Kuchenbasar
An einem kühlen Sonntagnachmittag betraten Herr und Frau Jakosie ein neues Café ihres Städtchens.
An einem kühlen Sonntagnachmittag betraten Herr und Frau Jakosie ein neues Café ihres Städtchens, das seine Besucher zu selbst gebackenen Kuchenspezialitäten einlud. Als sie sich für einen der runden Tische entschieden hatten, half Herr Jakosie seiner Frau aus ihrem Tweetmantel. Frau Jakosie bedankte sich höflich, legte ihren Hut beiseite und platzierte sich so, dass sie einen ungestörten Blick auf die Kuchentheke genoss. Herr Jakosie setzte sich kurz darauf auf den zweiten Stuhl, so dass er die Tür im Blick hatte, versperrte Frau Jakosie aber auf diese Weise den Blick auf die Theke.
„Könntest du bitte noch ein Stück zur Seite rücken, Lieber?“, fragte Frau Jakosie und wiegte ihren Körper dabei von einer auf die andere Seite, um an ihrem Mann vorbei sehen zu können.
„Warum stehst du nicht auf und schaust dir die Kuchen von nahen an?“, antwortete Herr Jakosie und machte es sich auf seinem Stuhl bequemer.
„Aber du weißt doch“, flüsterte sie ihm zu, „ich möchte erst einmal sehen, welche Kuchen hier gerne gegessen werden, bevor ich mich für ein Stück entscheide.“
Herr Jakosie warf einen kurzen Blick auf die Theke und sagte: „Ich nehme den Stachelbeerkuchen.“
Frau Jakosie starrte ihn an. „Stachelbeerkuchen, Lieber? Du isst Stachelbeere?“
„Davon ist nur noch ein Stück da. Das muss der beste Kuchen sein, stimmt´s?“
„Da könntest du Recht haben“, sagte seine Frau ohne ihn anzusehen.
„Sieh dir den Himbeerkuchen an“, sagte ihr Mann, „das Blech ist noch fast voll.“
„Aber Himbeere ist sehr lecker.“
„Dann probier doch ein Stück davon.“
„Nein. Wenn die Leute den Himbeerkuchen hier nicht anrühren, kann er ja nicht schmecken. Ich werde woanders Himbeere nehmen, wo ich mir sicher sein kann.“
„Na gut“, erwiderte Herr Jakosie und rutschte noch ein Stück tiefer in seinen Stuhl, „ich jedenfalls nehme Stachelbeere.“
„Wie schade, dass es nur noch ein Stück davon gibt.“
In diesem Moment trat eine Kellnerin an den Tisch der Jakosies und nahm die Bestellung auf.
„Zwei Tassen Kaffee und ein Stück Stachelbeerkuchen, bitte. Und wofür entscheidest du dich nun, meine Liebe?“
Frau Jakosie spähte unentschlossen, mal nach links, mal nach rechts, an ihrem Mann vorbei auf die Theke und sagte schließlich: „Ich habe mich noch nicht entschlossen, bitte kommen Sie doch gleich noch einmal.“
„Sehr wohl“, antwortete die Kellnerin.
Frau Jakosie wollte schon aufstehen, um sich an der Theke umzusehen, als ihr Mann sagte: „Sie mal, dort kommt gerade Frau Weinberg zur Tür.“
Seine Frau beugte sich begierig nach vorne, um einen besseren Blick auf den Eingang des Cafés zu bekommen. „Du meine Güte!“, zischte sie und lehnte sich schnell wieder zurück. „Eine Sorte von Nachbarin, die ich mir kein zweites Mal wünsche.“ Und sie fügte prompt hinzu: „Sieh nicht hin!“
Herr Jakosie drehte sich seiner Frau zu und zuckte mit den Achseln. Frau Weinberg schritt, ohne das Paar zu bemerken, auf die Kuchentheke zu und bestellte. Frau Jakosie mied sie anzusehen und beäugte ihren Mann, der sich gerade im Café umsah. „Fast alle Plätze sind besetzt“, freute er sich. „Die Menschen gehen wieder gern nach draußen.“
„Bis auf Frau Weinberg“, fauchte Frau Jakosie, „siehst du, sie nimmt den Kuchen mit nach Hause.“
„Ich sehe gar nichts“, erwiderte Herr Jakosie. Doch seine Frau beachtete ihn nicht und fuhr hastig fort: „Sie versteckt zu Hause ihren Mann. Hast du ihn jemals gesehen? Und wo bleibt nur unser Kaffee?“
„Hast du dich denn schon für einen Kuchen entschieden?“, fragte Herr Jakosie ruhig, doch in diesem Moment kam die Kellnerin wieder an ihren Tisch und servierte den Kaffee.
„Es tut mir sehr leid“, sagte die Kellnerin, „leider wurde soeben das Stück Stachelbeerkuchen an der Theke verkauft. Ich kann Ihnen aber sagen, dass wir schon einen neuen Kuchen im Ofen haben, der in wenigen Minuten fertig ist.“
„Na das ist doch wunderbar, meine Liebe“, wandte sich Herr Jakosie an seine Frau, „da können wir auch gleich noch ein Stück für dich bestellen. Bitte zwei Stücken!“
„Siehst du“, sagte er fröhlich, „die beliebtesten Kuchen werden hier sogar nachgebacken.“
Schweigend nippte Frau Jakosie indes an ihrer Kaffeetasse und beobachtete Frau Weinberg, die mit einem Päckchen Kuchen aus der Tür trat und ihr soeben ein Stück vom unappetitlichsten Kuchen des Cafés beschert hatte.




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