odradek 28.01.2007, 20:42 Uhr 17 7

Kürzlich sah ich einen Mann

Kürzlich sah ich einen Mann. Er saß bei strömendem Regen auf einer Brücke, eingehüllt in eine Decke, die völlig durchnässt war und nur seinen Kopf frei ließ. Ich sah sein Gesicht, so weiß wie das Papier auf dem ich schreibe, sah seine Augen, rot gerändert, die irgendeinen Punkt fixierten, sah den Becher zu seinen Füßen, sah die Münzen darin und lief an ihm vorbei, blieb stehen und drehte mich um, sah ihn noch einmal an und ging nach Hause.

Ich lief weiter, stellte mir vor, ich hätte ihn mitgenommen, hätte ihn unter die heiße Dusche gestellt, mich entschuldigt, dass ich keine Badewanne habe. Hätte ihm Griesbrei gekocht und ihn in mein Bett gesteckt, ihm die Daunendecke mit der weißen Bettwäsche wie einem kleinen Kind bis an das Kinn hochgezogen und ihn schlafen lassen. Schlafen in meinem warmen Zimmer. Hätte währenddessen seine Kleider gewaschen und meinen Mitbewohner um trockene Sachen gebeten. Wenn er dann aufgewacht wäre, hätte ich ihm gesagt, dass er bleiben könne, solange er will und dass er jederzeit vorbeikommen könne, wenn er nicht mehr weiterwisse. Das hätte ich getan, wenn ich Zeit gehabt hätte.

Kürzlich sah ich einen Mann auf einer Brücke, seither verfolgt er mich in meinen Gedanken.

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17 Antworten

Kommentare

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    @ kesatria

    „Gibt es denn keine Gefängnisse und keine Armenhäuser mehr?“ lautet seine zynische Antwort, als er um eine Spende gebeten wird. Er zahlt doch schließlich Steuern, mehr als ihm recht ist. Soll sich doch der Staat darum kümmern. << (aus einer Predigt, frei nach der Weihnachtsgeschichte von Dickens)

    Dieses Zitat fiel mir zu deinem Statement ein.

    30.01.2007, 15:57 von ssanni
    • 0

      @ssanni
      Was für eine Zuordnung... Ich beziehe mich auf den ersten Comment zu diesem Artikel.

      30.01.2007, 16:01 von ssanni
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    Echt guter Text und sehr eingehend.

    30.01.2007, 08:14 von Karl_Kolumna
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    Schön geschrieben, richtiger Inhalt - ergo wird er empfohlen.

    29.01.2007, 21:00 von Don-negro
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    gibt ja ordentlich kommentare. finde deine anderen texte, die ich gelesen habe vom stil her besser und bissiger. daher empfehl ich das mal nicht. von der thematik aber etwas, dass ich nachvollziehen kann. leider tut man nie etwas wirklich. und du regst, denke ich, mit dem text an, sich zumindest mal wieder gedanken zu machen über die eigene verantwortung. und das ist gut so.

    29.01.2007, 17:52 von PDK
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    Den Gedanken "ich sitze hier im Warmen und der Mann dort so schutzlos draußen" hat wohl schon fast jeder mal gehabt, der nicht ganz herzlos ist. Erstaunlich finde ich dann aber - auch in meinem Bekanntenkreis schon öfter real so geäußert - die Idee, einen Wildfremden zu sich einzuladen, den eigenen Wohlstand für eine Weile (wie lange eigentlich?) zu teilen usw. Und dies oft von kritischen Köpfen, die ansonsten z. B. jede Bürgerbefragung als Eingriff in die Persönlichkeitssphäre empfinden. Woher kommt dieses Schwanken von einem Extrem zum anderen? Weil man sich dann beruhigt sagen kann, dass "das ja nun doch wirklich nicht geht" und man seiner Wege ziehen kann, schließlich hat man sich ja echt Gedanken gemacht?

    Spätestens seit vor Jahren eine junge Uni-Dozentin hier in Düsseldorf von einem psychisch gestörten Obdachlosen, den sie bei sich aufgenommen hatte, umgebracht wurde, käme es mir im Leben nicht in den Sinn, jemanden von der Straße mit in meine Wohnung zu nehmen. Ein absoluter Einzelfall, Gott sei Dank. Aber lieber unterstütze ich die Düsseldorfer Tafel und die Johanniter per Dauerauftrag, das ist nicht ganz so romantisch, erfüllt aber sicher auch seinen Zweck.

    29.01.2007, 17:46 von Pamina
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      @Pamina
      @Pamina

      Recht haste.
      Allerdings würd ich sagen, man kommt eher auf die Idee, "Die Tafel" zu unterstützen, wenn man sich solche Gedanken wie im Text gemacht hat.

      31.01.2007, 14:08 von LudwigMartin
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    schade, dass hier gleich mit einem bissigen und zickigen schlagabtausch nach dem anderen innerhalb eines beschränkten personenkreises in die vollen gegangen wird, anstatt vernünftig auf's thema einzugehen...

    "Das hätte ich getan, wenn ich Zeit gehabt hätte" - so habe ich auch schon häufig gedacht, aber ganz ehrlich, zugleich denkt man doch auch: gott sei dank hatte ich keine zeit... denn eigentlich will man gar nicht jemandem sein sauberes bett anbieten... jedenfalls nicht von herzen. es ist eine momentaufnahme, ein momentgedanke, und der feste vorsatz, es "beim nächsten mal" anders zu machen. aber bald ist der moment vergessen und "beim nächsten mal" hat man dann doch wieder keine zeit. gott sei dank.
    odradek, versteh's bitte nicht als kritik an deiner person, das ist einfach das empfinden, das ich habe/hätte. und ich glaube, dass es ganz vielen anderen ebenso geht - wenn sie ehrlich zu sich selbst sind.

    im übrigen gibt's ein lob für den text - kein ellenlanger roman, der dazu verleitet, mittendrin aufzuhören, weil man vor langeweile einschläft, sondern schöne, prägnante worte für ein pikantes thema, auf das viel zu wenig eingegangen wird.
    dankeschön.

    29.01.2007, 17:26 von Bluelove
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