masse_und_nacht 18.08.2010, 17:00 Uhr 13 6

Kirche ist ja schon um halb neun

Es sterben immer Leute und manchmal muss man einen Rest Saft in den Abguss schütten, weil eine Fliege darin ertrunken ist

Auf dem Tisch steht ein Wasserglas, das mal ein Senfglas war. Drunter die karierte Tischdecke und draußen ist es dunkel. Man hört die Kirchturmglocke schlagen, elfmal bam-bam. Das hört man hier jede Stunde. Man hört es eigentlich nicht mehr. Man hört nur noch hin, wenn es zwischen den vollen Stunden läutet, dann ist nämlich jemand gestorben. Dann läutet es zehn Minuten. "Hast du das vorhin läuten gehört?", fragen die Nachbarn über den Zaun.

Aber jetzt ist keiner gestorben, jetzt ist es einfach nur elf Uhr. Draußen ist es dunkel. Als die Glockenschläge verhallt sind, kommen wieder die Stimmen aus dem Nachbargarten durch das offene Fenster. Im Wasserglas auf dem karierten Tischtuch ist noch ein Rest orangefarbener Saft. Grade noch genug, dass die Fliege darin ertrinken kann, die vor fünf Minuten noch um das Glas summte. Jetzt summt sie im Glas, sie schlägt kleine Wellen in den Rest Saft. Das Summen vermischt sich mit den Stimmen. Es ist kurz nach elf. Es ist Samstag. Den Saft trinkt niemand mehr aus. Das Tischtuch ist rotkariert und das Licht im Raum schummrig von der niedrig hängenden Birne ohne Lampenschirm.

Erhard geht es soweit gut. Er bewegt die Zehen in den grauen Pantoffeln. Er knetet den Stoff seiner Hose unter dem Tisch. Sein Knie zuckt im Takt seiner Herzschläge oder auch ein bisschen schneller. "Soweit gut", wiederholt er. Ihm gehts soweit gut. Dabei guckt er auf das Wasserglas, das mal ein Senfglas war. Er sieht das rotkarierte Tischtuch durch das Glas, die Karos sind verzerrt. Die Fliege fällt ihm nicht auf. Sein Knie zuckt.

Er hebt die Schultern. "Muss ja", sagt er. "Muss ja weitergehen." Das muss es. Die Welt dreht sich weiter, eine Fliege ertrinkt in orangefarbenen Saft, später wird sie in den Abguss geschüttet. Aber die Welt dreht sich weiter, denn das muss sie ja. Sie dreht sich und das Leben geht weiter und unter dem Tisch sammelt sich der Staub.

Aus dem Garten kommen Stimmen, man hört sie durch das offene Fenster. Manchmal ist es leichter den Stimmen zu lauschen, als selbst etwas zu sagen. Erhards Pantoffeln klopfen leise im Takt seiner Herzschläge auf den Teppich unter dem Tisch. Ihm ist nicht nach Reden zumute. Was will man auch sagen? Die Kirchturmglocke schlägt jede Stunde und manchmal schlägt sie dazwischen und dann ist jemand gestorben. Das ist so, da macht man nichts dran. Manche möchten darüber reden und andere können es nicht und Erhard mag es, die Tischdecke durch das Wasserglas zu betrachten und auf die Stimmen aus dem Nachbarsgarten zu hören und nichts sagen zu müssen.
Man kann nicht immer sagen wie es einem geht. Erhard kann das nicht. Man hat ihn oft gefragt, in der letzten Zeit. Irgendwann hat er angefangen "Soweit gut" zu antworten. Er hat gelernt, wenn in seiner Antwort "gut" vorkommt, fragen die Leute nicht mehr viel weiter. Sie klopfen ihm nur auf die Schulter, das soll aufmunternd oder ermutigend sein, oder sie fragen irritiert "Wirklich?", weil sie ihm nicht glauben oder weil sie glauben, dass es ihm nicht "soweit gut" gehen sollte.

Das Leben geht aber weiter und irgendwann läutet die Glocke wieder zwischen der vollen Stunde und dann - Erhard weiß das - fragt man jemand anderes wie es ihm geht und klopft eine andere Schulter.
Die Zeit stillt alle Fragen. Man nennt das dann Alltag. Alles wird Alltag.

Der Stuhl ihm gegenüber knarzt, Erhard ist kein guter Gesprächspartner. Das weiß er auch, aber was will man machen. Manchmal will man reden und manchmal kann man nicht. "Ist ja schon elf", sagt sein Besuch, den Saft mag er nicht mehr trinken. Die Fliege hat aufgehört zu summen, Erhard bemerkt sie erst jetzt. Er fragt: "Willst du ein neues Glas?" Der Besuch will nicht, es ist ja schon elf, eben hat es geläutet, morgen will man auch nicht so spät raus, Kirche ist ja schon um halb neun, neuerdings, da will man nicht so spät? Erhard nickt, er ist insgeheim froh, vielleicht merkt man ihm die Erleichterung an. Zum Abschluss ein Schulterklopfen und die Frage "Bis Dienstag?". Dienstag ist Gesangsstunde. In die geht Erhard seit fünfzehn Jahren. Neuneinhalb Jahre jeden Mittwoch, seit fünfeinhalb Jahren jeden Dienstag. Zwischen den Jahren nicht, und auch nicht, wenn der Dirigent krank oder im Urlaub ist.

