schimmern 19.08.2012, 22:07 Uhr 103 52

Laminat

Seine Hose ist so beige wie seine Ausstrahlung.


Mit den Resten einer unausgegorenen Magen-Darm-Grippe stehe ich in der gestopft vollen Straßenbahn, auf dem Weg zur nächsten Wohnungsbesichtigung. Ich fühle mich wie pampiger, lauwarmer Haferschleim und bewege mich auch entsprechend.

Hoch Achim, dieser Penner, macht meiner Laune endgültig den Garaus, diese Affenhitze presst mir jeden Atem aus der Lunge. Ich sauge verbrauchte, heiße Luft ein, nur um sie um noch ein paar Nuancen heißer und verbrauchter wieder auszuprusten.

Ich und meine schäbbigen Macken schon wieder, da ist es einmal warm und die feine Dame fühlt sich nicht recht, schon fängt sie an zu hyperventilieren.

Und dann auch noch über die Weser! Mir wird bei Hitze wirklich schlecht, bei Temperaturen wie diesen schlingert mein Kreislauf wie ein schlecht aufgepumptes Fahrrad. Fahrrad, fährt doch auch kein Mensch mehr. Bloß noch Fixies. Bis vor ein paar Wochen wusste ich nicht mal, was das ist. Puttchen Brammel in der großen Stadt.

Unauffällig knubble ich an einem Akupunkturdingens zwischen Daumen und Zeigefinger rum, das wurde mir gezeigt, zum Raus-und Runterkommen aus und in Paniksituationen. Aber mitten im schönsten Hineinsteigern ist die Fahrt auch schon vorbei.

Nassgeschwitzt steige ich aus. Luft, Herr im Himmel, Luft.

Ich brauche ein paar Minuten, um mich zu orientieren. Ich kenne mich noch kaum aus hier, ich weiß grob, wo ich grade wohne, und so ungefähr die Bahnlinien.

Um zur Wohnungsadresse zu kommen, muss ich mich durchfragen.

Ein alter Opi, nachdem er mich ausgiebig beäugt und nach meinem Zustand gefragt hat, ist dann doch so freundlich und hilft mir weiter.

Ich bedanke mich und wabbele weiter, als ich mich selbst im Schaufenster sehe, bleibt mir fast das Herz stehen. Schon wieder.

Wie ich aussehe! Im Leben vergibt so kein Mensch eine Wohnung an mich!

Meine Haare stehen mir schweißpappig in alle Richtungen, es ist optimales Wetter für Püselhaar, mein Gesicht ist hochrot, feuchtglänzend, aufgedunsen, die Schminke unter den Augen ganz klassisch Panda, aber nicht so putzig. Und das nach nur vier Stationen Bahnfahrt. Chapeau, Körper. Chapeau.

In einem kleinen Eiscafé frage ich, ob ich mal kurz die Toilette benutzen darf. Weil ich eindeutig nach Notfall aussehe darf ich. Sogar ohne zu bezahlen. Ich gulpe so viel Wasser, wie es eben ohne Becher geht, hinunter und richte mich so gut ich kann. Gegen die Schweißringe wie Kornkreise kann ich nun auch nichts mehr tun.

Einigermaßen gediegen aussehend, trete ich wieder auf die Straße.

Irgendwie kann sich das Stück Standby-Gehirn dann doch noch an den Weg erinnern, und ich bin sogar fast pünktlich zur Wohnungsbesichtigung. Außer mir stehen noch fünf andere Menschen an, um sich möglichst bürgerlich, solide und solvent an den Vermieter zu verkaufen.

Ich sehe schon von Weitem, dass ich keine Chance habe.

Wie schaffen es manche Leute nur, auch bei ärgster Hitze so taufrisch auszusehen, so geduscht, so schön gescheitelt, und duften tun sie auch! Bisschen nach Bioladen, aber dennoch!

Der Vermieter lässt uns ein, wir laufen im Gänsemarsch hinterher. Mein Vordermann hat seinen Fahrradhelm (er fährt ein Trekkingrad hab' ich gesehen, kein Fixie) unter den Arm geklemmt, und an den Hosenbeinen hat er diese gelben Hosenbänder aus Klettzeugs, sogar mit Reflektoren. Umsichtig. Wie seine Haare so gut liegen können, wo er doch offensichtlich vorher einen Helm getragen hat – ein Rätsel.

