kryptonite 23.12.2009, 19:18 Uhr 2 0

Kleinstadtsonate

Das Zurückkommen ist gar nicht so schlimm. Dableiben wäre schlimmer. Das ist allerdings das, was beim Zurückkommen immer ins Gesicht schlägt.

Wenn sie beim Kaffee sitzen und ihr Hochdeutsch klare Zäune um sie zieht, sprechen sie von den Zurückgebliebenen.
Denen mit Kind und Kegel und Maurerausbildung, und denen, denen man die Plakette "Aber er/sie war so schmuck und klug und ich dachte er/sie würde etwas aus sich machen" um den Hals hängen kann.
Diejenigen, die das Gespräch mit "ach sag bloß! Ein Kind, die zwei? Niemals!" füllen. Diejenigen, die direkt dem Komasaufen auf dem flachen Land ent- und dem tragischen Alkoholismus zugelaufen sind. Diejenigen, die mit vier Jahren jüngeren Gesichtern in verschwommen "ach damals war das alles anders" Erinnerungen spucken und sich ums Verrecken nicht mehr auf ihre aktuellen Lebensentläufe legen lassen wollen.
Diejenigen, die für den Rest des eigenen Lebens Statisten sind in all den peinlich akzentuierten, hochsprachlich geführten Gesprächen, die sie ans Licht zerren, gegen eben dieses halten und nach abgeschlossener Prüfung mit Befriedigung feststellen lassen, dass es eben "nicht geschafft" wurde.

Was eigentlich nicht geschafft?
Wenn man sie wieder trifft, die Geister aus der Kleinstadtvergangenheit, die damals vollkommen ausreichend waren, um sich mit ihnen abzugeben, halten sie dir das unscharfe Bild des eigenen Selbst von vor vier Jahren vor Augen.
Und sie sagen selbst Dinge wie "warst ja früher ganz anders, Studium, du, Wahnsinn, hätten gedacht, du stirbst eher an einer Überdosis..."

Sie müssen herhalten für ein verlorenes Heimatgefühl, für das aktuelle Zwitterdasein zwischen noch nicht ganz erwachsen und der Hoffnung, der Kleinstadt entwachsen zu sein. Sie sind fleischgewordene Projektionsfläche für all den Hass und die Frustration, welche man Tag für Tag in kleinen Gemeinden zur Schule schleppte.
Sie sind die, die immer schon an ihren Platz passten und einen selbst mit schlafwandlerischer Sicherheit auf die Ecken aufmerksam machten, die es unmöglich gestalteten, sich ins Bild einzufügen und im Hintergrund zu verschwinden.
Sie sind die, die sagen "schau nur her, es geht. Es geht, man kann hier leben, sich eine Existenz aufbauen und mit Dingen glücklich sein, die du noch nie verstanden hast".

Jedes Mal, wenn man sie sieht, will die Verwunderung nicht weichen. Das arrogante von-Oben-Herab-Gesehe, das gezierte "weil ich studiere, erweitere ich meinen geistigen Horizont, nachvollziehbar, dass diese Horizontlosen mich ablehnen".
Man reibt sich die Augen - die bekanntlich schon die halbe Welt gesehen, Plätze von denen ihr nicht mal träumt auf euren Kleinstadtsportplätzen, jaha! - und bekommt in Teufels Namen nicht die simple Transferleistung zwischen Kleinstadt und zufriedener Existenz auf die Reihe.

Wie reden sie eigentlich, die Dagebliebenen, mit denen man nicht mehr redet, sondern über deren Leben man urteilt?
Wie ist deren Blick auf die Weggeher, auf die, die etwas suchen, das sie wahrscheinlich auch an allen Enden der Welt nicht finden werden?
Ist eigentlich die aberwitzige Winzigkeit dieser "jeder kennt jeden und Frau Müller meint, deine Absätze wären zu hoch" Kleinstadt das Problem, oder die eigene Erwartung, irgendwo werde sich die weite Welt auftun, und man selbst - ganz kleinstadterfahrener Kosmopolit - werde sich in ihren Schoß legen und friedlich - angesichts weiter Horizonte und Toleranzgrenzen von hier bis Timbuktu - häuslich einrichten, in einem adäquaten Lebensentwurf?

Ist es die Beschränktheit der Kleinstadt, oder die des eigenen Kopfes, die immer nur in schwarz-weiß Rastern urteilen lässt und alles zusammenkocht auf das eindimensionale "Gott sei dank wohn ich hier nicht mehr"?

Sind vielleicht nicht sogar die Zurückgebliebenen freier, weil sie sich befreien können in beengten Verhältnissen und keine Zeit darauf verschwenden, vor eben diesen wegzulaufen?

Und lächeln sie vielleicht deshalb so nachsichtig, wenn man - ganz ausser Atem und sprießenden Magengeschwüren - angstvoll weiterrennt?

2 Antworten

Kommentare

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    Den Text muss ich noch mal lesen, irgendwie hat er was - aber meine Dorfoma ist gerade in der Großstadt auf mich losgelassen worden und ich muss mir noch Melanies ('Melanie, die kennst du doch!' - 'Nee.' - 'Doch! Mit der hast du mal gespielt!' - 'Ich kann mich nicht erinnern' - 'Doch, die ist die Schwester von Miriam!' - 'Kenn ich auch nicht.' usw.) Hochzeitsfotos anschauen.

    23.12.2009, 22:33 von mezzanine
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    "Ist es die Beschränktheit der Kleinstadt, oder die des eigenen Kopfes"

    Eindeutig letzteres!

    "Das Glück ist immer anderswo", heißt es.
    Wer nicht in der Lage ist, das Glück in sich selbst zu finden, wird ihm weltweit vergeblich hinterherrennen. Und es auch auf keiner Uni dieser Welt finden.

    23.12.2009, 20:42 von Songline
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