auf dem Sofa und essen Kuchen, während die Mamas ihren Kram zusammenpacken und nicht müde werden, ihr Schicksal als diskriminierte Mütter zu beklagen, bis die eine endlich sagt, "ogott, wo ist denn der Till?!?!!!!!" Ich drehe mich um, "der sitzt da", ich nicke Richtung Sofa, "und hat es gemütlich." "Der soll aber keinen Kuchen essen!" keift die Spaßbremse lauthals durch den Laden und der Typ läuft rosa an. Er wuschelt dem Kleinen durchs Haar und hebt ihn vom Sofa, "komm, geh zu deiner Mama, die hat sicher eine schöne Dinkelstange für dich." Dann grinsen wir uns zu.




Kommentare
- nein, Hanna, nicht mit dem Hacken da rein!"
03.01.2012, 10:53 von mo_chroi*lach* ich geh unter.
grins
02.01.2011, 14:59 von grafkaherrlich! :))
12.11.2010, 21:37 von topfbluemchenHab mich köstlich amüsiert. Bei dem Wickelanfall wär MIR die Kinnlade runtergefallen...
07.09.2010, 13:45 von mixtapeapeJa, so isses. Mutti bläst ihrem Till schon im Kleinkindalter viel zu viel Zucker in den Arsch. Das ist gar nicht gesund. Vor allem nicht für die Psyche der jungen Damen, die 20 Jahre später in irgendeinem Club versuchen Super-King-Tills Ego zu streicheln.
11.08.2010, 08:31 von fastgutAllergien, die im Trend liegen? Hilfe. Früher war alles besser. Beam me up, Scotty.
joooo mal wieder eine sehr gelungen erzählte banale alltagsgeschichte über gewisse nervtötende Mitmenschen....
08.08.2010, 17:24 von misscheekeymonkeyBesser hätte man den Nagel nicht auf den Kopf treffen können; habe mich schlappgelacht :-D
17.05.2010, 09:43 von ZauselUnd was lernen wir aus der Geschichte? Cafés sind weder Orte zum Babywickeln noch zum Texte redigieren. Aber wenn Menschen in Cafés eh immer nur Klischees erfüllen, warum dann nicht die einen Babys wickeln und die anderen Texte redigieren lassen?
15.05.2010, 13:00 von Cupiditate@Cupiditate weil die arbeit an texten nicht nach scheiße riecht. der text mag hinterher vielleciht "scheiße" sein, aber riechen? nee.
15.05.2010, 14:13 von lavishOh wie schön....Herrlich. Diese aufgesetzten Trend-Biomütter, diealles so unglaublich richtig machen wollen, mit ihrem Stil am Ende aber doch immer wieder grausam versagen....
12.05.2010, 08:38 von Keksdesiwie cool :'D sehr locker, gefällt mir! die mütter mit ihren sterilen kindern hast du auch super beschrieben! :'D
08.05.2010, 04:15 von nic.is.listen