Seine Hose ist so beige wie seine Ausstrahlung.

Er trägt ein blau-weiß kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln, ich wette ein bisschen mit mir selbst, ob von Jack Wolfskin oder nicht. Seine gebräunten Unterarme zeichnen ihn als wetterfest aus, bedrückt sehe ich auf meine eher schweinchenrosa Haut. Er, ich nenne ihn für mich "Herr Trekkingrad", ist so der Typ Bürojob, aber trotzdem gerne draußen. Ein Naturbursche, wenn er dazu kommt.

Der Vermieter redet Vermieterkram und gibt jedem einen Bewerbungsbogen. Dann führt er uns durch die Wohnung, die so geil nun auch wieder nicht ist. Die Lage gefällt mir, und auch, dass sie nicht im fünften Stock ist. Aber ansonsten – Laminat und neue Fenster, die Raumaufteilung ist in Ordnung, aber so richtig ist das alles nix. Und dieser Bewerbungsbogen... Schufa-und Verdienstnachweis, Arbeitsvertrag, Firma, alles muss man da angeben. Ich trage gar nichts ein, ich würde den Vermieter gerne fragen, wozu das gut sein soll. Und ob er die Frage nach dem polizeilichen Führungszeugnis nur vergessen hat, oder einfach nicht drauf gekommen ist.

Die Fenster jedenfalls, irgendwas zum Energie sparen.

Darauf kommt Herr Trekkingrad sofort zu sprechen, als alle Bewerber nach der Besichtigung in dem stehen, was wohl das Wohnzimmer sein soll. Er faselt etwas von Energieeffizienz und CO2- Fußabdruck, von Energieausweis und Sparsamkeit. Man müsse ja sparen, dieser Tage.

„Sparen und sich Paaren“ denke ich. Denn sogleich möchte er wissen, wie der Vermieter Kindern gegenüberstünde. Die Familienplanung sei bei ihm und seiner Verlobten nämlich noch nicht abgeschlossen.

Von den anderen Mitbewerbern kommt niemand zu Wort, so eng hat Herr Trekkingrad den Schraubstock seiner bohrenden Fragen um den Vermieter gezogen.

Und wie es denn mit Kindergärten aussähe. Und mit Schulen. Und Feinkostläden. Ich horche auf, ein Bruch in dem langweiligen Besserverdienergesülze.

Denn wenn man sich schon hier niederlasse, er schnaubt ein bisschen verächtlich, in einer Gegend mit so vielen Kneipen und Bars, dann wolle man sich doch zumindest sicher sein, dass für das eigene und das Kinderwohl gesorgt sei. Der Vermieter nickt ergeben, fast entschuldigend – was fällt ihm auch ein, eine Wohnung in so einem Viertel zu erben.

Für die Lage mit recht günstiger Miete nähme er, Herr Trekkingrad, die Kneipen und die sonstigen Einbußen wie Schnorrer und lärmende Studenten in Kauf, (Nebensatz: Solange man denn nachts schlafen könne – er sei sich auch nicht zu schade, bei Ruhestörung die Staatsmacht zu bemühen), das gesparte Geld könnte man nämlich anlegen. In Trekkingurlaube und französischen Ziegenkäse, ergänze ich leise.

Allerdings müsse man ihm schon entgegen kommen. Was er damit meint erschließt sich mir nicht, er lässt das auch offen. Er klingt aber, als müsse sich ein jeder Vermieter glücklich schätzen über einen solchen Mieter.

Besorgt um die Umwelt, weltoffen und kulturinteressiert, jedoch alles auf einer gewissen Ebene.

Ebene sagt er  gerne.

Nicht, dass er nicht auch gerne mal ein Bier trinken würde, aber eben alles auf einer gewissen Ebene. Gönnerhaft lacht er mir zu. Er interessiere sich auch für Kunst, aber dieses Geschmiere an den Häusern hier, das ist doch keine Ebene. Er spendet regelmäßig etwas für irgendeinen wohltätigen Verein, jedoch, alles auf einer vernünftigen Ebene. Fußball, Bildung, Politik, Sex (das reime ich mir dazu), alles jederzeit und gerne - aber, liebe Freunde, doch auf einer gewissen Ebene. Doch, doch, Emanzipation sei auch ein Thema. In ihren Ansichten, da seien er und seine Verlobte auch ganz auf einer Wellenlänge. Ebene hat an dieser Stelle wohl nicht gepasst.

