Orang 09.04.2006, 20:43 Uhr 9 0

Krebs und Kabale

Ein Dilemma und kein Ausweg.

Gestern hatte mein Mitbewohner Besuch aus der Schweiz. In der Schweiz gibt es mehr Hausbesetzer, Berufsautonome und alternative Menschen, als man denkt. Die Schweizer hatten alle lustige Namen wie „Bombe“, „Polter“ und „Mister“. Ich saß mit „Bombe“ in der Küche und rauchte Zigaretten. Bombe konnte nur noch auf einem Auge sehen, weil er bei einer Demo zuviel Tränengas abbekommen hatte. Bombe schaute sich meine Zigarettenschachtel lange an, besonders die Warnhinweise. Er drehte die Schachtel in seiner Hand immer wieder, nahm einen Zug von seiner Zigarette und kniff sein kaputtes Auge zu. Dann meinte er: „Es werden mehr Leute Krebs bekommen in Deutschland.“ Bombe aber meinte nicht die Feinstaubbelastung oder eine Verschwörungstheorie hinsichtlich genveränderter Lebensmittel. Er sagte: „Wenn man beim Rauchen immer wieder daran erinnert wird, dass Rauchen Krebs verursacht, bekommt man irgendwann auch Krebs. Unterbewusst funktioniert das so.“

Letzte Woche war Krebswoche bei der ARD; insgesamt liefen über 1.000 Beiträge zum Thema Krebs. Krebs ist ein heikles Thema, weil es die häufigste Todesursache in Deutschland ist und weil man mit dem Tod prinzipiell respektvoll umgehen sollte. Über Krebs schreibt man nicht salopp, man macht sich auch nicht darüber lustig. Bei „Menschen bei Maischberger“ war ein österreichischer Arzt für Naturheilkunde zu Gast. Der meinte, dass „die Persönlichkeit des Krebspatienten ganz entscheidenden Einfluss auf die Genesung hat.“ Laut Rüdiger Dahlke gibt es also doch die Krebspersönlichkeit. Er sagte, eine zu hohe Anpassung an die Widrigkeiten des Lebens sei ungesund für Körper und Seele.
In dem Buch „Der Alchimist“ von Paolo Coelho heißt es: Wenn Du etwas wirklich, wirklich willst, dann unterstützen dich alle Kräfte des Universums bei deinem Vorhaben. „Der Alchimist“ ist ein furchtbares Buch. Es geht um einen kleinen Schafshirten, der durch die Sahara wandert und einen Schatz sucht. Dabei lässt er sich ganz von seinem „inneren Gefühl“ leiten. „Der Alchimist“ ist das Opium der Esoteriker. Der Alchimist lullt, schmeichelt und spült seine Leser weich. Menschen, die den Alchimisten gelesen haben, sind auf einem ganz komischen Film. Der Alchimist ist eine Art Schnellkurs in Weisheit, eine Instant-Lebenserfahrung und seine Leser sind der festen Überzeugung, alles über das Leben zu wissen. Das Buch ist eine große Lüge. In Wahrheit funktioniert nämlich gar nichts, bloß weil man etwas will. In Wahrheit bekommt man trotzdem Krebs, auch wenn man ihn partout nicht haben will.

Eine Woche vor der Krebswoche war Nina Ruge zu Gast bei Beckmann. Nina Ruge hat ein neues Buch geschrieben, darin geht es um das Immunsystem. Nina Ruge meinte, das Immunsystem sei der Schlüssel zu ewiger Gesundheit. Außerdem zu Gast waren Karl Moik und André Rieu. Frau Ruge meinte – dabei blickte sie vor allem Karl Moik an – ein gesundes Immunsystem beginne beim Ausatmen. Bis auf Karl Moik setzten sich nun alle in den Lotussitz und atmeten schnaubend aus. Von allen Anwesenden war mir Karl Moik an diesem Abend am sympathischsten. Nina Ruge hatte bestimmt den Alchimisten gelesen und nie in ihrem Leben an einer Zigarette gezogen. Sie wird nie Krebs bekommen, mit allen möglichen unsinnigen Büchern viel Geld verdienen und in die Kamera grienen.

