Krieg.
Jung, abgefuckt, kaputt und glücklich - wie sich die Jugend mit Krieg die Zeit vertreibt.
Manchmal stelle ich mir vor, wie es
wäre, fliegen zu können. Fort von hier. So viele wünschen sich, in einer
Großstadt wie Berlin zu wohnen. Ich tausche gerne! Wer bietet mir für
ein, zwei Wochen irgendein Kaff an, mit Kühen und Schafen und
solcherlei?
In Berlin herrscht Krieg.
Und damit
meine ich nicht diese lärmende homogene Masse, die sich jeden Tag
zwischen dem Bahnhof Zoologischer Garten und dem Kurfürstendamm
rücksichtslos in jedes Geschäft drückt, an jeder Imbissbude halt macht,
sich überall die Nasen platt drückt und gegenseitig begafft, stehend auf
sich biegendem, stinkendem, dampfenden Asphalt.
Nein, ich meine einen Krieg, der
viel lautloser, heimtückischer verläuft und von dem man erst erfährt,
wenn man ihn schon verloren hat. Dann kommt der Racheakt. Rückschlag.
Hart, härter, am härtesten. Zu spät.
Mir ist das nie so stark aufgefallen
wie in den vergangenen Tagen und Wochen. Vielleicht liegt es daran, dass
ich nunmehr nur noch als stiller Beobachter mehr oder weniger beteiligt
oder unbeteiligt bin. Aber hier geht, wie man es sprichwörtlich wohl am
besten auszudrücken vermag, ziemlich die Post ab.
Dabei fing alles so schön an. Wie im
Märchen. Kindheitsfreunde, die jede Sekunde ihrer kostbaren Zeit
zusammen verbracht haben, zusammen gelacht, zusammen geschrien, zusammen
geweint. Irgendwie war die Welt noch in Ordnung. Und wenn man diese
jungen Gestalten dann fragte, was ihnen in ihrem Leben am wichtigsten
sei, dann war die Antwort immer: "Meine Familie und meine Freunde!". Freunde. Kennt ihr das noch?
Was ist denn aus der heilen Welt aus
den Kinderfilmen geworden, diesen Heidi-Märchen und Lauras Stern und der
Biene Maja? Heute lässt sich jede Heidi nageln, Lauras Stern besteht
aus Crack und Maja ist noch jedem ihrer Freunde in den Rücken gefallen.
Jeder gegen jeden. Jeder mit jedem.
Freundeskreise wechseln heutzutage
wöchentlich, nein täglich. Es wird miteinander gelästert. Und mit
Vorliebe auch übereinander. Und da niemand mehr auch nur einen Hauch von
Anstand besitzt, wird alles verbreitet. Wie jemand, der eine
Pusteblume in der Hand hält und die flauschigen Sporen im Wind verteilt,
wandern Gerüchte und Tatsachen von einem Ohr zum nächsten. Damit
niemand ausgelassen und ja nichts vergessen wird. Wie sollte man denn
auch vergessen?
Es wird sich gegenseitig belogen und betrogen, so sehr,
dass man da manchmal gar nicht mehr durchsteigt. Und das auch nicht
will. Viel zu traurig ist es, dass die eine, die man heute noch
getröstet hat, das Miststück von morgen ist, mit dem irgendeine arme
Seele hintergangen wird und so weiter und so weiter... Ein Teufelskreis
aus dem man nur schwer - und bisweilen überhaupt nicht - herauskommt.
Irgendwann kommt dann der Punkt, an
dem man gar nicht mehr weiß, wem man vertrauen kann, und bei wem man das
besser lassen sollte. Der Schwester? Dem Freund? Der besten Freundin?
Oh Herr, erlöse uns von diesem Leid, das Ganze ist nun wirklich nicht
mehr auszuhalten. Ich fühle mich wie in einer dieser herrlich
dramatischen Komödien, in der dem Protagonisten und seinem Umfeld die
seltsamsten und unwahrscheinlichsten Dinge passieren. Unfassbar.
