Tobias_Kniebe 15.07.2006, 15:10 Uhr 0 1

Lasst die Kirche im Dorf

Seit Jahren beobachtet der deutsche Verfassungsschutz die SCIENTOLOGY-Kirche von L. Ron Hubbard. Warum? Wir wissen es auch nicht mehr so genau.

Die Church of Scientology ist mir herzlich egal. Ich habe mich nie mit den Weisheiten ihres Gründers L.Ron Hubbard befasst, und schon die oberflächlichste Zusammenfassung seiner Erkenntnisse, die Scientologen als »Wissenschaft der geistigen Gesundheit« bezeichnen, erscheint mir fragwürdig und uninteressant. Vielleicht hilft seine Lehre einigen Menschen, ein besseres Leben zu führen, vielleicht auch nicht. Möglicherweise sind seine Versprechungen übertrieben, die Geldsummen, die man für sein Glück bezahlen soll, absurd, die Effekte für die Psyche bedenklich – dasselbe kann man aber auch von Penisverlängerungspillen und U2-Konzertkarten behaupten. Und sicherlich tun Scientologen alles, um schlechte Presse zu verhindern und Kritikern mit Anwälten auf den Leib zu rücken – wie so ziemlich jedes weltweit tätige Unternehmen auch.

Ist Scientology einfach eine dieser Firmen mit Imageproblemen, die wir nicht mögen, denen wir aber doch das Recht zugestehen, ihr Ding zu machen und andere für dumm zu verkaufen? Oh nein. Besonders wir Deutschen nicht. Kaum fällt der Name »Scientology«, senkt sich unsere Stimme: Eine gefährliche Psychosekte sei das, die unheimliche Strahlemänner wie Tom Cruise vorbeischickt und klammheimlich am Untergang des christlichen Abendlandes, der Weltherrschaft und – höchste Steigerungsform der Verworfenheit – an der Abschaffung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung arbeitet. Aus genau diesem Grund wird Scientology in Deutschland, zusammen mit Neonazis und Terroristen, seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet. Weil wir wachsam sind und unsere Aufmerksamkeit nicht – wie bei den dämlichen Amis – von grinsenden Promis eingelullt wird.

Ehrlich gesagt, das ist peinlich. Es stellt uns, was Gelassenheit und Toleranz gegenüber fremden Denkarten angeht, auf eine Stufe mit dem saudischen Königshaus. Besonders peinlich berührt es mich, wenn ansonsten kluge Menschen das alles richtig finden und sich damit das Feindbild Scientology zu eigen machen. Weil sie gar nicht merken, was da eigentlich passiert. Weil sie vielleicht kritisch gegenüber jeder Art von Kirche und religiöser Ideologie eingestellt sind, in diesem Fall aber bedenkenlos alles nachplappern, was ihnen eine Koalition aus Pfaffen, Politikern und Staatsbeamten vorbetet, die es so wirklich nur in Deutschland gibt. Dies ist ein Land, in dem das Finanzamt den etablierten Kirchen die Arbeit abnimmt, ihre Steuern einzuziehen; in dem zwei große Volksparteien im Namen führen, wie unglaublich christlich sie sind; und in dem bis vor ein paar Jahren das Land Bayern nicht das geringste Problem darin sah, das Aufhängen von Kreuzen in seinen Volksschulen gesetzlich vorzuschreiben. Zur Erinnerung: Alle großen Fortschritte in Sachen Toleranz, Religionsfreiheit, Wahrung der Menschenrechte und Anerkennung Andersdenkender wurden historisch gesehen gegen die Kirchen erkämpft. Es definiert das Wesen eines modernen Staats, dass er sich in Fragen des Glaubens neutral verhält, dass er alle religiösen Überzeugungen seiner Bürger gleich behandelt, egal ob sie massentauglich oder für wenige akzeptabel sind. So steht es übrigens auch im deutschen Grundgesetz. Und deshalb musste das Bundesverfassungsgericht feststellen – Überraschung! – dass der bayerische Staat mitnichten das Recht hat, christliche Kreuze in Volksschulen aufzuhängen. Der Sturm der Entrüstung bei Kardinälen, Bischöfen und Politikern, der gegen das »Kruzifix-Urteil« losbrach, war eines der unwürdigsten Spektakel, das wir je erlebt haben.

Kürzlich warnte der Deutsche Philologenverband vor »Nachhilfestudios und Studienförderkursen, die Scientology zugerechnet werden«. Dort werde versucht, »Einfluss auf Jugendliche und Kinder zu gewinnen«, darauf habe der Verfassungsschutz hingewiesen. So weit, so gut. Niemand möchte seine Kinder ideologischen Einflüssen aussetzen, die er selbst nicht gutheißt.Aber was ist aggressiver: eine Nachhilfefirma, die nach den Methoden von L.Ron Hubbard arbeitet und die niemand buchen muss, der das nicht will – oder ein staatliches Unterrichtssystem, zu dem es vielerorts keine Alternativen gibt, das jeden Hindu, Moslem oder sonstwie Andersgläubigen zwangsweise mit einem Bild des gekreuzigten Christus neben der Schultafel konfrontiert? Auf absurde Weise wird hier ständig mit zweierlei Maß gemessen.

Wurde die CSU je als demokratiefeindliche Tarnorganisation der katholischen Kirche eingestuft und vom Verfassungsschutz beobachtet? Wurde die Grundgesetztreue von militanten Katholiken und Protestanten im Staatsdienst hinterfragt, deren Aufgabe es sein sollte, Bürgern aller religiösen Überzeugungen auf gleiche Art zu dienen? Natürlich nicht. Man weiß sich in Einklang mit der Mehrheit, und über das fortschrittliche Ideal der Trennung von Staat und Kirche kann man am Stammtisch laut lachen. Um die Verlogenheit komplett zu machen, ist das belastende Material gegen Scientology, das der Verfassungsschutzbericht zur Verfügung stellt, lächerlich. Ein paar angeblich demokratiefeindliche Zitate von L.Ron Hubbard, das war’s. Ein Beispiel? Hubbard propagiert laut Verfassungsschutz, im O-Ton, »eine Zivilisation ohne Wahnsinn, ohne Verbrecher und ohne Krieg, in der tüchtige Leute erfolgreich sein und ehrliche Wesen Rechte haben können …« Okay? Na und? Ist das alles?

Offensichtlich ja. Da lob ich mir die Deutlichkeit des CSU-Landtagsabgeordneten Sepp Ranner, der einst ankündigte, die obersten Richter nach dem Kruzifix-Urteil »mit dem Dreschflegel zu erwarten.« Wenn es um verfassungsfeindliche Hetze und Gewaltbereitschaft religiöser Gruppierungen geht, wäre das der Punkt, an dem man in diesem Land beginnen müsste. Und so lange da nichts passiert, möchte ich von Scientology gar nichts mehr hören.

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