JackBlack 30.01.2013, 00:02 Uhr 1 12

Kostspiel

Einmal hatte er sie durchs Schlafzimmer gejagt, frühmorgens, als sie beide nichts weiter trugen als ihre Unterhosen.

Um elf Uhr vormittags waren wir mit der Schmückerei  fertig.

Der Baum, natürlich eine echte Nordmanntanne, stand christlich da. Nicht ein kleines bisschen krumm war er. Onkel Theodor ließ ein paar der Harfen spielenden Plastikengel auf seinen fleischigen Handtellern ausrutschen. Es erheiterte ihn, dass keiner von ihnen wirklich fiel.
Maloo trug ihre allseits gefürchtete strenge Festtagsmiene. Unterhalb ihrer Wangenknochen sank die Haut leicht ein und es bildeten sich nervöse Knötchen, die ihre Grübchen verhärten ließen. Wie ein aufgescheuchtes Huhn rannte sie von Zimmer zu Zimmer, man sah sie nur rennen und fragte sich, woher sie die Zeit für etwas anderes nehmen wollte.

Auf dem Herd stand ein riesiger Kessel mit Wasser, sprudelnd schlugen Blasen darin an. Maloo hatte auf einem großen Holzbrett Kräuter gehackt. Acht sauber mit dem Messer gezogene Reihen Grünzeug lagen darauf, so fein zerkleinert, dass man das eine nicht mehr vom anderen unterscheiden konnte.
Was es denn gäbe, fragte Onkel Theodor. An jedem Heiligen Abend fragte er das, nicht einmal, nein, unzählige Male. Es machte Maloo ganz verrückt und genau deshalb tat er es. Maloos ganz und gar unzierliches Gesicht wurde darüber immer schmaler, ihre Lippen schimmerten bläulich und sie bekam immer größere Ähnlichkeit mit einem Federvieh. Wäre ihr ein Schnabel gewachsen, niemanden hätte es ernsthaft gewundert.

„Was gibt es denn, Maloo-Maloo?“, fragten auch wir Kinder. Es war unmöglich, sie nicht zu ärgern. Für uns war es ein Zeitvertreib, der gleichermaßen gegen Langeweile und gegen die wachsende Aufregung half. Zuerst ignorierte Maloo unser Fragen. Sie warf uns nur tadelnde, später böse Blicke zu. So konnte das den ganzen Nachmittag lang gehen. Bis es ihr zu bunt wurde.
„Einen Satz heiße Ohren!“, antwortete sie dann. Wir Kinder, immerhin waren wir zu dritt, versteckten uns in der Küche und beobachteten sie dabei, wie sie die Nerven verlor. Auf dem Herd dampfte und klapperte es mittlerweile fröhlich aus allen Töpfen, wir sahen Maloo Salz und Gewürze streuen, rühren und abschmecken und sich den Schweiß von der Stirn wischen. Sie hackte Zwiebeln und man konnte an dem Geräusch erkennen, wie zornig sie war. Sie stieß unartiges Gackern aus und sofern es die Wahl unserer Verstecke zuließ, tauchten wir dann einmal kurz auf und warfen uns vielsagende Blicke zu.
„Jesses, Jesses!“, schnaubte Maloo. „Herrgott im Himmel!“
Wenn sie sich am Ofen verbrannte, fluchte sie sogar. Für uns Kinder war das alles ganz normal, es gehörte zu Weihnachten dazu. Irgendwann wurden uns Maloos Schimpftiraden zu langweilig und wir scherten uns um Onkel Theodor, der Pfeife rauchend und Zeitung lesend in seinem Armsessel saß und vor lauter Müßiggang die Morgentoilette ausgelassen hatte. Ihn behelligten wir nicht. Es war seit jeher ein ungeschriebenes Gesetz, dass man über seine Scherze lachen, aber niemals welche auf seine Kosten machen durfte. Setzten wir ihm zu, genügte ein einziger mahnender Blick und wir ließen ihn in Ruhe.

Onkel Theodor erzählte die tollsten Geschichten. Er war viel in der Welt herumgekommen, so viel, dass wir ihn lange Zeit nur vom Namen her kannten. Irgendwann war er zurückgekehrt, des Reisens überdrüssig, wie er sagte, und zu müde für die Abenteuer der Welt „da draußen“.
Wann immer er von dieser Welt erzählte und Maloo zugegen war, zuckte sie zusammen. Sie sagte kein Wort, aber ihre Augen sprachen Bände. Sie erzählte nie. Vermutlich gab es da nichts, was das Teilen gelohnt hätte. Onkel Theodor meinte, Maloo sei ihm zugelaufen wie eine verwahrloste Töle. „Das magere Ding, und nun schaut euch an, wie fett sie geworden ist!“
Wenn wir Kinder sie dann in Augenschein nahmen, neugierig wie ein wenig verschämt, grunzte er zufrieden. Sein kostspieligstes Reisemitbringsel sei sie. Dann lachte er wie ein betrunkener Bauer.

