Kreuzworträtsel Klaus
Ich sehe ihn, wenn ich morgens zur Arbeit gehe. Dann steht er da und wartet darauf, dass seine Zeit kommt.
Jeden Morgen steht der Mann mit der fleckigen Mütze, dem grauen Schnauzbart und den Trauerweidenhaaren im Torbogen von Haus Nummer Vierundreißig. In den Fingern seiner rechten Hand hängt eine rote Plastiktüte. Mit seiner linken Hand hält er das Haus fest. Oder das Haus stützt ihn. Das kann man im vorbeigehen nicht so gut erkennen. Pünktlich um zehn, wenn der Dönerladen im Haus Vierundreißig den Schlüssel zweimal dreht, verlässt er seinen Posten und geht in den frisch gewischten Raum, in dem es noch nicht nach Fett und alten Zwiebeln riecht. Noch ist die Luft zitronenfrisch und fühlt sich angenehm in der verklebten Lunge an. Er findet schnell seinen Tisch, setzt sich auf seinen Stuhl, schlägt eine Zeitung auf und bestellt ein Bier. Dann macht er sich die erste Zigarette aus der frischen Packung mit dem ersten Streichholz an und hüllt seinen Kopf in eine graue Wolke. Seit Monaten hat der Mann um zehn Uhr vormittags nichts anderes gemacht. Auch wenn es so wirkt, als wäre das einmal anders gewesen. Denn seine flachen Kanten am Kinn und seine wachen Augen erzählten von einer Zeit, in der es besser gewesen war.
Ich sehe ihn, wenn ich morgens zur Arbeit gehe. Dann steht er da und wartet darauf, dass seine Zeit kommt. Meist schon gegen halb neun. Der Torbogen, in dem er immer steht, scheint ideal zu sein, hab ich mir überlegt. Scheint die Sonne im Sommer um die Zeit schon steil von oben, wird es ihm im Schatten der Einfahrt nicht zu heiß unter seiner Mütze. Dann läuft kein Schweiß an den Ästen seiner Trauerweide hinunter, die er unter der Mütze trägt. Und dann muss er sich nicht auch noch für seinen Geruch schämen. Im Herbst und im Frühling bleibt er hier trocken. Es sei denn der Regen kommt von der Seite. Aber dafür kann er nun wirklich nichts. Und im Winter gibt das Haus ihm gerade so viel Wärme ab, dass er nicht frieren muss, bis es zehn ist. Aber das funktioniert nur, wenn er sich eng an die Wand schmiegt, hab ich überlegt. Und auch nur dann, wenn niemand die Haustür aufmacht. Dann zieht die Kälte nämlich mit Sicherheit auch bis unter seine Mütze.
Natürlich hab ich wochentags nicht die Zeit zu warten, bis die Schwingtür aus ihrem Schloss fällt. Aber an den Wochenenden, da hab ich es schon mal gesehen. An den Wochenenden läuft es genau so. Er steht unter seinem Torbogen und wartet. Dann geht er hinein, sobald es zehn schlägt. Man sieht ihn da sitzen durch das große Fenster. Immer mit einer grauen Wolke um den Kopf und einer Zeitung unter dem Kinn. Wenn wir samstags einkaufen gehen sehen wir ihn auf dem Hinweg an seinem Stammplatz qualmen. Und wenn wir mit vollen Händen und schnellen Schritten wieder kommen, sitzt er immer noch da. Er grüßt nicht. Er schaut uns nicht an und winkt auch nicht. Aber er gehört dazu, so wie die Laterne vor unserem Haus, die einfach immer da ist und da bleibt, wo man sie hingestellt hat. Sonntags, wenn wir auf dem Weg an die Spree sind, sitzt er dort und trinkt. Er beachtet uns nicht, aber wir schauen jedes mal, ob er heute wirklich wieder da sitzt und unterhalten uns auf der Heimfahrt darüber, was er wohl die ganze Zeit über gemacht hat. Obwohl wir es besser wissen. Obwohl wir es uns kurz vor unserer Haustür anschauen können. Er trinkt ein Bier aus einem großen Glas. Und macht das Kreuzworträtsel in seiner Zeitung. Das macht er immer. Und nie hab ich ihn etwas essen gesehen. Aber einmal hat ihn der Wirt laut „Klaus“ gerufen.
