Platinfuchs 30.11.-0001, 00:00 Uhr 8 20

Laternenlichter

Pure Energie durchströmt den Körper. Energie, welche einen binnen Sekunden zum schwitzen bringt, welche einen befielt sich zu bewegen, zu schlagen.

Die Kälte durchdringt die Kleidung und bringt einen zum zittern. Man spürt sie in den Fingern, obwohl diese schon tief in den Hosentaschen, flach an die Oberschenkel gepresst sind. Man spürt sie in den zusammengezogenen Zehen und man spürt sie im Gesicht, dass einem kaum auffällt, wenn die Nase läuft.
Seit Stunden wartet man schon. Zuerst noch ganz munter, hat man geredet, gescherzt, ein paar Steine herum gekickt. Doch mit der Zeit wird man müde und es beginnt einen zu frieren. Man redet dann nicht mehr, weil man nicht weiß was man sagen soll. Weil man keine Kälte auf der Zunge spüren möchte. Weil jedes Wort so seltsam laut scheint, wenn die Stadt leise ist.
Eigentlich ist es gar nicht so kalt, erst das stundenlange herumstehen, das endlose Warten, lässt es einen zu vorkommen.
Die Langeweile zwingt dich in den Himmel zu starren und Sternenbilder zu suchen. Man haucht mit gespitzten Lippen aus, als ob man gerade eine Zigarette rauchen würde und beobachtet im Laternenlicht den Atem, versucht sogar Rauchringe zu formen.

Und dann tut sich endlich etwas, ein Geräusch. Endlich öffnet sich diese Tür.
Es sind Augenblicke in denen man alles vergisst. Binnen Sekunden spannt sich der Körper an, als ob man auf diesem riesigen Sprungturm steht und wartet, dass die Ampel grünes Licht gibt. In diesen Sekunden fühlt sich der Bauch leer an, als ob er gerade mit Luft vollgepumpt wird und man wartet auf den Moment, in dem sie endlich mit einem langen Hauch entweichen kann. Das selbe seltsame Gefühl, wenn man im Musikunterricht vor die Klasse treten musste, man konnte kaum erwarten, dass sich diese Aufregung mit Beginn der ersten Klänge in Luft auflöst.

Und die Ampel schaltet auf grün. Die Klänge ertönen. Er ist es.

Vier Beine setzen sich in Bewegung, die Schritte kommen einem so seltsam laut vor, alles um dich herum ist so leise. Man geht bedacht langsam, auffällig unauffällig. Man spürt, dass der Körper am liebsten rennen möchte, dieses nervige Kitzeln in den Oberschenkeln, welches man nur durch einen schnelleren Gang loswird.

Und schon hat er gemerkt das etwas faul ist, er dreht sich herum, hält kurz inne und fängt an zu rennen.
Endlich, als ob man darauf gewartet hätte, fängt man ebenfalls an zu laufen. Man merkt nicht, wie weit und wie schnell man rennt, man merkt keine Unregelmäßigkeiten auf dem Boden, man hört keine Schritte mehr. Ebenso hört man nicht den ersten dumpfen Schlag, es läuft alles so automatisch ab.
Die Knie werden auf den Brustkorb gesetzt und es wird abermals zugeschlagen. Pure Energie durchströmt den Körper. Energie, welche einen binnen Sekunden zum schwitzen bringt, welche einen befielt sich zu bewegen, zu schlagen.
Alles ist egal geworden, man denkt nicht mehr daran ein Zeichen zu setzen, Grenzen abzustecken oder eine Lektion zu erteilen. Man gibt keine lässigen Sprüche von sich, wie es wohl ein Bruce Willis getan hätte und man denkt erst recht nicht daran drohend ein Bibelzitat vorzutragen. Es gibt kein berühmtes Rauschen in den Ohren, welches die Schläge des Herzens dröhnen lässt.
Es ist alles still. Jeder Schlag wird nur dumpf widergegeben, als hätte jemand den Lautsprecher für akustische Signale leise gedreht.

Schluss! Mit einem Mal wird einem klar, dass es nun reicht, dass man genug getan hat. Man steht schnell auf und vier Beine rennen weg, jedes Paar in unterschiedliche Richtungen. Man rennt so schnell man kann. All das kann nicht länger als 10 Sekunden gedauert haben und dennoch atmet man schwer. Man spürt erst nun den kalten Schweiß auf den Handflächen und der Stirn. Schweiß, welcher die Jacke am Rücken kleben lässt. Man hört erst jetzt wie laut die Schuhe auf dem Boden knallen und wie der Stoff der Jackenärmel an der Seite reibt. Man rennt, bis die kalte Luft in den Nasenhöhlen und der Luftröhre zu stechen anfängt und man den Geschmack der rotzenden Nase auf den Lippen hat. Dann bleibt man stehen, keucht laut und sieht zu, wie der Atem im Laternenlicht auf den Boden gehustet wird.

Man legt sich auf die linke Seite, zieht die Beine heran, begibt sich in eine Embryonalstellung, während der Kopf ins Kissen einsinkt und die Decke sich so schön schützend um einen legt.
Die Augen sind offen. Man geht noch einmal alles durch den Kopf. Es ist so surreal, wie die erste körperliche Nähe mit einem Mädchen – so viele Gefühle spielten mit, aber Stunden und Tage später kann man sich nicht mehr an jede Einzelheit erinnern. So viele Gefühle auf einmal spielten eine Rolle, dass man sich kaum vorstellen kann, dass dies wirklich alles passiert ist. Nein, man schläft nur ein.

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8 Antworten

Kommentare

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    Ziemlich krasser Text ! 

    25.03.2016, 06:14 von picassu
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      Inwiefern kapierst du es nicht? Wenn du ein Bild vor Augen hattest, dann ist das doch schonmal gut. :)

      25.01.2012, 22:56 von Platinfuchs
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    authentisch! gefällt mir

    08.09.2011, 10:17 von bananaa
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    deeper shit.

    12.04.2011, 23:56 von MaasJan
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      @[Benutzer gelöscht] Dem kann ich nur zustimmen.

      07.03.2011, 00:40 von DasPanda

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

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