Sie hingegen lachte nie. Nicht einmal lächeln tat sie. Ein einziges Mal sah ich sie weinen. Sie lief in den Garten bis zu den Apfelbäumen und ließ sich ins Gras fallen. Sie schluchzte und hämmerte mit den Fäusten auf den Boden. Ihre Bluse war aufgerissen und eine feiste Brust baumelte heraus. Schneeweißes Fleisch, bis auf ein paar wenige dunkle Flecken. Ich wusste, woher sie stammten. Onkel Theodor kniff sie überall hin. Einmal hatte er sie durchs Schlafzimmer gejagt, frühmorgens, als sie beide nichts weiter trugen als ihre Unterhosen. Maloo quiekte und der Onkel grunzte und quakte vor Vergnügen. Ich verstand ihn gut. Abends im Bett musste ich an die Szene denken. An ihren Hintern und die ausladenden Hüften. Die wackelnden Brüste, die an schwere Birnen erinnerten, die so groß waren, dass man sie einfach kneifen musste. Mit der Hand über der Scham schlief ich damals ein.

Onkel Theodor legte die Zeitung beiseite, stopfte seine Pfeife kalt und klopfte sich auf die nackten behaarten Schenkel. „Jungs“, sagte er in laxem Tonfall, „heute ist ein guter Tag zum Waschen und Herausputzen. Wer wäre ich, wenn ich das nicht wüsste.“
Pfeifend schlurfte er in Richtung Badezimmer. Wir sahen ihm nach. Seine viel zu große Unterhose hing ihm wie eine Windel von den faltigen Pobacken. Es waren Furzstippen darauf, ockerfarbene Inseln verschiedenster Größe. Wir sahen uns an und als der Onkel außer Hörweite war, fingen wir wie wild zu kichern an.

Maloo kochte und schimpfte und fluchte und kochte. Normalerweise strömte gegen Nachmittag ein betörender Duft durch die Räume, der uns das besondere Abendmahl kaum noch erwarten ließ, ganz gleich, ob wir hungrig waren oder nicht. Eines musste man Maloo lassen, kochen konnte sie wie keine zweite.
Wenn wir am Heiligen Abend alle zusammen um die große Tafel saßen, gewaschen und gescheitelt, piekfeine Bengel aus gutem Hause, machte uns selbst das Beten nichts aus. Die Danksagung sprach immer Maloo, während Onkel Theodor seine lange Nase zumeist in seinen gefalteten Händen verbarg und die Augen geschlossen hielt, ganz wie ein König, der am besten Ende des Tisches thronte und von dem alle eine wichtige wie andächtige Miene erwarteten. Es roch, bis die Deckel, Glocken  und Hauben gehoben wurden, immer ein bisschen zu sehr nach Onkels Haarwasser, mit dem er sich das meist unfrisierte Haar in grauen Bahnen aus dem Gesicht gekämmt hatte. Wir liebten den Moment, in dem das Amen gesprochen und alle Andacht vergessen war, weil der König das gute Besteck mit Fäusten griff und damit wie ein Seeräuberkapitän auf den Tisch schlug. Wir ließen alle Vernunft und Zurückhaltung fallen und fielen im Wettstreit über die Speisen her; ein Wunder, dass dabei niemand von uns verletzt wurde. Welche Köstlichkeit auch immer unter der großen, mittig platzierten Messingglocke vor unseren Augen, nicht aber vor unseren Nasen verborgen geblieben war, wir stürzten uns darauf, als gäbe es kein Morgen mehr.
Wir zerrissen Keulen und zerfledderten Brüste und stritten um das knusprigste Stück Haut. Nur Maloo rührte sich nicht, saß eisesstarr auf ihrem Stuhl und schickte sich an, ihre Missbilligung nicht in unchristliche Verachtung kippen zu lassen. Sie begann zu essen, wenn wir anderen längst das Rülpsen und die Finger nach noch mehr zu lecken angefangen hatten. Mit ihrem kleinen Kiefer und den vielen spitzen Zähnen kaute sie jeden Bissen unzählige Male und schluckte doch so schwer, als gingen ihr Knochen oder Gräten durch die Kehle. Den Onkel belustigte das. Er sprang manchmal unverhofft auf und kniff ihr in die Seite, in der Hoffnung, sie würde sich verschlucken und so noch mehr zu unserer Erheiterung beitragen.  Das Mahl uferte aus in Völlerei, in einen eifrigen Exzess lasterhaft gefeierter Gier, es war laut, es war heikel und es war herrlich.