Manchmal empfängt er Besuch an seinem Tisch. Aber das kommt nicht oft vor. Ich schaue dann meist noch mal genauer hin im Vorbeigehen. Dann sieht die Szenerie ganz anders aus. Dann liegt die Zeitung in vier Ecken gefaltet neben seinen Händen, die im Dreieck liegen. Das Bier steht dicht neben der linken Hand. Das hat er sonst weiter weg stehen, weil das beim Lesen der Zeitung stört. In seinem Mundwinkel hängt eine Zigarette, die er mit schweren Zügen auslöscht. Und niemals hab ich gesehen, dass sich seine Lippen bewegt hätten. Immer redete nur der alte Mann. Es war nicht immer derselbe alte Mann, der da an seinem Tisch hockte. Aber es war immer ein alter Mann, der ihm gegenüber saß. Wenn ihm mal einer gegenüber saß. Meistens einer mit Mundwinkeln, an denen man keinen Apfel mehr hängen könnte. Und mit Falten im Gesicht, die an Risse in einer Straße nach einem großen Beben erinnerten. Und während der drei großen Schritte, die ein durchschnittlich großer Mann wie ich braucht, um an einer drei Meter langen Fensterscheibe vorbeizugehen, konnte ich kein Wort verstehen. Aber reden sehen hab ich ihn nie, das hätte ich mir gemerkt. Seine Lippen waren selten mehr als ein blasser Strich.
Einmal hatte der Dönerladen geschlossen. Überraschend. Ich glaube das war an einem Samstag. Das war auf keinem Zettel angekündigt und auch nicht am Abend vorher in die letzte Runde gerufen worden. Deshalb stand der Mann mit der Trauerweide unter der Mütze und dem grauen Schnauzer unter einer schmutzigen Platane und wunderte sich. Ich weiß das, weil ich gerade Brötchen holen ging für unser Frühstück am Wochenende. Da gibt es immer frische Eier und warme Brötchen, aber die muss man eben erst einmal kaufen gehen. Ich hab auf dem Hinweg überlegt, ob ich ihm etwas mitbringe, wenn ich zurückgehe. Ich ging davon aus, dass er da noch stehen würde. Ich brauche ja maximal zehn Minuten beim Bäcker. Doch als ich wieder kam sah ich ihn nicht. Und wunderte mich schon. Wahrscheinlich hatte ich einen ganz ähnlichen Gesichtsausdruck wie er, als er vorhin feststellte, dass sein Wohnzimmer heute nicht öffnen würde. Auch dann nicht, wenn er klingelte und klopfte. Ich wollte gerade meine halbherzige Suche aufgeben, da sah ich ihn im Vorbeigehen aus den Augenwinkeln im Torbogen stehen. Ganz weit hinten, in der Ecke bei den Klingelschildern stand er. Sein roter Beutel stach mir kurz ins Auge und seine Mütze warf einen ulkigen Schatten. Da wartete er in aller Ruhe. Ich wusste nicht worauf.
Am nächsten Tag war aber alles wieder an seinem Platz. Der Mann am Tisch, der Dönerspieß am Grill und ich auf meinem Weg zum Bäcker. Ich versuchte mir vorzustellen, was er wohl gestern stattdessen gemacht hatte. Verwandte besucht vielleicht, die ein gemütliches Wohnzimmer hatten, das ihn an den Dönerladen erinnerte. Oder er hatte einen Ersatztisch in einem anderen Dönerladen, zu dem er gehen konnte, wenn so etwas schlimmes passierte. Ich konnte mir auch vorstellen, dass er zu Hause an seinem Küchentisch die Kulisse nachstellen konnte. Die Tischdecken aus dem Dönerladen gab es im Modemarkt um die Ecke. Ein Bierglas hatte er vielleicht einmal vom Wirt geschenkt bekommen, als Dank für seine literweise Treue. Und Zigaretten dampften ja überall gleich, solang man noch einen letzten Funke hatte, mit dem man Feuer legen konnte. Ich überlegte, ob er vielleicht eine Frau hatte. Aber konnte mir wiederum nicht vorstellen, was die sonst ohne ihn den ganzen Tag machte. Vielleicht musste er auch auf den Friedhof um sie zu sehen. Oder er war einfach gern allein. Mir wollte nichts Schöneres einfallen, als das. Aber fragen wollte ich ihn auch nicht. Man weiß ja nie, was man als Antwort bekommt.