Fünfzehn Jahre war das so, aber seit acht Wochen ist Erhard nicht mehr in der Gesangsstunde gewesen. "Aber jetzt kannst du doch wieder kommen", hat sein Besuch gesagt. Er soll sich nicht so isolieren, das Leben geht ja weiter und man braucht ihn im Tenor und Erhard nickt dazu. Er sagt "Bis Dienstag!" zum Abschied und bemerkt das Schulterklopfen kaum noch. Immer das Schulterklopfen. Die Erde dreht sich weiter, es sterben immer Leute und manchmal muss man einen Rest Saft in den Abguss schütten, weil eine Fliege darin ertrunken ist.
Das kommt vor.

Erhard macht die Tür zu, schließt ab. In der Küche schüttet er den Saft weg, das Glas spült er nicht ab. Dann geht er ins Bett. Die Stimmen aus dem Nachbarsgarten hört man durch das geschlossene Fenster kaum noch.
Am Dienstag um halb acht singt er im Tenor.

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13 Antworten

Kommentare

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    wahnsinnig gut. ernsthaft. ich liebe es fast schon. nur ohne das ´fast schon´.
    du schaffst es einfach.

    23.08.2010, 00:02 von musik.imkopf.
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Ich mags, erinnert mich an eine Mischung aus Todesfuge und Erich Kästner in irgendwie anders. Die Tragik der Situation in nüchterner Beschreibung des Alltages, bzw reiner Beobachtungen zu zeigen ist, finde ich, sehr gut gelungen.

    22.08.2010, 15:09 von Lirael
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    Man hört die Kirchturmglocke schlagen, elfmal bam-bam. Das hört man hier jede Stunde.

    Wieso schlägt die Kirchturmglocke jede Stunde elfmal??
    Nicht mal dabei scheint es Abwechslung zu geben. Es kommt auch kein Mitgefühl auf, mit Erhard, der ja augenscheinlich vor einigen Wochen seine Frau verloren hat. Das einzige, was ich bei dieser Geschichte empfinde, ist gepflegte Langeweile.

    22.08.2010, 11:50 von sillyjoe
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    Mir gings auch so, dass ich zu Beginn dachte: Ok, jetzt weiß ich langsam, dass die Decke kariert ist. Doch der Text wächst durch die Wiederholungen und ich finde, du hast es sehr bildlich beschrieben, denn ich konnte mir genau vorstellen, wie Erhard in seiner Küche sitzt.
    Und das Schulterklopfen, ja, so ist das, vor allem auf dem Dorf.
    Ich mag den Text.

    19.08.2010, 22:34 von Knusperkeks44
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    Habe auch mal einen Artikel über den Umgang mit dem Tod geschrieben, der von Wiederholungen lebte- ist teilweise auf wenig Gegenliebe gestoßen.
    Ich finde, dass deine Wiederholungen die Tragik ausmachen und die Geschichte mit einer gewissen Schwere belegen, was ja auch den Inhalt ausmacht. Ich find´s gut. Punkt :-)

    19.08.2010, 18:34 von Fegefeuer
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    Ich finde der Text wirkt gut eben so trostlos wie es darin beschrieben wird. Nicht negativ, sondern die Schreibweiße fängt die Stimmung ein. Den Alltag. Irgendwie traurig, weil ich gerade ein Buch über eine Krebserkrankung gelesen habe, dachte ich eher er hätte diese Überwunden und könnte sich noch nicht so richtig freuen. Ja eine Aufklärung wäre schön gewesen, da siegt wieder meine Neugier...aber vielleicht würde es den Text dann nicht so gut wirken lassen.

    19.08.2010, 13:24 von sternenfeanger
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    Geht es um die neuapostolische Kirche?

    19.08.2010, 12:16 von The_Chaoskruemel
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      @The_Chaoskruemel Eigentlich nein....
      aber würde mich interessieren zu hören, wie du drauf kommst :)

      19.08.2010, 23:47 von masse_und_nacht
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      @masse_und_nacht Eigentlich nur die Tatsache, dass es einen Chor gibt, er zur Gesangstunde geht und Tenor singt... mir war nicht bewusst, dass es auch andere Kirchen gibt, die das genau SO bezeichnen...
      Aber trotzdem: mir gefällt dein Text... die Stimmung ist ziemlich erdrückend (was ja auch das Ziel war, nehm ich an)! Wirklich gut gelungen!

      22.08.2010, 16:42 von The_Chaoskruemel
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    Ich finde es toll geschrieben.
    Und am Ende hab ich das Gefühl, dass Erhard seine Frau vor kurzem verloren hat, das Leben ist nun nur noch trostlos.

    19.08.2010, 11:49 von Norien
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    Ich mags.
    Und ich mag auch die Wiederholungen. Dadurch wirkt alles doppelt so trostlos.
    Ein super Ende wäre auch gewesen, wenn er nicht mehr im Tenor gesungen hätte, sondern sein Chor für ihn. Krasses Ende, aber wie ich finde, wirkungsvoll.

    19.08.2010, 10:16 von Stefania2703
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