Er steht und redet eine halbe Stunde lang. Längst schon haben die anderen Bewerber die Segel gestrichen, mir war einfach nicht aufgefallen, dass ich noch immer hier bin und mit offenem Mund zuhöre.

Die Kotze, die mir schon seit der Straßenbahn im Hals steht, ist kurz davor, sich ihren Weg in die Freiheit zu bahnen. Obwohl ich mir keinerlei Hoffnungen auf eine Zusage zu dieser Wohnung mache, möchte ich das ungern auf dem frisch gewischten Wohnzimmerboden erledigen.

Auf den mir ausgehändigten Bewerberbogen, der für sich genommen eine Frechheit ist, kritzle ich nur hastig „Ich mag kein Laminat.“

An der Straßenbahnhaltestelle reihere ich in den Mülleimer.

(Herzlichsten Dank an Bender018 für's korrigieren!)

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103 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich glaub ich habe Herrn Trekkingrad auch kennengelernt...;)
    Es ist schön wenn man solch amüsanten Texte liest und dann Menschen trifft, die die Geschichte nachzuspielen scheinen..sehr amüsant..(..bis zu einer gewissen Ebene :-P)

    31.08.2012, 02:45 von Frenchbullylover
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  • 0

    Seine gebräunten Unterarme zeichnen ihn als wetterfest aus, bedrückt
    sehe ich auf meine eher schweinchenrosa Haut. Er, ich nenne ihn für mich
    "Herr Trekkingrad", ist so der Typ Bürojob, aber trotzdem gerne
    draußen. Ein Naturbursche, wenn er dazu kommt.

    Bis dahin dachte ich, der könnte dir gefallen. Aber nix da. Ein Vollhorst, trotz gebräunter Unterarme... Schade eigentlich.


    Der Text kommt diesmal ziemlich langsam im Fahrt, aber das lag wohl an der übergroßen Hitze und deiner entsprechend schlechten Verfassung. Wie immer: Sehr unterhaltsam und amüsant zu lesen.

    26.08.2012, 17:38 von Jackie_Grey
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  • 0

    yeahr - ich kanns mir bildlich vorstellen ;-) sehr schöner text!!! 

    23.08.2012, 14:05 von pink_chaos
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  • 0

    mag ich, schöne bilder im kopf :o)

    was aber sind fixies?

    23.08.2012, 13:11 von HerrJemine
    • 0

      das hier.

      23.08.2012, 13:45 von schimmern
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  • 0

    Epic...hat er zusammen mit dem Bogen wenigstens eine Datenschutzerklärung vorgelegt?

    23.08.2012, 12:43 von wordmage
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  • 0

    Mag ich, auch weil's in Bremen spielt :)

    22.08.2012, 19:39 von Ou714w
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  • 1

    das war die 1:1-beschreibung meines letzten prüfers, ein mann, von dem ich jetzt noch glaube, dass der sich vor und nach dem wichsen die hände desinfiziert.

    puttchen brammel, das war gut beguckt!

    22.08.2012, 14:20 von lavish
    • 0

      nun is mir vor lachen 'nen krümmel schwarzbrot in die nase geschossen. unangenehm!
      aber den typus sterilwichser kenn' ich auch, da gibt's so 'nen ex-scheff....

      22.08.2012, 14:34 von schimmern
    • 0

      ja, und dann labern diese fritzen ein blech daher! co2-fußabdruck, ey, alta, du hast gleichn völlig schadstoffreien fußabdruck inner fresse, du ökoschleimscheißer!

      22.08.2012, 14:36 von lavish
    • 0

      dafür bin ich grade zu ungelenk, aber: ja.

      und den blöden rotwein ins gesicht kippen!

      22.08.2012, 14:39 von schimmern
    • 0

      und die nasenlöcher fein mit ziegenkäse ausstopfen. rosmarin hinzugeben, mit balsamicocreme und rucola garnieren. guten appetit!

      22.08.2012, 14:41 von lavish
    • 1

      toll, jetzt hab ich appetit.



