Kinderschänder
Stolz und mutig wie eine Kriegerin hast Du mein kleines Händchen gehalten, und das Plakat mit der Aufschrift „Todesstrafe für Kinderschänder".
Liebe Mama,
in etwas weniger als einer Stunde werde ich tot sein. Dein Sohn, den Du immer beschützen wolltest, wird dann nicht mehr leben, und Du wirst Dich der Mittäterschaft schuldig gemacht haben.
In etwas weniger als einer Stunde, wird sich die Tür öffnen. 14 Monate lang habe ich tagein, tagaus diese Tür angestarrt, während sich draußen die Welt weiterbewegt hat. Wenn sie sich öffnet, werde ich ein letztes Mal hindurch gehen. Das erste Mal werde ich nicht nach links abbiegen, wo die Waschräume sind, sondern nach rechts. Ich werde den Weg gehen, den man nur einmal im Leben geht. In etwas weniger als einer Stunde werde ich mit 20 Jahren der jüngste von bislang 27 verurteilten Straftätern sein, an denen die Todesstrafe vollzogen wurde.
Als ich klein war, habe ich Dich immer sehr bewundert, Du warst eine unglaublich starke Frau. Obwohl Du mich allein durchbringen musstest, hattest Du immer ein Lächeln für mich. Stolz und mutig wie eine Kriegerin hast Du mit der einen Hand mein kleines Händchen gehalten, mit der andern das Plakat mit der Aufschrift „Todesstrafe für Kinderschänder“.
Kinderschänder, hast Du mir erklärt, sind böse Menschen, die kleine Kinder fangen, und ihnen ganz furchtbar weh tun. Du hast mir erklärt, dass Du mich vor den bösen Menschen beschützen willst, und dass wir deshalb hier demonstrieren gehen.
Du weißt nichts von ihr, Mama. Du weißt nichts von dem Mädchen, das ich geliebt habe, und das mich geliebt hat. Das Mädchen, das seit „der Tat“ nur noch „das Opfer“ heißt. Du weißt nichts von ihr, weil ich mich von Dir abgewendet habe, nachdem Du und Deine Mitstreiter etwas geschafft hatten, was in Deutschland niemand mehr für möglich gehalten hatte. Am Ende war es erschreckend einfach gewesen, die Todesstrafe wieder einzuführen. So erschreckend wie die Ähnlichkeit, mit der sich manche Dinge wiederholen.
Mitten in den Wirren der Wirtschaftskrise titelten die Tageszeitungen, dass der Wähler „die etablierten Parteien abgestraft“ habe. Erschreckend, wie sehr das nach dem Programm der neuen rechtskonservativen Partei klang. Als sich nach zwei Jahren nichts an der Wirtschaftslage geändert hatte, die Arbeitslosigkeit weiter stieg, während der Geldwert fiel, da kam „der Schlächter vom Schwarzwald“ gerade recht. Ein arbeitsloser Metzger, der eine ganze Schulklasse auf Wanderung entführt hatte. Nachdem er sich der Lehrerin entledigt hatte, hatte er die Kinder mehrere Tage lang gequält, und anschließend umgebracht. Und so kam es, dass die Rufe nach Todesstrafe Gehör fanden. Und bevor der Wähler seinen Irrtum einsehen konnte versprach man, rigoros durchzugreifen, und tat es auch. Arbeitslosigkeit und Inflation spielten plötzlich keine Rolle mehr. Während man anfangs auf den Demonstrationen nur jene gefunden hatte, die den Geschichtsunterricht verschlafen oder geschwänzt hatten, so gesellte sich bald ein breites Spektrum an Aufrechten dazu.
Dein kleiner Junge war gewachsen, und bekam Angst vor Dir. Der Ausdruck in Deinen Augen, wenn Du in Deinem Verein gesprochen hast, wenn Du Transparente getragen hast, erinnerte mich immer mehr an die Bilder aus dem Geschichtsunterricht, den ich weder geschwänzt noch verschlafen hatte.
Genau wie Du, wussten ihre Eltern nichts von mir. Sie hätten es nicht erlaubt, denn sie war 16, und ich 18. So kam es dass niemand außer uns beiden von uns wußte. Niemand der hätte bezeugen können, dass sie freiwillig mit mir in den Wald gegangen war. Niemand, der wußte, dass sie in dieser warmen Sommernacht ihr erstes Mal mit mir erleben wollte, genau ein halbes Jahr, nachdem wir uns kennengelernt hatten. Das Picknick und die Kerzen, die sie so romantisch gefunden hatte, wurden mir zum Verhängnis. Sie könne nichts essen, sagte sie, weil sie so aufgeregt sei. Stattdessen hatte sie mich geküsst. Deshalb hatte nur ich etwas gegessen. Deshalb fand man nichts davon in ihrem Magen bei der Obduktion. „Der Sex-Gangster vom Grunewald“ schrien die Zeitungen. „Hier vergewaltigte und tötete er sie, danach aß er in aller Ruhe, zündete sogar Kerzen an“, geiferten sie unter einem Bild vom „Tatort“. Die Kerzen. Diese verdammten Kerzen. Als ob mir in den Sinn gekommen wäre, die Kerzen auszublasen, nachdem sie auf dem glitschigen Stein ausgerutscht und mit dem Kopf auf dem anderen Stein aufgeschlagen war, der ihr Leben beenden sollte.
