Land des Ächzelns
Hab mich heute morgen ertappt, wie ich „Scheiß Zivilisation“ fluchte.
Schuld daran waren Verkehrslärm, zu laut vorgetragene Eingeborenensprache mageren Inhalts und ein chronisch asthmatischer PC-Lüfter, der wegen eines simplen Patchdays rotierte. Wenn das alle Sorgen sind. Ich kann mein eigenes Keuchen auch nicht mehr bewusst wahrnehmen, wenn ich mich dauerupdate, es gibt auch niemanden, der sich daran stören könnte. Auch darüber bin ich froh, solch Kommentar braucht man nicht wirklich. Bin ich nun deswegen Einsiedler? Oder nur emotional vernachlässigt? Ich befürchte, wir sind lebenslänglich alleinverziehend: uns selbst. Die Realität umkurvend, chartgeil auf die Pole-Position, als wäre die tägliche Staffage rotweiß gestreifte Randsteine, Pylonen, Absperrbänder. Tatort Tretmühle. Nech. No need.
Sich Ruhe wünschen und nach Freunden sehnen, ja, so geht es mir auch, mein Lieber. Rotwein, laue Abendstimmung, gedankenlos abhängen. Palmengewedel am Himmelsblau. Zikadensirren. Luftflirren. Und am besten einer, der „Aga“ zu einem sagt. Oder noch besser: einen Lippenwunschleser. Urlaub von einem selbst ist angesagt, die Jahreszeit passt, die Stimmung passt, die Krise, die nie ankam, passt auch, denn alles wird gefühlt billiger vor lauter Stagnation. Kein Wunder bei Null Inflationsrate. Das Radio tönt von Laufzeiten, Richtungsdebatten und schwitzenden Nonames auf Rennmaschinen, die auf zwei Frisbee-Speichen ihrem Ehrgeiz nachgeben oder uns zu einer netten halbstündigen Runde zum nächsten Baggersee motivieren. Hat was. Roter Ziegelstaub rieselt unterm Schuh als wäre Becker wiederauferstanden und das gepflegte Grün wird bald wieder durch emsige Stollen massakriert. Dazu jubelt es medial und ameisenhaft. Schön und leicht, wer derart Begeisterung nicht braucht. Zum Dessert gibt es Wetter, das ringsum als scheiße empfunden wird - ansteckend wie die Neue Grippe, die sich bald herbstlich paart und üble Nachkommen generiert, auf deren Gesellschaft auch keiner scharf ist. Eigentlich ist niemand auf Gesellschaft scharf, auf die man ständig schimpft und flucht. Netzwerkgejammer in der Matrix. Schon ist wieder gefühlter Winter, eine einzige Schlechtwetterzone genügt bereits. So sind die Tage eben. Und das alles ist noch gar nicht das Sommerloch, das ist verwurstete Wahrheit, unbekömmlich gedacht, quasi mediale Gel-Hysterie gepatchdayter Analog-Messages, deklariert als gruseliges Omen aller depressiven Wir-wusstens-schon-immer-Fetischisten. Nichts Vollwertiges sozusagen. Dafür ist der moderne Mensch einfach nicht geschaffen, grunzt es in mir wie ein Echolot. Und irgendwo stand „gedownloadet“ neben dem Brainfastfood. Der Himmel weiß warum.
Du musst den inneren Schweinehund bekämpfen, raunzt es. Ja, ja, denk ich zurück. Hirn-Yoga oder Magen-Darm-Tai-Chi wären angesagt... Ich sprech nicht mehr mit dir, denk ich mir dann und wann ungesellig zu, hab ich das nicht ausdrücklich abgewählt? Du kannst nix abwählen, du kannst nur stillhalten. Dein Veto verpufft. Die Politik ist Mitglied im Gehörlosenverein Deutschtümel e.V. Es ist charmant, dein Anliegen, aber wertlos. Ok, geh ich halt biken, joggen, walken, skaten, surfen, powerpointen oder mach einen simplen Versions-Check. Keine Nachricht ist dann eine gute Nachricht. So richtig? Ja? Auf schnellen Beinen? Dicken Füßen? Wie durchs Universum gleitend? Die meisten Menschen hecheln dem Schi-schi hinterher als wäre es Atemluft. Du Ego, du.
