myownsunshinestate 30.11.-0001, 00:00 Uhr 119 34

Krieg.

Jung, abgefuckt, kaputt und glücklich - wie sich die Jugend mit Krieg die Zeit vertreibt.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, fliegen zu können. Fort von hier. So viele wünschen sich, in einer Großstadt wie Berlin zu wohnen. Ich tausche gerne! Wer bietet mir für ein, zwei Wochen irgendein Kaff an, mit Kühen und Schafen und solcherlei? 

In Berlin herrscht Krieg.

Und damit meine ich nicht diese lärmende homogene Masse, die sich jeden Tag zwischen dem Bahnhof Zoologischer Garten und dem Kurfürstendamm rücksichtslos in jedes Geschäft drückt, an jeder Imbissbude halt macht, sich überall die Nasen platt drückt und gegenseitig begafft, stehend auf sich biegendem, stinkendem, dampfenden Asphalt.
Nein, ich meine einen Krieg, der viel lautloser, heimtückischer verläuft und von dem man erst erfährt, wenn man ihn schon verloren hat. Dann kommt der Racheakt. Rückschlag. Hart, härter, am härtesten. Zu spät.


Mir ist das nie so stark aufgefallen wie in den vergangenen Tagen und Wochen. Vielleicht liegt es daran, dass ich nunmehr nur noch als stiller Beobachter mehr oder weniger beteiligt oder unbeteiligt bin. Aber hier geht, wie man es sprichwörtlich wohl am besten auszudrücken vermag, ziemlich die Post ab.

Dabei fing alles so schön an. Wie im Märchen. Kindheitsfreunde, die jede Sekunde ihrer kostbaren Zeit zusammen verbracht haben, zusammen gelacht, zusammen geschrien, zusammen geweint. Irgendwie war die Welt noch in Ordnung. Und wenn man diese jungen Gestalten dann fragte, was ihnen in ihrem Leben am wichtigsten sei, dann war die Antwort immer: "Meine Familie und meine Freunde!". Freunde. Kennt ihr das noch? 

Was ist denn aus der heilen Welt aus den Kinderfilmen geworden, diesen Heidi-Märchen und Lauras Stern und der Biene Maja? Heute lässt sich jede Heidi nageln, Lauras Stern besteht aus Crack und Maja ist noch jedem ihrer Freunde in den Rücken gefallen.
Jeder gegen jeden. Jeder mit jedem.


Freundeskreise wechseln heutzutage wöchentlich, nein täglich. Es wird miteinander gelästert. Und mit Vorliebe auch übereinander. Und da niemand mehr auch nur einen Hauch von Anstand besitzt, wird alles verbreitet. Wie jemand, der eine Pusteblume in der Hand hält und die flauschigen Sporen im Wind verteilt, wandern Gerüchte und Tatsachen von einem Ohr zum nächsten. Damit niemand ausgelassen und ja nichts vergessen wird. Wie sollte man denn auch vergessen?

Es wird sich gegenseitig belogen und betrogen, so sehr, dass man da manchmal gar nicht mehr durchsteigt. Und das auch nicht will. Viel zu traurig ist es, dass die eine, die man heute noch getröstet hat, das Miststück von morgen ist, mit dem irgendeine arme Seele hintergangen wird und so weiter und so weiter... Ein Teufelskreis aus dem man nur schwer - und bisweilen überhaupt nicht - herauskommt.


Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem man gar nicht mehr weiß, wem man vertrauen kann, und bei wem man das besser lassen sollte. Der Schwester? Dem Freund? Der besten Freundin? Oh Herr, erlöse uns von diesem Leid, das Ganze ist nun wirklich nicht mehr auszuhalten. Ich fühle mich wie in einer dieser herrlich dramatischen Komödien, in der dem Protagonisten und seinem Umfeld die seltsamsten und unwahrscheinlichsten Dinge passieren. Unfassbar.

