Timm_Klotzek 19.01.2007, 12:13 Uhr 0 1

Kölle Allah

Nur keine Witze über den Islam – so lautet der verdruckste Konsens von Karneval und Kabarett. Das hat ernste Folgen: Die Angst vor dem Islam wächst.

Natürlich ist es nicht lustig, was in der Faschingszeit im Fernsehen läuft und was da in Büttenreden gereimt werden wird: Witze über Angela Merkels Mundwinkel, Witze über Kurt Becks Backenbart, Witze über den hohohohlköpfigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Die da oben in Berlin, wir hier unten mit 19 Prozent Mehrwertsteuer an der Backe, das Ganze garniert mit ein paar Sprüchen über Claudia Roths Schalgeschmack – fertig ist der Karnevalsspaß. So weit, so egal. Komisch ist hingegen schon, worüber keine Scherze gemacht werden in diesen Tagen und auch nicht in absehbarer Zeit: über den Islam oder wenigstens den Islamismus, über den durchgeknallten iranischen Ministerpräsidenten Ahmadinedschad und seine kürzlich abgehaltene Holocaust-Konferenz oder die scheinheilige Empörung nach dem Regensburger Papst-Zitat. All das eine Spätfolge des Karikaturenstreits, der vor mehr als einem Jahr weltweit wütende Moslems auf die Straße trieb, und wo es aufgrund von ein paar Zeichnungen, die in Dänemark gedruckt wurden, zu blutigen Protesten mit über 20 Toten kam. Tief verunsichert beschloss damals der deutsche Karneval, auf veralbernde oder kritische Darstellungen von Moslems oder sogenannten Gotteskriegern zu verzichten. Und seine verknöcherte Schwester, das deutsche Kabarett, schloss sich dankbar dieser Haltung an. Selbst Harald Schmidt, der sich mit seinen Polen-, Frauen- und Vorgesetztenwitzen einen gnadenlosen Ruf erlästert hat, gab vor wenigen Wochen in einem »Zeit«-Interview freimütig zu, Späße über den Islam weiterhin zu vermeiden. Seine durchaus verständliche
Begründung für das selbstverordnete Schweigen: »Mein Bekanntheitsgrad liegt bei 95 Prozent. Es geht nicht um Diskussionen mit Islamwissenschaftlern in der Evangelischen Akademie Tutzing, ich rede von Einkaufsstraßen mit einem hohen Prozentanteil an Menschen, die sich dieser Religion nahe fühlen und nicht so genau hinhören. (…) Ich habe keine Kontrolle darüber, was andere da raus machen. Beiträge werden verkürzt, es wird nur ein bisschen zitiert, (…) dazu die Vervielfältigung im Internet. Nein, es ist nicht zu steuern.« Harald Schmidt hält lieber die Klappe, denn Harald Schmidt hat Angst. Harald Schmidt!


Selbst Harald Schmidt hält lieber mal die Klappe. Ihm wäre sonst unwohl in der Fußgängerzone


Der Autor Henryk M. Broder hat diese Geisteshaltung in einem langen Essay beschrieben, »Hurra, wir kapitulieren! Von der Lust am Einknicken «. Broder beschwert sich leidenschaftlich über die Mentalität, sich islamischem Extremismus gegenüber moderat zu verhalten, sogar präventiv. Nachzugeben, zurückzuweichen, Opern abzusetzen, die vielleicht Ärger machen könnten. Broder fragt sich, warum sich die deutsche Gesellschaft gewaltbereiten Islamisten gegenüber nachsichtiger verhält als gegenüber gewalttätigen Fußballfans. Er verspottet diejenigen, die angesichts von religiös motiviertem Terrorismus der Meinung sind, man dürfe die Täter und ihre Sympathisanten nicht mit westlichem Stolz oder demokratischen Grundwerten provozieren. Diejenigen, die finden, man dürfe ihre religiösen Gefühle nicht noch weiter beleidigen, sie auch nicht zwingen, sich in westliche Kulturen zu integrieren. Kurzum: Broder ist schwer dafür, dem Araber mal zu zeigen, wo der Hammer hängt.
Was immer man davon halten soll: Unbestreitbar ist, dass kaum merklich der Mut zur freien Meinungsäußerung verloren ging – und daran trägt das selbstauferlegte Schweigegelübde des deutschen Humors einen gewichtigen Anteil. Richard Wagner, Präsident des Mainzer Carneval-Vereins formuliert es gegenüber NEON so: »Sicherheit ist in diesem Fall mehr wert als die
absolute Redefreiheit.« Während dem so ist und sich Kabarett und Karneval stattdessen damit begnügen, mit selbstgefälligem Empörungskonsens über die Hartz IV-Härte oder wenigstens die Brille von Ronald Pofalla zu schwadronieren, wächst in Deutschland die Angst vor dem Islam, und sei er noch so friedfertig. Zwei Drittel der Deutschen sind laut einer Allensbach-Umfrage vom vergangenen Sommer der Ansicht, dass ein friedliches Zusammenleben mit der islamischen Welt in Zukunft nicht mehr möglich sein wird. 58 Prozent befürchteten, dass es auch verstärkt in Deutschland zu Spannungen mit der muslimischen Bevölkerung kommen wird. Da waren die Kofferbomben in Köln noch gar nicht abgestellt. 56 Prozent der Befragten waren der Überzeugung, dass es einen Kampf der Kulturen zwischen Christentum und Islam gibt. Nur 22 Prozent waren der Meinung, das könne man nicht sagen. Zwei Jahre zuvor sprachen nur 46 Prozent vom »Kampf der Kulturen«, und 34 Prozent verneinten ihn.
Egal ob man Broder folgend die gegenwärtige Haltung für nutzloses Appeasement hält oder ob man vom Gegenteil überzeugt ist: Es gäbe viel zu reden jenseits von neujahrsansprachlichem Blabla. Dass angesichts eines solch gewaltigen Themas in den Bütten und auf den Bühnen des angeblich doch gesellschaftspolitisch relevanten Kabaretts nur die uralten offenen Drehtüren eingerannt werden – das ist der eigentliche Witz. Und leider auch der einzige.

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