Kuck dich mal um und denk nochmal nach
Stell dir mal vor, du sitzt so im Bus. Voll gedrängt, kein Platz mehr frei. Doch. Da hinten. Zwischen 'ner Oma und so 'nem Typ. Die Oma mit Stock.
Mantel und Schal. Dick eingepackt. Der Typ mit Handy. Ein Blackberry. Du schielst so hin. Er tippt da was ein. Null Null Neun. Du kuckst ihn an. Siehst ein glatt rasiertes Gesicht. So mit Koteletten und richtig akkurater Kante. Um die Lippen auch fein gekürzt. Haare recht schwarz. Zur Seite gekämmt. 'n Rucksack von Wolfskin. An die Schulter gehängt. Jacke von Bench. Du kuckst ihn an. Er hört auf zu tippen. Sieht dich kurz an. Du kuckst schnell weg. Hält sein Handy ans Ohr. Du hörst ihm zu. Verstehst doch kein Wort. Nicht deine Sprache. Sicher arabisch. Oder aramäisch. Oder sowas. Jedenfalls ausländisch. Du kuckst ihn nochmal so an. Die geschniegelten Schuhe. Schwarz. Aus Leder. Im Bus Richtung Zentrum. Denkst an die Nachricht von vor 'ner Woche. Norwegen. Du kuckst wieder so. Auf den akkuraten Bart. Die Schuhe. Den Rucksack. Die Jacke. Während du so kuckst, denkst du so nach.
Was wenn es jetzt Peng macht.
Stell dir mal vor, du sitzt im Bus, voll gedrängt, kein Platz mehr frei. Doch. Da hinten. Zwischen 'ner Oma und so 'nem Typ. Der Typ mit Krücken. Mit Schal und mit Mütze. Dick eingepackt. Mit Tasche am Schoß und Brille auf. Ein leicht wirrer Bart. Ein wenig ungepflegt. Aber geht. Der Bart. Die Hose schon leicht abgewetzt. Schuhe, so Sneaker von Lidl oder Co. Voll ausgelatscht. Du kuckst ihn an. Den leicht wirren Bart. Nur aus dem Augenwinkel. Man soll ja nicht kucken. Du nimmst dein Handy, 'n altes Siemens, orangenes Display. Die Rücktaste hängt. Seit gestern. Du tippst die Nummer ein. Auswendig. Fängst an mit Null Null Neun Sechs Vier für zu Hause. Was irgendwie kein zu Hause mehr ist. Hältst dein Handy ans Ohr. Der Typ kuckt dich an. Du kuckst zurück. Er kuckt schnell wieder weg. Versteht sicher nur Bahnhof. Sorani kann nicht jeder. Deine Frau ist dran. Dein Sohn ruft im Hintergrund. Du kuckst auf die Uhr. Denkst dabei an ihn. Ein Geschenk aus dem Automaten. Bei dir um die Ecke. Lange her, dieser Besuch. Du hörst ihr zu. Häuser sind explodiert. Zwei Straßen weiter. Du weißt wer da wohnt. Oder wohnte. Du fehlst ihr. Der Typ neben dir sieht dich wieder so an. Du denkst an den Rucksack. An deine Schulter gehängt. Du kuckst den Typ neben dir an. Den leicht wirren Bart. Steigst aus.




Kommentare
Gut gelungene Geschichte. Gefällt mir gut. Die kurzen Sätze spiegeln die wenige Zeit wieder, in der wir andere Menschen über einen bestimmten Kamm scheren. Man muss manchmal eben länger und genauer hinsehen ;)
03.04.2011, 08:11 von kanelbulle88Gut geschriebener Text. Die Kürze der Sätze spiegelt genau die wenigen Sekunden wieder, in denen wir andere Menschen aufgrund ihres Aussehens über einen bestimmten Kamm scheren. Manchmal lohnt es sich länger und genauer hinzusehen ;)
03.04.2011, 08:08 von kanelbulle88Echt cooler Text!!! Bin ja eh schon immer froh, wenn mal en Text auf der Titelseite steht der nicht von der/dem Ex handelt, aber finde die Idee auch so echt "schön" und diesen Gedanken kennt sicherlich jeder und jeder versucht sich dennoch immer erfolglos dagegen zu wehren.
02.04.2011, 22:20 von CheckMaThisEs hat mit dem Text an sich ja nichts zu tun und ist somit nur ne Randbemerkung, ABER das mit dem "kucken" nervt echt unheimlich!!! (und nein, g bzw. k geht nicht beides!!!)
Finde den Text interessant. Frag mich allerdings, was denn nun bitte daran so schwer sein soll, auch mal kurze Satze zu lesen. Sie geben dem Ganzen eben einen etwas härteren Stil. Sowas müssen die zarten Äuglein von manchen Gedichtsfreunden eben mal aushalten können...
02.04.2011, 21:10 von PlatinfuchsIch glaub' nicht, dass es einen Extremisten beschreiben soll...
02.04.2011, 19:58 von GregoriaSamsaIch find's wirklich gut. Die kurzen Sätze sind wie kleine, zarte Ohrfeigen.
Ein Extremist?! weil er arabisch spricht ? ---- sehr enttäuschend....
02.04.2011, 17:14 von yAkA@yAkA ???
03.04.2011, 00:41 von yAkAMich irritieren zu sehr diese abgehackten Sätze. Da stolper ich so drüber, dass die Aussage nur halb und auch so zerstückelt bei mir ankommt.
02.04.2011, 11:44 von topfbluemchenNee,
02.04.2011, 08:38 von Matsumotoder Text gefällt mir überhaupt nicht, ist mir unsympathisch, dieses "Stell dir mal vor", die kurzen Sätze und überhaupt, sehe ich da zu sehr den gehobenen Zeigefinger. Wichtiges Thema, für mich aber sehr schlecht umgesetzt.
Ich seh hier irgendwie nich durch.
01.04.2011, 19:02 von fliegendesMaedchen(Bin ich jetzt dumm?)
@fliegendesMaedchen ja?
01.04.2011, 20:14 von la_lionne@la_lionne okay, ich gebs zu, das war nicht nett. ^^
01.04.2011, 20:15 von la_lionneaber was gibts denn hier nicht zu verstehen?
@la_lionne Den Blickwinkelwechsel? Und die Moral von der Geschicht? Und nein, das war nicht nett. Ich bin schlau. Ich steh nuir manchmal auf dem Schlauch. So wie jetzt.
01.04.2011, 22:08 von fliegendesMaedchenIch lese es morgen nochmal. Vielleicht ssehe ich durch, wenn ich ein bisschen geschlafen habe.
@fliegendesMaedchen Ich finde die Idee doch ganz pfiffig. Sichweise1: Jemand verdächtigt einen fremdartig aussehenden Typen ein Terrorist zu sein, Sichtweise2: Der vermeintliche Terrorist kommt aus einem Kriegsgebiet, ist ein Kriegs- bzw. Terroropfer, sein Haus existiert nicht mehr in seiner Heimat. Mit etwas Phantasie kann man sich die Geschichte weiter ausmalen.
04.04.2011, 10:13 von CyroDie Umsetzung spricht mich in der Tat nicht so sehr an, aber die Idee ist und bleibt doch gut und nachvollziehbar, ebenso wie die Moral von der Geschichte.