Vielleicht ist es dieses Konsumieren
von Leben und Tod in einer Windeseile, wie von der Angst getrieben,
irgendetwas zu verpassen, in seinem Leben auszulassen, jeder nimmt, was
er kriegen kann. Der reinste Kick. Ein Spiel. Ein Machtspiel. Sind wir
doch alle so gelangweilt vom Leben, unserer Existenz, dass wir neue Wege
suchen, um aus unseren Grüppchen und Szenen auszubrechen. Irgendetwas
zu erleben.
Nun, vielleicht wächst
man irgendwann ja auch aus dieser Geschichte heraus. Oder darüber
hinweg.
Fühle ich mich doch nun nicht mehr so direkt beteiligt und
unfreiwillig hineingezogen wie noch vor einiger Zeit, in dieses
gigantische hungrige Monster. Und das fühlt sich gut an.
Ihr solltet das
auch mal probieren.
Liebe Freunde, liebe Berliner, liebe Menschen.




Kommentare
Frittenbude <3
05.12.2011, 22:26 von caseymangokaputt und glücklich
02.12.2011, 18:04 von kolibri_menschman, uns ist nichts wichtig außer
die sonne, der mond, der ton in den wolken
...
nette einleitung. steht aber irgendwie im kontrast zu dem text ausser man interpretiert den titel anders oder?
ich wohne in einem kaff mit 250 leuten & du hast es oben geschrieben...ich will in berlin studieren, wären da nicht die utopischen nc-werte. insgesamt hast du recht !! sehr guter text !
30.11.2011, 17:31 von NY-BLNAber noch was Berlin ist eine sehr große Stadt und dort gibt es diese Stimmung seit ca 10 Jahren. Vielleicht ist es ein Großstadtgefühl. Und vielleicht sammelst du einfach Themen. Themen die dir entgegen strömen.
28.11.2011, 01:40 von AuroraTrullalaKranke Menschen haben meist keine Aussage die einem anderen wichtig sein könnte.Sie sind krank. Das heißt es handelt sich alles um ihre persönlichen Belange um ihre Wunden um ihr wohl um ihre persönlichen Niederlagen. Ich habe ein Text zuvor gelesen, dass manchmal nur die Krankheit aus manchen Menschen spricht. So what.
28.11.2011, 01:37 von AuroraTrullalaOhren steiff halten.
Willokommen in der Großstadt. Das kenne ich auch aus Köln. Ich wohne mittleweile in Bonn und es ist wesentlich ruhiger für mich geworden. Aber ich muß sagen, dass mich tatsächlich Menschen nicht loslassen, die so weit weg wohnen. Und die so grausig sind, so dass ich mich manchmal fühle wie du. Der Mensch, den ich gestern getröstet habe ist heute nicht mehr der gleiche. Das ist schade.
28.11.2011, 01:34 von AuroraTrullalaEs ist schade, denn ich habe das Gefühl, dass meine Mitmenschen gekränkt sind, ohne dass ich irgednwas dazu tue. Irgendwas zerstört mir das Leben und ich melde bald einfach Demonstrationen an und gehe einfach auf die Strasse.
Ich bin alt und keine Rebellin mehr, aber ich lasse mich nicht in meinen persönlichen belangen wie Freundschaft, Liiebe, Privatsphäre so betrügen.
Und meine Gefühle kenne ich, meine Gedanken auch auch wenn mich jemand erkennt und mich wahrnimmt so wie ich bin, bleibt er doch ohne Butter auf dem Brot. Es ist nur Schade um das soziale Dasein um die Phantasie und um das Glück.
Das ist in 'nem Kaff genau das gleiche Spiel...
27.11.2011, 15:12 von independentdreamereben, hat mit berlin nichts zu tun. dafür sind in berlin andere dinge schlimmer..
30.11.2011, 09:33 von Naraaach Oppa, früher war einfach alles besser...
27.11.2011, 10:40 von SurecampArgh verdammt. Gerade der letzte Abschnitt! Wie furchtbar wahr, wie furchtbar Recht du hast. Wie furchtbar gut geschrieben!
27.11.2011, 00:02 von K.L.A.R.wichtig ist, was bleibt.
26.11.2011, 23:57 von dieholla