Zwischen-Erkenntnis (weil das Leben immer ein „zwischen“ ist, das eigene Ende kann man ja nicht „mitgekriegt“ haben): Beim Vokabeltraining hab ich mir noch nie einen Gehörknöchel verstaucht. Wie dehnt man eigentlich seine Neuronen? Ich meine, so dass es so richtig schön zieht und brennt, knackt und knirscht, spürbar, so wie man Beinbeuger, Adduktoren, Rückenstrecker zum Jaulen bringen kann durch physisches Gasgeben. Wenn man mehr als nur gesund sein will. Und was mehr als nur gesund ist, jaaa, das kann man an zig Muskel-Sehnen-Taillenstyling-Tankstellen nachschlagen, das ist ein ganzer Industriezweig, der uns ein nicht enden wollendes Manual zum ausgelassenen Frohsinn unterjubelt. Wieso laufen dann fast alle mit so einem verbissenen Gesicht herum?
Neulich meinte ein Herr Precht in einem dieser geselligen Plauder-Selbstausstellungen: „Viele scheitern, weil ihr Familienideal zu anspruchsvoll ist.“ Ja, klar, unser Anspruch. Der Herr ist Philosoph und kann den mathematischen Bruch der volkseigenen Allgemeinwahrheit so erweitern, dass ein bombastisches zielorientiertes Erkenntnisphänomen daraus wird. Allgemeingültig ausgedrückt geht das so: „Viele sind unglücklich, weil sie zu viel brauchen.“ Kann man fast auf alles anwenden, ist universell richtig, rundherum ein Abnicker, aber leider kommt der tiefen Erkenntnis eines entspannten Freitagabends-Events im Fernsehsessel, immer gleich wieder der blöde schnöde Alltag in die Quere, sprich: wer nur seinen Körper trainiert, erfährt seelisch-emotionale Unausgeglichenheit tiefer und nachhaltiger. Wer weiß schon etwas über Seelen-Massage? Vom Emotions-Building? Vom Psychen-Ausdauertraining? Man muss nur Zähler und Nenner aufblähen. So geht’s!
Meistens merkt man, wie ausgeglichen man ist, wenn man situationsverbissen flucht, statt sich über einen Moment der Atempause zu erfreuen: in der Warteschlange, im Stau, beim Downloaden, zwischen zwei Top-Life-Events, deren Tiefe man nicht ertragen kann, so leicht und seicht und locker-flockig kommt sie daher. Brainwashing ist der neue Trend. Spül dein Hirn clean, leere alle Vorratskammern des Neids und Zorns, des Hasses und der Eifersucht, der Wut und Ungeduld. Die neue Geistesfitness boomt wie blöde, alle lächeln, strahlen, glänzen. Aber leider nur während der Trainingseinheiten. Ein gesundes Gehirn, eine reine Seele, ein freies Gemüt sind nicht alltagskompatibel. Es gibt zwar ständig neue Updates, aber die verlangsamen das System nur. Die Launekiller sind Spontanmutationen, überfallartig lauern sie an jeder Ecke, in jeder neuen Runde. Darüber sollte man mal nachdenken: wieso wir nur immer symptomatisch am Alltagsgeschehen rumwursten, statt den Rat neu zu erfinden.
Es wird seit Unzeiten darüber gesprochen, diskutiert, es hallen die Epochen und Zeitalter nach endlosen Gesprächen und gut gemeinten Beschwörungen, alle so wahr, so wahr. Am Geschehen rund herum um die Debatten hat sich dadurch wenig geändert. Wir fühlen nur: darüber reden ist wichtig. Weil uns dann einer zuhört. Vielleicht versteht. Mitfühlt. Temporär wohltuend abnickt. Ja, deswegen hören wir uns und andere so gerne reden, lesen deren Meinungen, finden uns darin wieder, oder tun es als Schnickschnack ab. Zielorientiert ergebnislose Gespräche sind einfach wichtig.
Viele.
Lange.
Aufrichtige.
Nachhaltige.
Gespräche.
So lange geredet wird, wird nicht groß nachgedacht, aber dann hätten wir wenigstens mal darüber gesprochen.




Kommentare
Anstrengend, aber nicht schlecht... mir etwas zu gewollt kreativ... in fast jedem Satz eine "idiomatische Neuschöpfung"... weniger wäre hier mehr gewesen.
20.07.2009, 16:09 von TyphoonGrandios.
20.07.2009, 11:28 von latentneuroseDie idiomatische Neuschöpfung "den Rat neu erfinden" finde ich klasse.