Mir bleiben nur noch wenige Minuten, Mama. Wenige Minuten, um Dir zu verzeihen. Ich tue es, mit dem Wissen, dass Dir noch viele Jahre bleiben werden, in denen Du Dir nicht verzeihen können wirst, mitverantwortlich für den Tod Deines kleinen Jungen zu sein, den Du doch immer beschützen wolltest.
Wenn sich gleich die Tür öffnet, dann gehe ich hoch erhobenen Hauptes hindurch. Ich habe keine Angst. Ich hoffe, dass ich in wenigen Minuten bei ihr sein werde. Dass sie auf mich wartet, meine Hand nehmen und mich küssen wird. Ohne sie bleibt mir ohnehin nichts mehr auf dieser Welt.
Machs gut Mama,
Ich liebe Dich.






Kommentare
Ich versteh nicht ganz, was so schwer daran ist, einen Text so stehen zu lassen, wie er ist. Immer wieder diese Vorschläge, wie der Text wohl besser werden könnte, wenn der Autor das und das ändert. Warum denn? Wenn der Text, so wie er da steht, die Intention des Autors beinhaltet, wovon ich ausgehe, weil er ihn sonst so nicht gepostet hätte, warum dann nicht einfach lesen, nicken, "herzen" oder weiter klicken?
In einem Text, der ganz eindeutig fiktiv ist, ist es doch egal, ob es ein Gesetz gibt, das Beziehungen zwischen Jugendlichen mit 2 Jahren Altersunterschied verbietet. In dem Text ist es halt so. Das ist doch das schöne an Fiktion - erlaubt ist alles..
Ich fand den Text gut geschrieben, hat mich von der ersten Zeile an interessiert.
04.08.2012, 15:46 von remembermeIch finde es schade, dass hier über die Un- oder Sinnigkeit der Emotionalisierung des Themas diskutiert wird, anstattes einfach für das zu nehmen, was es ist. Eine fiktive Geschichte. Ein Drama, dass einen Menschen tötet. Vielleicht soll hier ja gar nicht mit erhobenem Zeigefinger gegen Todesstrafe gewettert werden? Vielleicht soll einfach eine Geschichte ohne Happy End erzählt werden. Das ist auf jeden Fall gelungen, ich war berührt. Ein sachlicher Artikel darüber hätte das vielleicht nicht geschafft.
14.07.2012, 13:55 von U.serinMich hat der Text nachdenklich gemacht. Leider kommen schneller Extremisten an die Macht, als einem lieb ist. Und dass die Medien manipuliert werden, ist leider öfter der Fall, als man sich träumen lässt (Stichwort: Florida-Rolf)...
13.07.2012, 22:58 von Emil_EmpireDer Text ist fesselnd und gut geschrieben. Bin mir ebenfalls unschlüssig über Inhalt und Aussage.
13.07.2012, 07:48 von Jackie_GreyJedenfalls nachdenkenswürdig. Erschreckend/tragisch dass "im Zweifel für den Angeklagten" hier nicht gelten sollte, da ALLE keine Zweifel sehen wollten, so einfach kann man es sich also machen. Bin noch unschlüssig, aber interessante Idee und nachhaltig.
10.07.2012, 22:19 von Mrs.McH1. Es gibt kein Gesetz,das besagt, dass 16 und 18 nicht darf.
10.07.2012, 19:51 von miezekatzeii2. Hat es folglich also nichts mit "Kinderschänder"-Tralala zu tun.
und 3. ist somit der Text irgendwie... komisch, falsch, was auch immer.
Eigentlich schade, denn die Geschichte über die Liebesbeziehung hat mir sehr gut gefallen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Fiktion
10.07.2012, 22:37 von First.Of.The.GangMh. Fiktionen sind bei mir was anderes. Aber ist ja okay. Hab ja nichts gegen deinen Text gesagt, wollte nur paar Sachen klarstellen, bevor so kleine Kiddis hier noch mit ihrem Freund Schluss machen, weil er 18 ist ;)
10.07.2012, 22:40 von miezekatzeiiAlso.. mutige Idee und von daher schade, dass du dir durch eben diesen Punkt die Spitze nimmst.. So hätte dann vielleicht auch die Verschränkung gepasst.. Denn ich dachte: Wow, ein Kinderschänder schreibt an seine Mutter? Da kann viel draus werden..
14.07.2012, 22:29 von altes_KindDenn weil du ja gerade mit Realitäten spielst, wirkt es unecht, dass du bei diesem Punkt auf Fiktion beharrst..
Aber, dein Text - mach daraus was du willst.. Nur vielleicht denkst du nochmal drüber nach, was sich daraus formen kann, wenn du das abänderst?
Ich weiß nicht, ob die Verschränkung zweier für sich genommen schon anspruchsvoller literarischer Themen in der Form glücklich ist. Für mich funktioniert es nicht.
10.07.2012, 12:29 von MisterGambitquatsch. tschulligung, aber bei diesem Thema sollte man sich auf fundiertes wissen berufen können und nicht auf durch mittelklassige Medien erhaltenes Halbwissen was mit dem tatsächlichem Tatbestand nichts zu tun hat. der plakative Titel des Textes tut den rest.
das nachdenken über den umgang mit abweichendem verhalten, vourteilen und normativität halte ich für aüßerordentlich wichtig. dein text trägt dazu bei. danke.
09.07.2012, 22:24 von Sultanine