Vielleicht ist es dieses Konsumieren von Leben und Tod in einer Windeseile, wie von der Angst getrieben, irgendetwas zu verpassen, in seinem Leben auszulassen, jeder nimmt, was er kriegen kann. Der reinste Kick. Ein Spiel. Ein Machtspiel. Sind wir doch alle so gelangweilt vom Leben, unserer Existenz, dass wir neue Wege suchen, um aus unseren Grüppchen und Szenen auszubrechen. Irgendetwas zu erleben.


Nun, vielleicht wächst man irgendwann ja auch aus dieser Geschichte heraus. Oder darüber hinweg.
Fühle ich mich doch nun nicht mehr so direkt beteiligt und unfreiwillig hineingezogen wie noch vor einiger Zeit, in dieses gigantische hungrige Monster. Und das fühlt sich gut an.

Ihr solltet das auch mal probieren.
Liebe Freunde, liebe Berliner, liebe Menschen.

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119 Antworten

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    menschen? wo?

    11.01.2014, 18:28 von nuescht
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    Frittenbude <3

    05.12.2011, 22:26 von caseymango
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    kaputt und glücklich

    man, uns ist nichts wichtig außer

    die sonne, der mond, der ton in den wolken
    ...
    nette einleitung. steht aber irgendwie im kontrast zu dem text ausser man interpretiert den titel anders oder?


    02.12.2011, 18:04 von kolibri_mensch
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    ich wohne in einem kaff mit 250 leuten & du hast es oben geschrieben...ich will in berlin studieren, wären da nicht die utopischen nc-werte. insgesamt hast du recht !! sehr guter text !

    30.11.2011, 17:31 von NY-BLN
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    Aber noch was Berlin ist eine sehr große Stadt und dort gibt es diese Stimmung seit ca 10 Jahren. Vielleicht ist es ein Großstadtgefühl. Und vielleicht sammelst du einfach Themen. Themen die dir entgegen strömen.

    28.11.2011, 01:40 von AuroraTrullala
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    Kranke Menschen haben meist keine Aussage die einem anderen wichtig sein könnte.Sie sind krank. Das heißt es handelt sich alles um ihre persönlichen Belange um ihre Wunden um ihr wohl um ihre persönlichen Niederlagen. Ich habe ein Text zuvor gelesen, dass manchmal nur die Krankheit aus manchen Menschen spricht. So what.
    Ohren steiff halten.

    28.11.2011, 01:37 von AuroraTrullala
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    Willokommen in der Großstadt. Das kenne ich auch aus Köln. Ich wohne mittleweile in Bonn und es ist wesentlich ruhiger für mich geworden. Aber ich muß sagen, dass mich tatsächlich Menschen nicht loslassen, die so weit weg wohnen. Und die so grausig sind, so dass ich mich manchmal fühle wie du. Der Mensch, den ich gestern getröstet habe ist heute nicht mehr der gleiche. Das ist schade.
    Es ist schade, denn ich habe das Gefühl, dass meine Mitmenschen gekränkt sind, ohne dass ich irgednwas dazu tue. Irgendwas zerstört mir das Leben und ich melde bald einfach Demonstrationen an und gehe einfach auf die Strasse.
    Ich bin alt und keine Rebellin mehr, aber ich lasse mich nicht in meinen persönlichen belangen wie Freundschaft, Liiebe, Privatsphäre so betrügen.
    Und meine Gefühle kenne ich, meine Gedanken auch auch wenn mich jemand erkennt und mich wahrnimmt so wie ich bin, bleibt er doch ohne Butter auf dem Brot. Es ist nur Schade um das soziale Dasein um die Phantasie und um das Glück.

    28.11.2011, 01:34 von AuroraTrullala
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    Das ist in 'nem Kaff genau das gleiche Spiel...

    27.11.2011, 15:12 von independentdreamer
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      eben, hat mit berlin nichts zu tun. dafür sind in berlin andere dinge schlimmer..


      30.11.2011, 09:33 von Naraa
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