Vor ein paar Wochen dann haben sie den Dönerladen zugemacht. Sie haben Folien in die Fenster gehangen und einen großen Container vor der Tür mit alten Stühlen und Putz gefüllt. Ich dachte mir nichts dabei. Bis sie seinen Tisch vor die Tür stellten und in Stücke hauten. Der Tisch, an dem er immer gesessen hatte. Da fiel mir der Mann mit der Trauerweide auf dem Kopf wieder ein und ich fragte mich, ob er wohl eine neue Bleibe gefunden hatte. Doch weil ich mir auch das nicht vorstellen konnte, hab ich nicht weiter an ihn gedacht. Ich musste ja auch auf Arbeit, meine Bahn bekommen. Und als dann vor kurzem die feierliche Neueröffnung war und ein paar schlaffe Luftballons in der Berliner Luft wackelten, da saß er nicht im Fenster. Denn im Fenster stand jetzt ein anderer Tisch. Viel größer und schlecht für seinen Rücken, da war ich sicher. Der Dönerladen war jetzt eine Art Sportkneipe für Darts geworden. Männer mit dicken Armen und wenig Haaren zielten auf Plastik, die ihnen die Punkte ansagte. Der Mann mit der Trauerweide auf dem Kopf und dem Schnauzer saß ohne Mütze allein an einem Tisch ganz hinten bei den Toiletten. Auf seinem Tisch ein Bierglas und ein Kreuzworträtsel. So viel konnte ich im vorübergehen gerade erkennen, ohne stehen bleiben zu müssen. Um seinen Kopf wehte die graue Wolke. Irgendwie war ich heimlich froh ihn zu dort sehen. Und dass es ihm scheinbar gut ging. Ich ging hinauf in meine Küche und gab meiner Tochter einen langen Seufzer als Kuss. Alles war wieder an seinem Platz.




Kommentare
schöne begebenheit oder besser beobachtung. ich find die trauerweide aber auch nicht gerade dein bestes bild. die erdbebenfalten um so mehr ...
03.05.2009, 17:25 von sophietrauerleider schaffe ich es nur sehr selten zu neon,aber zum Glueck gibt es ein paar Konstanten.
31.03.2009, 12:28 von touchtheskyzu lesen, was dabei rauskommt wenn du dir Gedanken zu scheinbar nichtigen Dingen [obwohl du ja eigentlich gar keine Zeit hast unter der Woche!:)] machst, ist eine davon.
und das tu ich gerne.
sehr schön!
25.03.2009, 18:11 von herr_krawallischön gemacht!
18.03.2009, 19:07 von TyphoonIch dachte mir nichts dabei. Bis sie seinen Tisch vor die Tür stellten und in Stücke hauten. Der Tisch, an dem er immer gesessen hatte.
für mich die beste Stelle im Text. Weil es fast weh tut, wenn die den Tisch zerschlagen.
Schön erfrischend.
18.03.2009, 13:37 von Salatschnecke:-)
Gefällt mir, vielleicht ein ticken zu lang, aber sonst gut geschrieben.
Und Doktorchen: du bist raus, Mann, hör auf zu meckern und mach es besser. Lass deinen Frust nicht immer an allen anderen raus. *nerv*
@[Benutzer gelöscht] Danke Pimmelmann.
18.03.2009, 10:30 von hib