Unterbewusst hat mich das alles sehr aggressiv gemacht: Krebs, der Alchimist, die Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln und vor allem Nina Ruge. Ich soll: Motiviert sein (www.dubistdeutschland.de), Kinder bekommen (Frank Schirrmacher), viel arbeiten (mein Chef), nicht rauchen (Die Krebswoche, meine Mutter), ausatmen (Nina Ruge) und prophylaktisch eine Darmspiegelung bekommen (Susan Stahnke). Wenn ich mich zu sehr anpasse, werde eine Krebspersönlichkeit (Rüdiger Dahlke). Wenn ich mich zu sehr aufrege und wie in Frankreich Randale mache, bekomme ich hohen Blutdruck oder verliere mein Auge (Bombe). Und da wundert man sich, dass die Leute in Deutschland Krebs und keine Kinder bekommen, unmotiviert sind und sich alles gefallen lassen, anstatt zu demonstrieren. Dieses Land steckt fest.

9 Antworten

Kommentare

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    seit wann behaupten menschen, die den alchimisten gelesen haben, alles ueber das leben zu wissen?Seit wann lernt man das leben aus buechern kennen? coelho ist mein lieblingsautor und eine Bereicherung. mehr nicht. und weniger auch nicht.
    ansonsten geiler text
    gruss
    marion

    05.12.2006, 06:46 von ktty
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    Über Krebs lacht man nicht.
    Vor allem wenn man im eigenen Familienbereich Erfahrungen damit gemacht hat. Totzdem hat mich dieser Artikel zum schmunzeln gebracht.Ich finde er hat etwas tragik-komisches.
    Orang hat es einfach drauf.




    05.10.2006, 22:52 von Hooker
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    "In Wahrheit funktioniert nämlich gar nichts, bloß weil man etwas will. "

    Das heisst doch nicht, dass man nicht auch was bekommt was man es nicht will.
    ABER wenn man es will, bekommt man es.

    Ansonsten find ich deine Schriebse ganz gut :-)

    25.08.2006, 14:28 von Zuckerly
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    Der Text ist gut, wenn du nur nicht so auf den "Alchimisten schimpfen würdest...

    Was vor einiger Zeit dem Arzt und den Illustrierten vorbehalten war, ist jetzt zur Staatsangelegenheit geworden und natürlich Öffentlichkeitsarbeit. Nämlich deine Gesundheit, alle können dir Tipps geben, was deinem Wohl zuträglich sein soll.

    25.07.2006, 13:53 von bibliophile
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    Darum bin ich auch in den letzten Jahren aufgedunsen bis zum Gürtelanschlag. Überall hört man das die Gesellschaft dicker wird.... Trotzdem rauche ich weiter...

    13.04.2006, 11:33 von Fritten
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      @[Benutzer gelöscht] davon hätt ich auch gerne eine Ausgabe bitte. aber handsigniert! :)

      13.04.2006, 22:50 von Kaddinsky
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    hm...
    Was machst du konstruktives um die Welt zu einem Besserem zu veraendern?
    Mit deinem eher unkonstruktiven gelaber kommen wir nicht aus deiner feststeckender Situation raus. Sorry aber ich glaube der jenige der feststeckt bist Du mein Lieber. Mach mal einen Atemkurs. Du hast sowieso nicht zu verlieren. Und sehe was es Dir bringt. Gehe ins Krankenhaus und spreche mit Krebskranken die am Streben sind. Es ist wirklich schoen.

    11.04.2006, 13:17 von RishiKrishi
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    Ein Text, der mir gefällt. Nur den Schluss, die induktive Folgerung, dass dieses Land feststecken würde (immerhin ist Coelho wenigstens kein Deutscher), den hätte es für mich gar nicht gebraucht.
    Dennoch alles sehr nachvollziehbar für mich.

    Ach ja: Vor vielleicht einem Jahr wurde eine Studie veröffentlicht (ich hoffe, ich gebe ihr Ergebnis korrekt wieder), bei der die (Über)Lebenserwartung von zuversichtlichen und pessimistischen Endstadiums-Krebskranken verglichen wurde.
    Kein Unterschied.

    10.04.2006, 23:23 von veit
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    Den Artikel hätte ich gerne auf der ersten Seite gesehen. Mir fallen spontan dazu ein: trial and error; nicht abnicken & nicht abknicken (im Sinne von sich verbiegen lassen durch Mehrheitsmeinung); an irgend etwas muss man doch sterben dürfen ohne in die Statistik einzugehen, die den (noch) lebenden Rest der Bevölkerung plakativ plagt; trial and error; rote Ampeln im Internet; ich will nicht Deutschland sein, nicht dieses, das in seiner Verquastheit rumphilosophiert und letztendlich nichts gesagt hat; the show must go on; Wasser predigen und Wein trinken; dem Volke das, was es verdient. Und natürlich: trial and ...
    zz.

    10.04.2006, 20:16 von zzebra
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