Am Nachmittag jenes Weihnachtsabends jedoch dampfte und garte es zwar, aber nichts, kein Aroma verführte uns zur Vorfreude. Gegen drei Uhr begann es plötzlich heftig zu schneien. All der Schnee, auf den wir den ganzen Monat lang umsonst gewartet hatten, fiel nun binnen weniger Minuten. Da gab es für uns kein Halten mehr. In unseren Festtagshosen und –hemden stürzten wir grölend nach draußen und verpassten uns gegenseitig Abreibungen. Der Garten reichte  als Schlachtfeld bald nicht mehr aus und so trieben wir uns herum, bis es längst zu dämmern begonnen hatte und wir vor Nässe und Kälte schlotterten in unseren viel zu dünnen Kleidern.
Als Maloo uns sah, schüttelte sie nur den Kopf. In ihrer mit allen möglichen Säften bekleckerten Schürze watschelte sie wie eine Entenmama ins Bad, ließ uns wortlos ein heißes Bad ein und stellte einen Korb für unsere Wäsche bereit. Wir hüpften in das schaumige Nass und machten uns einen Mordsspaß daraus, uns mit Seifenflocken zu bewerfen und uns gegenseitig  in die kalten, ziemlich mageren Ärsche zu kneifen. „Hottentottenland!“, schrien wir ausgelassen, ein Wort, das der Onkel oft und gern benutzte. Er kannte die tollsten Wörter. Solche, die man am liebsten laut ausrief und sich dann ein bisschen schämte. Manchmal benutzte ich so ein Wort und fühlte mich bereits schlecht, bevor ich es aussprach. Ich musste an unsere Eltern denken, die vielleicht vom Himmel aus zusahen, was wir so trieben. Ich glaube, wenn sie Einfluss gehabt hätten, wären wir niemals bei Onkel Theodor gelandet. Das wären wir wohl auch nicht, bekäme der Onkel nicht eine ordentliche Stange Waisenrente für uns ausbezahlt. „Ihr seid mein ganzes Glück“, sagte er oft, „ihr und natürlich unsere Maloo.“ Ich denke, er meinte es auch so.

„Der Onkel ist beim Holz.“, sagte Maloo, als wir nach unserem Bade und mit exaktesten Scheiteln um einen leeren Sessel herumsaßen. Es schneite immer noch und der Ofen würde viele Scheite brauchen. Joachim, unser ältester Bruder, schlug vor,  die Zeit mit Wettfurzen zu verkürzen. Es ging nicht darum, wer am lautesten oder am längsten knattern konnte, sondern gekrönt wurde der stinkigste Furz. Uns war klar, dass Maloo uns für diese Unflätigkeit hassen würde, aber einen Unterschied machte das nicht. Nach einer Zeit stank das Wohnzimmer erbärmlich. Wenn Maloo Kohlsuppe gekocht hatte, roch es manchmal tagelang so.
„Riecht mal.“, sagte Joachim plötzlich. Er war aufgestanden und hielt die Nase hoch. Eugen und ich taten es ihm nach. Gerade noch waren wir der Pestilenz entkommen, da tat sich ein Reich nuanciertester Wohlgerüche auf. Apfelspalten dünsteten in der Sauce, vielleicht eine Hand voll Johannisbeeren, Rosinen dazu.  Der Braten war mit gutem Trester abgelöscht worden. Es duftete nach frischen Kartoffeln und Muskat, nach dunklen, vielleicht in Starkbier glasierten Zwiebeln und Maloos unübertroffenem Maronenkompott. Uns lief das Wasser im Mund zusammen. Eugen schnalzte mit den Zähnen. Mit einem Male waren wir so hungrig wie drei junge Bären nach dem Winterschlaf. Die Fürze waren vergessen. Fast.