      22.08.2012, 14:43 von schimmern
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  • 0

    Die Stelle mit den Ebenen ist sehr schön. Konjunktiv I Präsenz von nehmen ist aber 'er nehme', nicht? (Bender!)

    22.08.2012, 11:29 von quatzat
    • 0

      Konjunktiv II wird dann genommen, wenn die Aussage irreal ist. Bei dieser Geschichte ist durch die geforderten Voraussetzungen des Herrn Trekkingrad die Möglichkeit durchaus gegeben, dass er die Wohnung gar nicht nimmt. Daher keine Korrektur meinerseits. Aber ich gebe dir Recht: Hat er die mögliche Absicht, die Wohnung doch zu nehmen und es ist lediglich wörtliche Rede, so müsste es Konjunktiv I sein. Du Schlaufuchs!

      22.08.2012, 11:59 von Bender018
    • 0

      Ist das ein grammatikalisches Pardoxon?

      22.08.2012, 12:03 von quatzat
    • 0

      Ehrlich: Kein Plan.^^

      22.08.2012, 12:08 von Bender018
    • 0

      Habs mir nochmal durchgelesen und ich bin mir sicher, dass es indirekte Rede ist. Dann muss aber Konjunktiv II da stehen.

      22.08.2012, 12:12 von quatzat
    • 0

      Ah, Konjunktiv I, mein ich doch.

      22.08.2012, 12:12 von quatzat
    • 1

      hefte raus, klassenarbeit!

      22.08.2012, 14:14 von lavish
    • 0

      *schwänz*

      22.08.2012, 14:29 von quatzat
    • 0

      *nachschreiben müss'*

      22.08.2012, 14:34 von lavish
    • 0

      im lehrerzimmer.

      22.08.2012, 14:42 von lavish
    • 0

      *heul*

      22.08.2012, 14:44 von Bender018
    • 0

      *vorher gekifft hab*

      (so könnts was werden)

      22.08.2012, 14:53 von lavish
    • 0

      Immer wolln die Lehrerinnen mit mir im Lehrerzimmer nachschreibn.

      Kammer aber ne Menge lern'.

      22.08.2012, 15:09 von quatzat
    • 0

      Da kriech ich immer Kammerflimmern...

      22.08.2012, 15:12 von Bender018
    • 0

      glaub ich nich. nachm letztn mal ham die alle kapuzenpullis an und reden nicht mehr. die teilen den zettel aus und dann ist ruhe im karton.

      22.08.2012, 15:12 von lavish
    • 0

      Sind Kapuzenpullis schon wieder in Mode oder warste schon laaaaaang nicht mehr anner Schule? Hab ich schon wieder nen Trend verschlafen - MENNO!

      22.08.2012, 15:14 von Bender018
    • 0

      Öh, wovon redet ihr nu?

      22.08.2012, 15:14 von quatzat
    • 0

      na, in besonderen situationen - "quatzat muss nachschreiben" - ist denen alles lieb und teuer, womit sich mummenschanz betreiben lässt.
      klar, der denkt, die haben da bock drauf, wenn der da bei denen im lehrerzimmer hockt, der denkt, die freun sich da drauf, aber nix - die schlafen die nacht vorher dermaßen beschissen, dassie außer einsilbigkeit nix mehr hinkriegen. weil der so übergriffig ist, weil der immer das letzte wort hat, egal, was, hauptsache er, da könn die nach ner weile natürlich nich mehr so drauf. erst wars noch originell, jetzt isses terror.

      22.08.2012, 15:18 von lavish
    • 0

      Du meinst, du hast wirklich gekifft?

      22.08.2012, 15:24 von quatzat
    • 0

      habbich vergessen. aber die lehrerinnen, die ham nix vergessen. an deiner stelle wär ich auf der hut.

      22.08.2012, 15:28 von lavish
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  • 1

    Das is ja noch ne harmlose Besichtigung.

    22.08.2012, 10:40 von ThereSheGoes
    • 0

      die stelle, an der eine spezialeinheit durch fenster und türen die wohnung stürmt, spare ich mir auf.


      22.08.2012, 12:51 von schimmern
    • 0

      ich hatte vorletzten samstag besichtigungsmarathon mit 7 wohnungen. das war vielleicht ein horror und da wars ja auch so unfassbar heiß.

      22.08.2012, 13:22 von ThereSheGoes
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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