Maloo brachte uns das Silberbesteck und drei Leinentücher, damit wir es polieren konnten. Auch das war ein festes Ritual unseres Weihnachtsfestes. Wir rieben die Zinken und Riffeln so blank es ging. Danach halfen wir Maloo beim Eindecken des Tisches. Sie hatte sich große Mühe bei der Dekoration gegeben. Tannenzweige waren kunstvoll mit Engelshaar umwoben und in geeigneten Mulden thronten rote Kugeln aus feinstem Porzellan. Die Servietten auf den Tellern waren wie Engel geformt und die Tellerränder zierten kleine Nester aus Blattgold. „Maloo-Maloo!“, riefen wir, diesmal ihr zu Ehren. Sie hatte die Schürze ausgezogen und trug darunter ein hübsches Kleid. Regelrecht zufrieden sah sie aus, als wir sie lobten, die gefallenen Wangen erhoben sich und glänzten in feierlicher Röte. Es war nun Zeit, aufzutragen. Onkel Theodor fuhrwerkelte  noch beim Holz und so halfen wir Maloo beim Bestellen der Tafel. Wir trugen die schweren, heißen und mit Messingglocken geschmückten Töpfe, Schalen und Tabletts auf die Tafel und wunderten uns, dass sie darunter nicht zusammenbrach. Bald stand alles am rechten Fleck und wartete nur darauf, zur großen Schlacht freigegeben zu werden. Maloo zündete die Kerzen an und wir Kinder nahmen Platz.
Es duftete so gut! Alles, was uns jetzt noch von der Glückseligkeit trennte, waren der Onkel und ein Gebet. Maloo hatte auf der von ihr angestammten Seite des Tisches Platz genommen und starrte auf ihren Teller. Dann auf ihre kulinarischen Kunstwerke, die unter den Hauben langsam erkalteten. Joachim lief zum Fenster, wischte den Beschlag fort und spähte hinaus. Nach einer Minute kam er zurück. „Soll ihn doch der Teufel holen!“, meinte er und grinste.
Eugen fäustelte sein Besteck.
„Ja, genau. Oder die Hottentotten.“ Wir liebten dieses Wort. „Hotten-totten, Hotten-totten, Hotten-totten!“  Im Takt unseres Schlachtgesangs ließen wir Messer und Gabeln auf den Tisch knallen. Hotten-totten, Hotten-totten, Hotten-tot.

Es war Maloo, die unserem Treiben abrupt Einhalt gebot, indem sie energisch mit der Faust auf den Tisch schlug. „Ruhe.“, sagte sie. „Benehmt euch, oder ihr geht ohne Abendessen ins Bett.“
Eigentlich hätten wir lediglich müde darüber lächeln wollen, aber der Onkel saß nicht an seinem Platz und das irritierte uns.  „Also gut“, lenkte Maloo ein, „wollen wir beten und danach essen. Euer Onkel weiß nicht, was er verpasst.“
Sie betete ein Vater Unser und danach ein schier nicht enden wollende Danksagung, die mit den Worten endete: „Drum segne, was du uns bescheret hast.“
 „Amen“, brüllten wir, kickten die Servietten zur Seite und machten uns über die Tafel her.

Eugen war es, der zuerst aufschrie, als der Onkel uns aus bösen, glasigen Augen anfunkelte. Feinste Korinthen ersetzen seine Pupillen und seine Wimpern waren aufgemalte Bratenglasur. Seine Nase ragte spitz vom Knochen und sonderte unter der braunen Kruste appetitliche Fettbäche ab. Sein Mund waren Apfelspalten, kandiert und in den Winkeln bespickt mit hitzeprallen Johannisbeeren. Seine Zunge hatte Maloo gespalten und zu knusprigen Löckchen gezwirbelt. Gott allein weiß, wie sie das zustande bringen konnte. Ohne Haar und Hinterkopf wirkte der Onkel beinahe würdelos. Seine  blasierte Stirn kam auf einem Gemüseallerlei, Rotkohl und einem guten Pfund Maronenkompott zu liegen.
Er duftete nach würzigem Holz und alles in allem hatte er sich verdammt gut herausgeputzt.

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Kommentare

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    Was hat der alte Pirat Jack Black nur für eine rachsüchtige Phantasie.

    Nicht mal unter'm Weihnachtsbaum (Nordmanntanne!) findet die Ruhe!

    Schmerzt das Holzbein?

    Kann der Herr keine heimelige Weihnachtsgeschichte schreiben mit traulicher Kaltmamsell, rosigen Apfelbäckchen, zimtenem Bratapfelduft und Anisplätzchengeschmack auf Kinderzungen, die einen alten Viktorianer wie mich erbauen könnte?

    Ohne joviale Onkel, die für's Zwicken und Zwacken, Pupsflecken u.v.m. guillotiniert werden von undankbaren Subalternen?

    "Scherten"?

    Nicht "scharten"?

    31.01.2013, 04:13 von Winterwanderer
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